Der neo­fa­schis­ti­sche Traum von ei­nem au­to­ri­tä­ren Eu­ro­pa

Be­reits nach Kriegs­en­de wur­de die Eu­ro­pa­idee auch von neo­fa­schis­ti­schen Ideo­lo­gen ver­folgt. Ihr Werk be­ein­flusst noch heu­te die Ver­bin­dun­gen zwi­schen der ex­tre­men Rech­ten und rus­si­schen Krei­sen. Ei­ne be­son­de­re Rol­le spiel­te in den An­fän­gen ein ehe­ma­li­ger

Die Presse am Sonntag - - Kunstmarkt - VON THOMAS RIEG­LER

Die Cos­ta del Sol gilt ge­mein­hin als Ur­lau­ber­pa­ra­dies. Prak­tisch un­be­kannt ist da­ge­gen ein dunk­les Ka­pi­tel Zeit­ge­schich­te, das dem süd­spa­ni­schen Küs­ten­strei­fen den Bei­na­men „Cos­ta del Na­zi“ein­ge­bracht hat: Nach der Nie­der­la­ge des Drit­ten Reichs hat­ten sich zahl­lo­se NS-Ver­bre­cher hier­her ge­flüch­tet. Das fa­schis­ti­sche Re­gime von Ge­ne­ral Fran­co nahm sie mit of­fe­nen Ar­men auf und ge­währ­te Schutz vor Aus­lie­fe­rung. An­fang der 1950er-Jah­re gab es in Spa­ni­en schon ei­ne re­gel­rech­te Ko­lo­nie von 16.000 NS-Exi­lan­ten. Vie­le von ih­nen – dar­un­ter der bel­gi­sche NS-Kol­la­bo­ra­teur Le­on De­grel­le, der be­rüch­tig­te Wie­ner SS-Of­fi­zier Ot­to Skor­ze­ny oder der an der Nie­der­schla­gung des Um­sturz­ver­suchs vom 20. Ju­li 1944 be­tei­lig­te Ot­to Ernst Re­mer – ver­brach­ten ei­nen ru­hi­gen Le­bens­abend.

Ei­ni­ge hoch­be­tag­te Pen­sio­nä­re sind noch üb­rig – so et­wa in Ben­al­ma-´ de­na, wo­hin es vor ei­ni­gen Jah­ren auch den ös­ter­rei­chi­schen Ho­lo­caust­leug­ner Bernd Hon­sik ver­schla­gen hat: 97 Jah­re alt ist der ge­bür­ti­ge Gra­zer Theo­dor Soucek mitt­ler­wei­le. In Ös­ter­reich ist er lan­ge schon in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Soucek hat­te den Zwei­ten Welt­krieg als Of­fi­zier mit­ge­macht; nach dem Jahr 1945 bau­te er ein weit­ver­zweig­tes Flucht­hil­fe­netz auf für in al­li­ier­ten In­ter­nie­rungs­la­gern ein­sit­zen­de NS-Tä­ter. 1947 wur­de die Or­ga­ni­sa­ti­on schließ­lich zer­schla­gen.

Soucek und ei­ni­ge Mit­ver­schwö­rer wur­den da­für zum Tod ver­ur­teilt, aber 1952 von Bun­des­prä­si­dent Adolf Schärf be­gna­digt. In den dar­auf­fol­gen­den Jah­ren ver­schrieb sich Soucek ge­mein­sam mit an­de­ren Neo­fa­schis­ten ei­nem Pro­jekt, das un­ter­schwel­lig bis heu­te nach­wirkt: der Schaf­fung ei­nes ver­ei­nig­ten Eu­ro­pas als „Vier­tes Reich“. Die­se Idee wur­de prak­tisch par­al­lel zu den Be­stre­bun­gen ver­folgt, die mit den Rö­mi­schen Ver­trä­gen (1957) die Ent­wick­lung zur heu­ti­gen Eu­ro­päi­schen Uni­on an­stie­ßen. De­le­gier­ten­tref­fen in Mal­mö. Wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs hat­ten auf deut­scher Sei­te Zehn­tau­sen­de eu­ro­päi­sche Frei­wil­li­ge ge­gen den Bol­sche­wis­mus ge­kämpft. Ei­ner der ers­ten Ver­su­che, die­ses Po­ten­zi­al neu zu or­ga­ni­sie­ren, fand am 12. Mai 1951 statt: Im schwe­di­schen Mal­mö tra­fen sich 60 De­le­gier­te rechts­ex­tre­mer Be­we­gun­gen aus ganz We­st­eu­ro­pa.

