Um Him­mels Wil­len, Putz!

Ein ge­bür­ti­ger Ös­ter­rei­cher und FDP-Neu­ling lan­de­te im bay­ri­schen Lands­hut ei­nen über­ra­schen­den po­li­ti­schen Er­folg. Nach fast 50 Jah­ren CSU-Vor­macht wird er Ober­bür­ger­meis­ter.

Die Presse am Sonntag - - Globus - VON WOLF­GANG BÖHM

Die woll­ten, dass ich Sprech­un­ter­richt neh­me, da­mit ich bes­se­re Chan­cen hab. Ich hab ge­sagt, das mach ich nicht.“Alex­an­der Putz hat statt­des­sen sei­ne ost­ös­ter­rei­chisch klin­gen­de Aus­spra­che zum Mar­ken­zei­chen ge­macht. „Ich will au­then­tisch sein, und das ge­hört zu mir.“Am 1. Jän­ner wird der ge­bür­ti­ge Klos­t­er­neu­bur­ger das Amt des Ober­bür­ger­meis­ters von Lands­hut, ei­ner 70.000 Ein­woh­ner zäh­len­den Stadt in Nie­der­bay­ern, über­neh­men.

Ein Ösi und ein un­er­fah­re­ner FDP-Po­li­ti­ker, mehr Han­di­caps hät­te es ei­gent­lich nicht ge­ben kön­nen. Aber Putz mach­te das Wun­der von Lands­hut nach ei­nem mo­na­te­lan­gen Wahl­kampf und ei­ner schwie­ri­gen Stich­wahl ge­gen den Lo­kal­ma­ta­dor der CSU, Hel­mut Radl­mei­er, mög­lich. Der 53-jäh­ri­ge Bau­in­ge­nieur brach nach fast ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert in die Macht­bas­ti­on der Christ­lich-So­zia­len in sei­ner Stadt ein und wird nach 32 Jah­ren Pau­se der ers­te FDP-Ober­bür­ger­meis­ter in Bay­ern. Die Ver­tre­ter des CSU-Kreis­ver­bands konn­ten nur die Hän­de über dem Kopf zu­sam­men­schla­gen.

Es ist lang her, dass Putz wäh­rend ei­ner Sport­wo­che sei­ner Schu­le am Wolf­gang­see ei­ne jun­ge Frau aus Bay­ern ken­nen­lern­te. Als er we­ni­ge Mo­na­te spä­ter mit sei­nen El­tern zur ge­schaff­ten Ma­tu­ra an­stieß, sagt er: „Und jetzt trin­ken wir noch dar­auf, dass ihr Groß­el­tern wer­det.“Sein Va­ter, ein gelernter Mau­rer, er­starr­te. We­nig spä­ter zog der da­mals 19-Jäh­ri­ge nach Lands­hut, hei­ra­te­te und bau­te sich sei­ne ei­ge­ne Exis­tenz auf. Das war 1982. Sei­ne Klas­sen­kol­le­gen er­in­nern sich noch heu­te an den hu­mor­vol­len, re­de­ge­wand­ten Schü­ler, der Gi­tar­re spiel­te, Leh­rer imi­tier­te und schon da­mals gern über Po­li­tik dis­ku­tier­te. „Ich war ein So­zi, schon al­lein we­gen mei­nes El­tern­hau­ses.“Putz se­ni­or war SPÖ-Funk­tio­när. Am liebs­ten hät­te er Pu­bli­zis­tik stu­diert, aber die jun­ge Lie­be zog ihn nach Bay­ern, an den Be­such der Uni­ver­si­tät war nicht zu den­ken.

Die Bau­tech­nik al­lein be­frie­dig­te Putz nicht. Ob­wohl sein Pla­nungs­bü­ro, das sich auf Tun­nel- und Brü­cken­bau spe­zia­li­sier­te, gu­te Um­sät­ze brach­te, schiel­te er im­mer wie­der in die Zei­tun­gen, be­tei­lig­te sich an öf­fent­li­chen po­li­ti­schen Dis­kus­sio­nen. Er wur­de in ei­nem phi­lo­so­phi­schen Ar­beits­kreis ak­tiv, las Kant, ließ sich von Max We­bers Vor­trags­rei­he „Po­li­tik als Be­ruf“und von des­sen Ver­ant­wor­tungs­ethik in­spi­rie­ren. „Ich hab ge­dacht, ich muss jetzt selbst et­was tun.“

Putz trat 2012 der FDP bei. Ein Ga­rant für ei­ne po­li­ti­sche Kar­rie­re war das zu die­sem Zeit­punkt wahr­lich nicht. Die Par­tei er­leb­te eben ih­re größ­te Kri­se seit der Grün­dung. Ei­ne li­be­ra­le, pro­eu­ro­päi­sche Po­li­tik schien an­ge­sichts der ak­tu­el­len EU- und Eu­ro-Kri­se für vie­le Wäh­ler un­at­trak­tiv. Und auch in Lands­hut ging es mit den Frei­en De­mo­kra­ten berg­ab.

