Zer­bro­chen? Oder lebt er?

Die Presse am Sonntag - - Kultur -

Bon Jo­vi sein ödes Ant­litz zeig­te, ver­mark­tet von den gro­ßen Plat­ten­fir­men („ma­jor com­pa­nies“), die da­mals noch als Feind­bil­der der Sze­ne die­nen konn­ten, die sich „al­ter­na­ti­ve“oder „in­de­pen­dent“(kurz: „in­die“) nann­te.

Dass Nir­va­na 1991 bei ei­ner gro­ßen Plat­ten­fir­ma lan­de­ten – das wur­de da­mals tat­säch­lich von vie­len In­die-Ideo­lo­gen als Ver­rat ge­se­hen, als Zei­chen eben da­für, dass der Punk – re­spek­ti­ve sei­ne Idea­le – zer­bro­chen war. Die­se Idea­le hat­ten sich kurz da­vor, in den spä­ten Acht­zi­ger­jah­ren, noch ein­mal in der Hard­core-Punk-Be­we­gung ver­fes­tigt: Bands wie No­me­ans­no oder Fu­ga­zi pre­dig­ten Wi­der­stand durch As­ke­se, durch Ver­zicht auf die Ver­lo­ckun­gen nicht nur des Kom­mer­zes, son­dern auch des Al­ko­hols, der Dro­gen, des Flei­sches. Wenn Punk im­mer et­was Re­for­ma­to­ri­sches hat­te und hat – in die­ser „Strai­ght Edge“ge­nann­ten Be­we­gung wur­de er pu­ri­ta­nisch.

Es gibt sie bis heu­te, die Hard­corePunk-Ge­mein­den, und am leich­tes­ten kann man sich bei ih­nen un­be­liebt ma­chen, wenn man die Bands lobt, die mit Punk seit der Mit­te der Neun­zi­ger­jah­re gro­ßen Er­folg ha­ben: Gre­en Day und The Offspring vor al­lem. Bei­de schei­nen in Form (kur­ze Haa­re, kur­ze Songs) und In­halt (Ab­nei­gung ge­gen den „Ame­ri­can Idi­ot“, ge­gen ei­ne Ar­beits­welt, in der die „kids“nicht „all­right“sein kön­nen) völ­lig kor­rekt im Sin­ne der Re­geln des Punk; an ih­nen passt nur ei­nes nicht: dass sie so er­folg­reich sind. Das ist oft der letz­te, ei­gent­lich trau­ri­ge Rest der Punk-Ideo­lo­gie: die Ab­nei­gung ge­gen je­den Mas­sen­ge­schmack.

Na­tür­lich auch – und hier nicht un­ver­ständ­lich – ge­gen den so­ge­nann­ten Fun-Punk, den vor al­lem deut­sche Bands wie Die To­ten Ho­sen und Die Ärz­te präg­ten. Aber auch die Gol­de­nen Zi­tro­nen, die in­zwi­schen längst zu ei­ner schrof­fen Form des Dis­kurs-Punk ge­fun­den ha­ben. Als sie noch be­tont spa­ßig wa­ren, hat­ten sie ei­nen Hit mit „Für im­mer Punk“(1987), in dem sie „If The Kids Are Uni­ted“, die al­te, nai­ve Hym­ne von Sham 69 aus dem Jahr 1978, zi­tier­ten und frag­ten: „Willst du wirk­lich im­mer Hip­pie blei­ben?“Das war na­tür­lich rhe­to­risch ge­meint.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.