ANDRE­AS ZEMBATY

Die Presse am Sonntag - - Leben -

be­gut­ach­te­te er die Op­fer. Wenn die Tä­ter dann vor Ge­richt er­schei­nen, er­zählt er, sei er über­rascht, wie jäm­mer­lich sie wir­ken. Mit ei­ner Kra­wat­te um den Hals, um vor dem Rich­ter bes­ser aus­zu­se­hen. Selbst­dar­stel­lung als An­trieb. „Die Op­fer“, sagt Eich, „die sind in den meis­ten Fäl­len aus­tausch­bar.“Zwar hat die Öf­fent­lich­keit den Ein­druck, dass die Vi­de­os ge­macht wur­den, um die Op­fer zu de­mü­ti­gen. Aber für die Tä­ter ge­he es in ers­ter Li­nie dar­um, sich selbst als stark da­ste­hen zu las­sen. „Es geht um Ruhm. Wir sind Bur­schen und Mä­dels, die ma­chen kön­nen, was wir wol­len. Wir sind die Star­ken, wir stel­len uns als groß­ar­tig und un­be­sieg­bar da“, er­zählt er. Wenn man im wirk­li­chen Le­ben kei­ne An­er­ken­nung be­kommt, dann holt man sie sich so. „Man kann als Ver­bre­cher oder Künst­ler be­kannt wer­den“, fügt er hin­zu. Ein Ver­hal­ten, das auch Andre­as Zembaty, Spre­cher des Be­wäh­rungs­hil­fe­ver­eins Neu­start, kennt. Der Ver­ein führt bei Be­darf ei­nen Tat­aus­gleich durch, wenn sich Op­fer und Tä­ter ei­ni­gen, be­vor es zu ei­ner Ge­richts­ver­hand­lung kommt.

Meist sei es für das Op­fer sehr wich­tig zu er­fah­ren, war­um ihm das an­ge­tan wur­de, er­zählt er. „Man hat dann doch das Ge­fühl, selbst et­was falsch ge­macht zu ha­ben. Vi­el­leicht zu stark ge­schminkt ge­we­sen zu sein.“Dann wer­de re­la­tiv schnell klar, für den Tä­ter war das al­les nicht re­le­vant. Die Tat nicht von lan­ger Hand ge­plant. „Da­hin­ter steckt in vie­len Fäl­len ein man­geln­des Selbst­wert­ge­fühl und ein ver­zwei­fel­tes Su­chen nach ei­ner Büh­ne“, sagt Zembaty. Und Un­wis­sen. Es sei er­nüch­ternd zu se­hen, wie we­nig die Be­trof­fe­nen sich be­wusst sei­en, was ei­ne Ver­brei­tung an­rich­ten kön­ne.

Was so­wohl So­zi­al­ar­bei­ter als auch Psy­cho­lo­gen zu den­ken ge­be, sei die feh­len­de Op­fe­rem­pa­thie. Wenn An­grei­fer auf ihr Op­fer hin­tre­ten, ob­wohl es schon am Bo­den liegt, wenn sie wei­ter­schla­gen, ob­wohl schon Blut fließt.

Er­lernt wird Em­pa­thie in frü­hes­ter Kind­heit. Oft ge­nug sei­en die Tä­ter selbst Op­fer und um­ge­kehrt. Auch steckt hin­ter den An­grei­fern nicht im­mer das ver­wahr­los­te Kind aus der ar- men Fa­mi­lie. „Ich ken­ne auch Kin­der aus rei­chen Fa­mi­li­en, die sol­che Vi­de­os ma­chen“, sagt Psy­cho­lo­ge Eich.

In der Grup­pe wird die Ge­walt dann le­gi­ti­miert, die Ver­ant­wor­tung auf al­le ver­teilt. Er ver­gleicht es mit Krieg. „Da pas­sie­ren die schlimms­ten Sa­chen. Of­fen­bar ist das Bö­se in der Grup­pe leicht zu ent­fes­seln.“Auch Si­tua­tio­nen, in de­nen spe­zi­ell Ju­gend­li­che in der Grup­pe zu an­de­ren grau­sam sind, hät­te es schon im­mer ge­ge­ben.

Vor­bil­der im All­tag gibt es ge­nug, fin­det Zembaty von Neu­start. Wenn im Rea­li­ty-Fern­se­hen Men­schen ge­de­mü­tigt wer­den, sei das ein ähn­li­ches Mus­ter. Ihn hät­ten auch die Hass­kom­men­ta­re un­ter dem Vi­deo scho­ckiert. „Das ist ja ge­nau die glei­che Ag­gres­si­on, die die Kin­der re­pro­du­zie­ren.“

Denn ei­nes ist klar, oh­ne die Be­reit­schaft von Zu­se­hern, sich für das Vi­deo zu in­ter­es­sie­ren, funk­tio­niert es nicht. Fa­bi­an Rei­cher vom Ju­gend­zen­trum Be­wäh­rungs­hil­fe­ver­ein Neu­start

Für die Tä­ter ge­he es in ers­ter Li­nie dar­um, sich selbst als stark da­ste­hen zu las­sen.

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