»Ich war da­mals ein So­zi, schon al­lein we­gen mei­nes El­tern­hau­ses.«

Ers­te Um­fra­ge lag bei 13 Pro­zent. Putz war Quer­ein­stei­ger oh­ne jeg­li­che po­li­ti­sche Er­fah­rung, aber ihm ge­lang es, zu­erst sei­ne Par­tei­freun­de und in­ner­halb we­ni­ger Mo­na­te im­mer mehr Mit­bür­ger sei­ner Hei­mat­stadt zu über­zeu­gen. Als im Ju­li die­ses Jah­res die ein­zi­ge Um­fra­ge der lo­ka­len Zei­tung zur an­ste­hen­den Ober­bür­ger­meis­ter­wahl durch­ge­führt wur­de, spra­chen sich le­dig­lich 13 Pro­zent für den FDPKan­di­da­ten aus. Alex­an­der Putz kam den­noch in die Stich­wahl und sieg­te En­de Ok­to­ber mit ei­nem kla­ren Vor­sprung von 63 Pro­zent der Stim­men.

„Die CSU hat den Feh­ler ge­macht, dass sie mei­ne Her­kunft aus Ös­ter­reich the­ma­ti­siert hat. Sie dach­ten, die­se kä­me schlecht an.“Aber für die Lands­hu­ter, die so stolz auf ihr Kenn­zei­chen LA sind, war Putz vor al­lem ein an­ge­neh­mer Kon­trast zu den eta­blier­ten Po­li­ti­kern. Er trat in Wirts­häu­sern auf, stell­te sich Dis­kus­sio­nen in pri­va­ten Woh­nun­gen und ei­ner TVKon­fron­ta­ti­on des lo­ka­len Fern­seh­sen­ders. Am Abend des 23. Ok­to­ber wa­ren dann al­le über­rascht. Putz er­hielt die kla­re Mehr­heit. Er ließ sich ge­hö­rig fei­ern, so­gar sei­ne Mut­ter war aus Ös­ter­reich an­ge­reist. „Nur, dass mein Va­ter das nicht mit­er­lebt, tut mir leid.“Er ist be­reits vor ei­ni­gen Jah­ren ge­stor­ben.

»Bin ein Tech­ni­ker ge­blie­ben, ich su­che im­mer nach den bes­ten Lö­sungs­an­sät­zen.«

Putz will nun die In­fra­struk­tur der Stadt – ins­be­son­de­re ei­ne schnel­le In­ter­net­ver­bin­dung – aus­bau­en und den Frem­den­ver­kehr an­kur­beln. Po­ten­zi­al gä­be es da­für ge­nug. Denn die we­nigs­ten wis­sen, dass in der pit­to­res­ken Stadt an der Isar ei­ne der be­lieb­tes­ten Fern­seh­se­ri­en Deutsch­lands ge­dreht wird: „Um Him­mels Wil­len“. Dar­in spielt Fritz Wep­per ei­nen macht­be­ses­se­nen, mür­ri­schen Ober­bür­ger­meis­ter, der stän­dig klei­ne Feh­den mit den Schwes­tern ei­nes Klos­ters aus­trägt. Kein OB Wöl­ler. Putz zieht zwar jetzt als ganz rea­ler Ober­bür­ger­meis­ter in das Rat­haus mit sei­ner go­ti­schen Fas­sa­de mit­ten in der Alt­stadt ein. Ein Pen­dent zu Se­ri­en-OB Wöl­ler (Wep­per) dürf­te er frei­lich nicht wer­den. Die Lands­hu­ter wähl­ten ihn vor al­lem we­gen sei­nes stets fröh­li­chen, sach­li­chen Auf­tre­tens. Er scheu­te sich im Wahl­kampf nicht, den an­de­ren Kan­di­da­ten in Ein­zel­fra­gen Recht zu ge­ben, zeig­te sich stets kon­struk­tiv. „Da bin ich halt auch in der Po­li­tik Tech­ni­ker ge­blie­ben, ich su­che im­mer nach den bes­ten Lö­sungs­an­sät­zen.“

Pri­vat

Alex­an­der Putz auf dem Haupt­platz von Lands­hut.

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