Ein Kämp­fer ge­gen die Ba­na­li­tät

Ein kan­ti­ger Cha­rak­ter und ein gro­ßer Cha­rak­ter­dar­stel­ler: He­ri­bert Sas­se, ehe­ma­li­ger In­ten­dant, seit 2006 am Thea­ter in der Jo­sef­stadt en­ga­giert, starb mit 71 Jah­ren.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON BAR­BA­RA PETSCH

Mitt­woch hät­te er wie­der Vor­stel­lung ge­habt. „Tief be­trof­fen und be­stürzt“re­agier­te das Thea­ter in der Jo­sef­stadt auf das plötz­li­che Ab­le­ben von He­ri­bert Sas­se. Sei­ne letz­te Rol­le war der Pa­tri­arch und Stahl­in­dus­tri­el­le Es­sen­beck in der gran­dio­sen Büh­nen­fas­sung von Vis­con­tis Film „Die Ver­damm­ten“über Kor­rup­ti­on und Nie­der­gang ei­ner Dy­nas­tie. Sas­se ver­stand sich auf Per­sön­lich­kei­ten die­ser Art, die noch im An­ge­sicht des Ab­grunds kämp­fen wie der sprich­wört­li­che Lö­we. Fast mehr als Es­sen­beck, der er­bar­mungs­lo­se Ol­die, der sei­ne Fa­mi­lie ty­ran­ni­siert, be­ein­druck­te al­ler­dings des­sen De­menz. Sas­se schien die­se Krank­heit stu­diert zu ha­ben. Und man konn­te deut­lich spü­ren, dass er wie je­der nichts we­ni­ger woll­te, als so en­den. Nein, er blieb vi­tal, en­er­gisch, sar­kas­tisch und ab­grün­dig hu­mor­voll bis zu­letzt. Sein Herz war schon lan­ge schwach. In sei­nen Auf­trit­ten spiel­te der Tod oder das Töd­li­che oft mit. Scho­nungs­lo­ser Blick auf die Welt. Nor­bert May­er hat ei­nes der letz­ten In­ter­views mit Sas­se ge­führt: Dar­in ver­glich die­ser „Die Ver­damm­ten“kühn mit dem „Den­ver-Clan“, aber auch mit Sha­ke­speares „Le­ar“. Und zur Po­li­tik mein­te Sas­se: „Of­fen­sicht­lich gibt es ei­nen Rechts­ruck in ganz Eu­ro­pa. Auf­fäl­lig ist die Auf­ga­be von In­te­gri­tät und Moral. Aus­ge­rech­net die Dicks­ten in der Re­gie­rung, in ih­ren ed­len Maß­an­zü­gen, re­den da­von, dass man den Gür­tel en­ger schnal­len müs­se.“Da war die Wahl in Ame­ri­ka noch nicht ge­schla­gen. Sas­se war nicht nur ein Schau­spie­ler, er war ein schar­fer Be­ob­ach­ter und Kom­men­ta­tor. Er kann­te sich aus, nicht nur in der Thea­ter­welt.

Ge­bo­ren wur­de der Künst­ler 1945 in Linz. Er be­gann zu­nächst ein Mu­sik­stu­di­um, wand­te sich erst spä­ter der Schau­spie­le­rei zu. Den Grund da­für hat er, eben­falls im In­ter­view mit Nor­bert May­er, in den „Letz­ten Fra­gen“in der „Pres­se am Sonn­tag“er­klärt. Sas­se: „Am An­fang stand ein Raus­wurf. Ich muss­te das Rein­hardt-Se­mi­nar we­gen Dis­zi­plin­lo­sig­keit nach drei Mo­na­ten ver­las­sen. Ich fand es näm­lich nicht be­son­ders pri­ckelnd, der Per­sön­lich­keit des Leh­rers nach­zu­ei­fern, wie das da­mals üb­lich wahr. Wenn ich un­ter­rich­te, kann ich es nicht lei­den, dass da oben lau­ter Sas­ses ste­hen.“ Al­ler­lei Kar­rier­ehür­den. Als jun­ger Mann muss­te er ei­ni­ge Hin­der­nis­se über­win­den. Die El­tern be­kämpf­ten sei­nen Be­rufs­wunsch. Sas­se litt an ei­ner Schild­drü­sen­krank­heit. Die Be­set­zungs­che­fin ei­ner gro­ßen Film­fir­ma sag­te zu ihm: „Mit ih­rem Aus­se­hen geht das gar nicht. Sie wer­den doch nicht ernst­haft glau­ben, dass man da­mit Kar­rie­re macht.“Und er tat es doch. Und wie! Sas­se hat 120 Stü­cke in­sze­niert und et­wa 60 Rol­len ge­spielt. Mit Brechts „Ar­turo Ui“brach­te er es auf 300, mit dem „Herrn Karl“auf 200 Vor­stel­lun­gen. Er war kei­ner, der sein Licht un­ter den Schef­fel stell­te, um­so er­staun­li­cher ist, dass er sich seit 2006/2007 in ein vor­neh­mes En­sem­ble wie das in der Jo­sef­stadt ein­füg­te. Er spiel­te dort un­ter an­de­rem in der Brecht-Urauf­füh­rung „Die Ju­dith von Shi­mo­da“und in­sze­nier­te die Ko­mö­die „Mich hät­ten sie se­hen sol­len“.

