Das La­men­to der Geg­ner von Po­pu­lis­ten

Vie­le se­riö­se Zei­tun­gen zei­gen nach der Wahl des Re­pu­bli­ka­ners Do­nald Trump zum Prä­si­den­ten der USA ein we­nig Reue. Das dürf­te ein Pro­gramm für Min­der­hei­ten blei­ben.

Die Presse am Sonntag - - Medien - VON NOR­BERT MAY­ER

Nach der Schlacht um das Wei­ße Haus gin­gen ei­ni­ge Me­di­en, die den Aus­gang der US-Wah­len nicht er­war­tet hat­ten, in sich. In „ The New York Ti­mes“, die der De­mo­kra­tin Hil­la­ry Cl­in­ton zu­letzt für die Prä­si­dent­schaft Sie­ges­chan­cen von 80 bis 90 Pro­zent ge­ge­ben hat­te, wand­ten sich Her­aus­ge­ber und Chef­re­dak­teur in ei­nem ge­mein­sa­men Brief an die Le­ser, um ih­rer Kli­en­tel „die größ­te po­li­ti­sche Sto­ry des Jah­res“und ih­ren dra­ma­ti­schen Hö­he­punkt in der Wahl­nacht zu er­klä­ren.

Sie frag­ten sich, ob der „Pre­si­dent elect“, der für die Re­pu­bli­ka­ner sieg­rei­che Do­nald Trump, durch sei­nen un­kon­ven­tio­nel­len Stil ih­re Zei­tung und auch vie­le an­de­re da­zu ver­lei­tet hät­te, sei­ne brei­te Un­ter­stüt­zung bei den USWäh­lern zu un­ter­schät­zen. Die Chefs des Welt­blatts ver­spra­chen ei­ne Neu­ori­en­tie­rung: „Wir wol­len uns wie­der der fun­da­men­ta­len Mis­si­on des ,Ti­mes‘-Jour­na­lis­mus wid­men. Da­mit ist ge­meint, dass über Ame­ri­ka und die Welt ehr­lich, oh­ne Furcht oder Be­güns­ti­gung be­rich­tet wird, im­mer im Be­mü­hen, al­le po­li­ti­schen Per­spek­ti­ven und Le­bens­er­fah­run­gen in den Ge­schich­ten zu brin­gen, die wir ih­nen bie­ten.“ Die Le­ser könn­ten sich auch auf die glei­che Fair­ness ver­las­sen, mit der über den neu­en Prä­si­den­ten und sein Team be­rich­tet wer­de. Das klingt schon wie­der zwei­deu­tig: Soll mehr auf die Le­ser ge­hört wer­den – oder auf Trump?

Auf­ge­passt hat je­den­falls Star­jour­na­list Da­vid Rem­nick, der den schei­den­den de­mo­kra­ti­schen US-Prä­si­den­ten Ba­rack Oba­ma un­mit­tel­bar vor und nach der Wahl im Wei­ßen Haus be­g­lei- ten durf­te. Rem­nick schrieb dar­über im Ma­ga­zin „The New Yor­ker“ei­nen aus­führ­li­chen Es­say mit Ele­men­ten der Re­por­ta­ge. Ge­mein­sam le­cken die bei­den ih­re Wun­den. Ein tol­ler See­len­s­trip! Of­fen­bar hat­te Oba­ma in den Ta- gen vor der Wahl als ei­ner der we­ni­gen ei­ne düs­te­re Ah­nung da­von, dass die De­mo­kra­ten an fast al­len Fron­ten ver­lie­ren wür­den. Kurz nach der Wahl sag­te er zum Re­por­ter, das Er­geb­nis sei kei­ne Apo­ka­lyp­se. Die Ge­schich­te be­we­ge sich nicht ge­rad­li­nig; manch­mal ge­he sie seit­wärts, manch­mal zu­rück. Dann folgt in dem Ar­ti­kel sei­ten­wei­se die See­len­pfle­ge und die Sor­ge um das Er­be die­ser Prä­si­dent­schaft.

