Cul­tu­re Clash

FRONTNACHRICHTEN AUS DEM KULTURKAMPF

Die Presse am Sonntag - - Geschichte - VON MICHAEL PRÜLLER

Kran­kes Sys­tem. Hei­ßer Tipp für al­le, die gern Eli­ten bei der Welt­ver­schwö­rung in fla­gran­ti er­tap­pen möch­ten: die Ab­tei­lung für Re­pro­duk­ti­ons­me­di­zin der WHO.

Kürz­lich hat der „Dai­ly Te­le­graph“be­rich­tet, dass die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on WHO ih­re De­fi­ni­ti­on von „Un­frucht­bar­keit“neu fas­sen wird. Ein Dr. Da­vid Adam­son hat sich auf ei­ner Kon­fe­renz für Fort­pflan­zungs­me­di­zin in Salt La­ke Ci­ty als Mi­t­au­tor der neu­en De­fi­ni­ti­on vor­ge­stellt und er­zählt: Wäh­rend die WHO bis­her von Un­frucht­bar­keit sprach, wenn je­mand nach zwölf Mo­na­ten Sex kein Kind ge­zeugt bzw. emp­fan­gen hat­te, soll künf­tig je­der als un­frucht­bar gel­ten, der ein Kind will, aber kei­nes be­kom­men kann – et­wa, weil der Part­ner das­sel­be Ge­schlecht hat oder es gar kei­nen Part­ner gibt. Die neue De­fi­ni­ti­on, so Adam­son, be­inhal­te „ein Recht auf Nach­wuchs für je­den“.

Der Hin­ter­grund ist klar: Es geht dar­um, wer Zu­gang zu In-Vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on (IVF) be­kommt – und wem das die Kran­ken­kas­se zahlt. In vie­len Län­dern sind Sa­me-Sex-Paa­re oder Singles da­von aus­ge­schlos­sen. Sie ha­ben ja kei­nen kör­per­li­chen De­fekt. Die neue Krank­heits­de­fi­ni­ti­on wür­de mit die­ser Sicht­wei­se auf­räu­men.

Ver­nünf­tig wä­re sie nicht. Hat denn je­mand, dem der Ge­sprächs­part­ner fehlt, ei­ne Sprech­stö­rung? Sind Ho­mo­se­xu­el­le al­so doch krank? Au­ßer­dem – und das ha­ben so­fort Fe­mi­nis­tin­nen mo­niert – ist ein „Recht auf ei­ge­nen Nach­wuchs“für Män­ner oh­ne Part­ne­rin nur über Leih­müt­ter um­zu­set­zen. Ei­ne Ver­zwe­ckung ei­ner Frau, da­mit der Mann zu sei­nem „Recht“kommt? Rech­te ha­ben in Krank­heits­de­fi­ni­tio­nen eben de­fi­ni­tiv nichts ver­lo­ren.

Die WHO hat mitt­ler­wei­le, sehr lei­se, de­men­tiert: Auch ei­ne Neu­de­fi­ni­ti­on wer­de nur ei­ne „kli­ni­sche Be­schrei­bung der Un­frucht­bar­keit als Krank­heit des re­pro­duk­ti­ven Sys­tems“sein. Schön. Aber woll­te das die WHO von vorn­her­ein so – oder ist sie zu­rück­ge­ru­dert, seit der Be­richt des „Te­le­graph“mil­lio­nen­fach in So­ci­al Net­works höh­nisch kom­men­tiert wur­de? Und wer passt ei­gent­lich auf die Ideo­lo­gi­sie­rung der Welt durch UN-Ein­rich­tun­gen wie die WHO auf – kön­nen sich Ex­per­ten dort al­les un­ter sich aus­ma­chen? Die Idee, dass die Ge­sell­schaft auf je­der­manns Wunsch Nach­wuchs zu ver­schaf­fen hat, ist ja im­mer noch auf dem Tisch.

Und was macht ei­gent­lich ein IVF-In­dus­tri­el­ler wie Adam­son in der sie­ben­köp­fi­gen „Top Ad­vi­so­ry Group“für Re­pro­duk­ti­ons­me­di­zin der WHO? Er wä­re als Grün­der und CEO der Kli­ni­ken­grup­pe Ad­van­ced Re­pro­duc­tive Ca­re Inc. Groß­pro­fi­teur sei­ner ei­ge­nen Be­ra­tung. Und war­um hat sich seit dem „Te­le­graph“-Ar­ti­kel kein ein­zi­ges Me­di­um der Welt in­ves­ti­ga­tiv da­mit be­fasst? So oft wird dar­über ge­klagt, dass die Eli­ten sich hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren die Welt zu­recht­bie­gen. Hier könn­te man sie ja vi­el­leicht auf fri­scher Tat er­tap­pen. Der Au­tor war stv. Chef­re­dak­teur der „Pres­se“und ist nun Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef der Erz­diö­ze­se Wi­en.

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