Der Kon­gress führ­te zur Bil­dung der Eu­ro­päi­schen So­zi­al­be­we­gung (ESB), mit na­tio­na­len Sek­tio­nen in der BRD, Schwe­den, Nor­we­gen, Dä­ne­mark, Nie­der­lan­de, Bel­gi­en, Frank­reich und Ös­ter­reich. Die ver­schie­de­nen Or­ga­ni­sa­tio­nen wa­ren sich ei­nig, dass die­ses Eu­ro­pa an­ti-par­la­men­ta­risch, au­to­ri­tär und völ­kisch ori­en­tiert sein wür­de – als drit­te Kraft zwi­schen den Macht­blö­cken USA und UdSSR. Es blieb je­doch bei ei­nem Er­folg auf sym­bo­li­scher Ebe­ne, weil die ESB we­gen ih­rer „mo­de­ra­ten“Hal­tung bald den Rück­halt der ei­ge­nen Ba­sis ver­lor und auf wa­cke­li­gen fi­nan­zi­el­len Bei­nen stand.

Nun kam Soucek ins Spiel: An­fang 1957 grün­de­te er die So­zi­al­or­ga­ni­sche Ord­nungs­be­we­gung Eu­ro­pas (Sor­be), wo­bei un­ter „so­zi­al­or­ga­nisch“die „bio­lo­gi­sche art- und schick­sals­mä­ßi­ge Ver­ket­tung“des In­di­vi­du­ums mit Fa­mi­lie und Volk zu ver­ste­hen war. Wel­che Frei­heit Eu­ro­pas? Das da­zu­ge­hö­ri­ge Pro­gramm ver­pack­te Soucek 1956 in sei­nem schwüls­ti­gen Buch „Wir ru­fen Eu­ro­pa. Ver­ei­ni­gung des Abend­lan­des auf So­zi­al-Or­ga­ni­scher Grund­la­ge“. Dar­in hielt er fest, dass das „bol­sche­wis­ti­sche Russ­land“vom Aus­gang des Zwei­ten Welt­kriegs un­gleich mehr pro­fi­tiert ha­be, „als al­le üb­ri­ge Welt“. Dar­über hin­aus ha­be der Os­ten „sein Kon­zept und sei­nen Kris- tal­li­sa­ti­ons­punkt“. Der Wes­ten da­ge­gen be­sit­ze nichts der­glei­chen: „Im Os­ten be­sitzt das Den­ken und Han­deln der Füh­ren­den und Ge­führ­ten ziel­stre­bi­ge Rich­tung. Im Wes­ten nicht.“

Im eu­ro­päi­schen Raum ha­be sich bis­lang we­der das „Sys­tem Mos­kaus“noch die „Be­reit­wil­lig­keit zum An­schluss an den Dol­lar“durch­ge­setzt. Und zwar, so Soucek, weil der In­stinkt „hell­wach“da­für sei, „ob man für die ei­ge­ne oder ei­ne ver­meint­li­che Frei­heit ar­bei­ten, kämp­fen, op­fern, blu­ten und ster­ben soll“. Eben des­halb ge­be es „kein bes­se­res Lo­sungs­wort als den Ruf: Für die Frei­heit Eu­ro­pas!“Kon­kret stell­te sich Soucek ei­ne „Eu­ro­pa­re­gie­rung“mit Sitz in Genf vor, in de­ren Sou­ve­rä­ni­täts­be­rei­che In­nen­po­li­tik und Rechts­ge­stal­tung, Wirt­schaft, Fi­nan­zen und Wäh­rung, Si­cher­heit und Wehr­kraft, Au­ßen­po­li­tik so­wie Er­zie­hung und For­schung fal­len soll­ten. An der Spit­ze soll­te ein auf fünf Jah­re ge­wähl­ter und für die­se Zeit un­ab­setz­ba­rer „Prä­si­dent von Eu­ro­pa“ste­hen.

Am 7. und 8. De­zem­ber 1957 lud die Sor­be im Salz­bur­ger Ho­tel Pit­ter zum „Eu­ro­pa­kon­gress“– cir­ca 1000 Per­so­nen wa­ren ge­kom­men, dar­un­ter Er­win Vol­len­wei­der, der 1951 die Volks­par­tei der Schweiz ge­grün­det hat­te, und der fran­zö­si­sche Neo­fa­schist und Ho­lo­caust­leug­ner Hen­ri Roc­ques.

Als man Mit­te No­vem­ber 1958 ei­ne Nach­fol­ge­ver-

Ver­tei­di­gung Eu­ro­pas vor dem »bol­sche­wis­ti­schen« Russ­land und dem US-Dol­lar.

Michael Gru­ber/EXPA/ pic­tu­re­desk.com

Tre­ten für Al­li­an­zen mit rus­si­schen Ideo­lo­gen ein: An­hän­ger der Iden­ti­tä­ren auf ei­ner De­mons­tra­ti­on in Wi­en.

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