Ein La­men­to. Am meis­ten Er­kennt­nis bringt je­doch ei­ne von Rem­nick zi­tier­te, im Netz der­zeit po­pu­lä­re Vor­aus­sa­ge des 2007 ver­stor­be­nen USPhi­lo­so­phen Richard Ror­ty. Der hat in „Achie­ving Our Coun­try“be­reits 1998 ei­nen bru­ta­len Po­pu­lis­ten für sein Land vor­aus­ge­sagt: Die ver­nach­läs­sig­te Ar­bei­ter­klas­se wer­de nicht dul­den, dass man sie an den Rand drän­ge. Da wer­de et­was bre­chen: „Au­ßer­halb der Vor­städ­te wird die Wäh­ler­schaft den Schluss zie­hen, dass das Sys­tem ge- schei­tert sei, und sich nach ei­nem star­ken Mann um­se­hen, den man wäh­len kön­ne – je­man­den, der da­zu be­reit ist, die­sen Men­schen zu ver­si­chern, dass, falls er ein­mal ge­wählt wer­de, die ar­ro­gan­ten Bü­ro­kra­ten, trick­rei­chen Ju­ris­ten, über­zahl­ten Ak­ti­en­händ­ler und post­mo­der­nen Pro­fes­so­ren nicht mehr das Sa­gen ha­ben wer­den . . .“

Kann es sein, dass Trump da­mals die­se Pro­gno­se ge­le­sen hat? Er wur­de ge­nau in die­ser Zeit ge­fragt, ob er Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat wer­den wol­le. Der Im­mo-Hai hat ver­neint, dann aber hin­zu­ge­fügt, falls er ein­mal an­tre­ten wür­de, dann nur bei den Re­pu­bli­ka­nern. Die hät­ten näm­lich die dümms­te Wäh­ler­schaft, die ei­nem al­les ab­kau­fe. Dik­tŻ­tur ©es Res­sen­ti­ments. Es ist ein from­mer Wunsch zu glau­ben, dass die Wäh­ler Trumps die Bot­schaft se­riö­ser Blät­ter zum jour­na­lis­ti­schen Ethos hö­ren. Ei­ne am 10. No­vem­ber von „At­las“ver­öf­fent­lich­te Sta­tis­tik über die Le­serIn­ter­ak­tio­nen zu Ar­ti­keln di­ver­ser pro­mi­nen­ter Me­di­en auf Face­book in den vier Wo­chen zu­vor ist er­nüch­ternd. Der erz­kon­ser­va­ti­ve Fox News Chan­nel kam auf 44,6 Mil­lio­nen In­ter­ak­tio­nen – mehr als sechs­mal so viel wie je­ne der „New York Ti­mes“. Zu­sam­men mit dem ul­tra­rech­ten Di­enst Breit­bart (18 Mil­lio­nen), der für Trump trom­mel­te, hat Fox News mehr Auf­merk­sam­keit im größ­ten so­zia­len Netz als CNN, „Huf­fing­ton Post“, „New York Ti­mes“, „Wa­shing­ton Post“und „Wall Street Jour­nal“zu­sam­men­ge­nom­men. Die Sprach­roh­re der Po­pu­lis­ten sind we­sent­lich grö­ßer als je­ne, die als se­ri­ös gel­ten. Ers­te­re stel­len kei­ne er­kenn­ba­ren Über­le­gun­gen dar­über an, ob man die Le­ser durch zu we­nig jour­na­lis­ti­sche Sorg­falt ver­letzt ha­be. Und in den so­zia­len Net­zen scheint oh­ne­hin die Dik­ta­tur des Res­sen­ti­ments zu herr­schen.

Reu­ters

Das Leit­me­di­um auf Face­book: Kei­nes er­ziel­te in den vier Wo­chen vor der US-Wahl so vie­le In­ter­ak­tio­nen mit Le­sern wie der erz­kon­ser­va­ti­ve Fox News Chan­nel.

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