Am Herd

BRANDHEISS UND HÖCHST PER­SÖN­LICH

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON BET­TI­NA ST­EI­NER

Neu­lich abends in ei­nem Caf´e: Ein Mann und ei­ne Frau, ein Mo­ji­to und vie­le Pa­pier­ser­vi­et­ten. Über die Lie­be, die en­det, aber nur vi­el­leicht.

Zu­erst war es nur der Zug um ih­ren Mund. So et­was Bit­te­res. Des­halb fiel sie mir auf, die jun­ge Frau im Ca­fe.´ Des­halb schau­te ich über­haupt nä­her hin. Ich hat­te ja bis­her ge­glaubt, dass wir an den Au­gen er­ken­nen kön­nen, ob ei­ner bald wei­nen wird. Weil sie sich rö­ten, noch be­vor die ers­te Trä­ne fließt. Weil es ver­däch­tig glit­zert, als wür­de das Was­ser stei­gen und stei­gen, bis es über­läuft. Aber manch­mal ist es auch der Mund. Er zuckt leicht, auf ei­ne Wei­se, die ge­nau­so deut­lich ist wie die Trä­nen, die dann fol­gen.

Ein Streit? Aber die bei­den spra­chen ja gar nicht! Sie sa­ßen an ei­nem Tisch­chen ne­ben dem Ein­gang, schwie­gen und sa­hen an­ein­an­der vor­bei. Sie blick­te zur Sei­te, ge­nau in mei­ne Rich­tung, oh­ne mich aber zu be­mer­ken. Er starr­te vor sich hin auf sei­nen Mo­ji­to, er hat­te kei­nen Schluck da­von ge­trun­ken, ja noch nicht ein­mal das Sträuß­chen Min­ze vom Glas ge­zupft. Das Ta­schen­tuch. So ging das ei­ne gan­ze Wei­le. Es war nicht viel zu se­hen, und trotz­dem schau­te ich im­mer wie­der zu den bei­den hin­über. Sie nipp­te manch­mal an ih­rem Drink. Er reich­te ihr ein Ta­schen­tuch. Und noch eins. Und noch eins, bis nur noch die lee­re Plas­tik­ver­pa­ckung ne­ben sei­nem Han­dy lag und er den Kell­ner um Ser­vi­et­ten bit­ten muss­te. Sie wein­te so still, vi­el­leicht hät­te ich es gar nicht ge­merkt, wenn sie sich nicht im­mer wie­der ge­schnäuzt hät­te.

Und dann ge­schah doch noch et­was. Er nahm ih­re Hand. Vor­sich­tig strich er über ih­ren Dau­men, sehr lie­be­voll, und sie ließ es ge­sche­hen. Sie wein­te wei­ter und sah da­bei wei­ter an ihm vor­bei und sag­te wei­ter nichts, und er hör­te nicht auf, sie zu strei­cheln und zu schwei­gen und da­bei auf sei­nen Mo­ji­to zu star­ren. Da ent­deck­te ich die Rin­ge an ih­ren Fin­gern. Ein Glas Wein. Ich über­leg­te, was die bei­den ver­band und was sie trenn­te, war­um sie wein­te, was er ihr vor­warf oder was sie ihm nicht ver­zei­hen konn­te, war­um er ih­re Hand hielt und sie sich das ge­fal­len ließ, wenn sie ihm doch nicht ein­mal in die Au­gen schau­en woll­te. Und wie­so sag­ten sie nichts? Ich ent­schied mich, noch ein biss­chen zu blei­ben, be­stell­te ein Glas Wein, ob­wohl ich ei­gent­lich mü­de war. Aber ich woll­te wis­sen, wie die Sa­che aus­ging.

Sie gin­gen ge­trennt. Er zu­erst, sein Mo­ji­to blieb un­be­rührt ste­hen. Sie pro­bier­te da­von, schüt­tel­te den Kopf, dann ging auch sie. Ich schau­te ihr nach. Sie dreh­te sich nicht um. In ih­rer Welt gab es mich ja gar nicht.

Drau­ßen wür­de ein be­son­ders heller Mond schei­nen, ein Mond, wie es ihn an­geb­lich nur al­le Jahr­zehn­te ein­mal gibt.

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