Sas­se be­ein­druck­te spe­zi­ell als Ban­kier Nat­ter in Schnitz­lers „Das wei­te Land“, ein Mann der Hoch­fi­nanz, der al­les im Griff hat, au­ßer sei­ner Frau, die er tief liebt und die ihn mit dem Fa­b­ri­kan­ten Ho­frei­ter be­trügt. Sas­se spiel­te auch den ur­al­ten Stut­zer in Hor­vaths´ „Nie­mand“. Die­se Fi­gur hat­te et­was un­heim­lich schwe­bend Ent­rück­tes in ih­rer Mi­schung aus Wis­sen, Re­si­gna­ti­on und Sehn­sucht. Sas­se war stets ein Kämp­fer ge­gen die Ba­na­li­tät und Rou­ti­ne des Büh­nen­we­sens. Er kann­te es von der Pi­ke auf. Er hat­te ei­ne Leh­re als Elek­tro­tech­ni­ker ab­sol­viert, sei­ne ers­ten Kon­tak­te mit der Kunst wa­ren als Be­leuch­ter, In­spi­zi­ent und Re­gie­as­sis­tent am Volks­thea­ter so­wie im Kel­ler­thea­ter in Mün­chen. „Mein ers­ter Satz im Volks­thea­ter bei Di­rek­tor Gus­tav Man­ker war: ,Ist das nicht das Lo­kal, in dem der Mord ge­schah?‘“, er­zähl­te er spä­ter. Ein Glück: Wolf­gang Bau­er, da­mals als be­deu­ten­der Avant­gar­dist ge­fei­ert, ge­fiel Sas­ses Inszenierung von „Ma­gic Af­ter­noon“. Go­berts Nach­fol­ger. Ab 1976 in­sze­nier­te Sas­se in der Jo­sef­stadt, am Volks­thea­ter, an der Frei­en Volks­büh­ne in Ber­lin und bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len. 1980 wur­de er In­ten­dant des Ber­li­ner Re­nais­sance-Thea­ters. Von 1985 bis 1990 lei­te­te er als Ge­ne­ral­in­ten­dant die Staat­li­chen Schau­spiel­büh­nen Ber­lin. Dort folg­te er kei­nem Ge­rin­ge­ren als dem be­gna­de­ten Thea­ter­mann Boy Go­bert, der zu zart war für die knall­har­te Ber­li­ner Kri­tik. Go­bert hät­te das Wie­ner Thea­ter in der Jo­sef­stadt über­neh­men sol­len. Doch er starb. Die Ber­li­ner Staat­li­chen Schau­spiel­büh­nen, die Sas­se führ­te, wa­ren ei­ne har­te Nuss. Sie zehr­ten von ei­ner gro­ßen Ver­gan­gen­heit. Sas­se för­der­te da­mals Auf­stre­ben­de wie Eberhard Witt, Ni­ko­laus Bach­ler oder Mat­thi­as Hart­mann. 1993 wur­de das Schil­ler­thea­ter „ab­ge­wi­ckelt“und ge­schlos­sen, ein Schock, der die deutsch­spra­chi­ge Büh­nen­land­schaft und ih­re Ver­ant­wort­li­chen bis heu­te ge­prägt hat. Sas­se über­nahm das ehe­ma­li­ge klei­ne Haus, das Schloss­park-Thea­ter und lei­te­te es bis 2002. Es zog ihn nach Wi­en zu­rück.

Hier star­te­te er un­ter an­de­rem mit „Mis­ter Ro­sa“von Bar­ba­ra Frischmuth am Volks­thea­ter. Es geht um ei­nen

Von 1985 bis 1990 lei­te­te Sas­se die kri­seln­den Staat­li­chen Schau­spiel­büh­nen in Ber­lin. Er be­herrsch­te har­te Ge­schäfts­leu­te so bril­lant wie me­lan­cho­li­sche Ver­lie­rer.

eben­so ver­zwei­fel­ten wie ner­vi­gen Haus­mann. Das Thea­ter war sein Zu­hau­se. Sas­se spiel­te aber auch oft in vie­len Fil­men: „Tat­ort“, „Mut­ters Cou­ra­ge“(Ge­or­ge Ta­bo­ri/Michael Ver­hoeven), „Jud Süß – Film oh­ne Ge­wis­sen“(Re­gie: Os­kar Ro­eh­ler) und zu­letzt in „Deck­na­me Holec“(Franz No­vot­nys Zilk-Film). Fer­ner un­ter­rich­te­te Sas­se am Mo­zar­te­um und in Ber­lin. Wer ihn traf, dem fiel zu­erst sein en­er­ge­ti­sches We­sen auf, dann sei­ne Be­red­sam­keit und sein in Deutsch­land er­wor­be­nes Po­ker­face. Und doch hat­te er auch et­was sehr Wie­ne­ri­sches, Schmäh, Raf­fi­nes­se und Un­durch­schau­bar­keit.

Kat­ha­ri­na Roß­both

Deut­sche Gründ­lich­keit er­warb er, Wie­ner Schmäh hat­te er: He­ri­bert Sas­se (1945 − 2016).

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