An­mer­kun­gen zum Tod ei­nes Dik­ta­tors

Die Re­vo­lu­ti­ons­ro­man­tik, die sich in man­che Nach­ru­fe auf Fi­del Cas­tro mischt, ist de­plat­ziert. Der ver­klär­te Co­man­dan­te hat Ku­ba in den Ru­in ge­trie­ben und sei­nem Volk Jahr­zehn­te ge­stoh­len.

Die Presse am Sonntag - - Seit - LEIT­AR­TI­KEL VON CHRISTIAN ULTSCH

Die Welt ist im Um­bruch. Al­te Ord­nun­gen und Ge­wiss­hei­ten lö­sen sich auf. Die Zei­chen für die Zei­ten­wen­de ver­dich­ten sich: Fi­nanz­kri­se, Schul­den­kri­se, Grie­chen­land-Kri­se, Eu­ro­kri­se, Krim-Kri­se, Sy­ri­en-Kri­se, Flücht­lings­kri­se, Br­ex­it, die Wahl Do­nald Trumps und die Aus­sicht auf Ma­ri­ne Le Pen. Al­les scheint auf ein­mal mög­lich. Of­fen­bar ist ei­ne ge­wal­ti­ge all­er­gi­sche Re­ak­ti­on im Gang: ein zor­ni­ger Back­lash ge­gen Li­be­ra­li­sie­rung und Glo­ba­li­sie­rung, ge­gen ra­sen­de wirt­schaft­li­che, tech­no­lo­gi­sche, so­zia­le und de­mo­gra­fi­sche Ve­rän­de­run­gen, ge­gen die Eli­ten.

In­mit­ten die­ser ver­un­si­chern­den End­zeit­stim­mung wirkt die Nach­richt vom Tod Fi­del Castros wie ein Nach­hall aus ei­ner ver­sun­ke­nen Epo­che, ei­nem At­lan­tis auf dem Grund des Mee­res. Denn in Rich­tung So­zia­lis­mus zeigt, Po­de­mos und Sy­ri­za in al­len Eh­ren, der­zeit kein gro­ßer Weg­wei­ser an der ge­gen­wär­ti­gen his­to­ri­schen Kreu­zung. Als An­ti­po­den tre­ten viel­mehr – wie im vor­mar­xis­ti­schen 19. Jahr­hun­dert – der Li­be­ra­lis­mus und ei­ne re­ak­tio­nä­re Ge­gen­be­we­gung in Er­schei­nung, in der sich na­tio­na­lis­ti­sche, iso­la­tio­nis­ti­sche, kon­ser­va­ti­ve und zum Teil auch au­to­ri­tä­re Strän­ge lo­se ver­bin­den.

Der Kom­mu­nis­mus in­des bleibt dis­kre­di­tiert, im Or­kus der Ge­schich­te, nur noch ein ir­re­füh­ren­des Fir­men­schild der tur­bo­ka­pi­ta­lis­ti­schen Dik­ta­tur in Pe­king. Dass die­ses Wirt­schafts- und Ge­sell­schafts­mo­dell nicht funk­tio­niert, ha­ben die Adep­ten von Marx, Le­nin und Co. grau­sam be­wie­sen. Um­so selt­sa­mer mu­tet die Re­vo­lu­ti­ons­ro­man­tik an, die sich in man­che Nach­ru­fe auf Cas­tro mischt. Eu­ro­päi­sche So­zi­al­de­mo­kra­ten wie et­wa auch Ös­ter­reichs Na­tio­nal­rats­prä­si­den­tin Do­ris Bu­res er­wähn­ten zwar pflicht­schul­dig die Ver­let­zung von Men­schen­rech­ten und de­mo­kra­ti­schen Wer­ten auf Ku­ba, doch auch bei ihr klang Be­wun­de­rung durch. Wie kaum ein an­de­rer ha­be Cas­tro die Hoff­nun­gen von Mil­lio­nen auf ei­ne ge­rech­te­re Welt ver­kör­pert, merk­te die SPÖ-Po­li­ti­ke­rin an.

Was im­mer sich die Mil­lio­nen, zu de­nen sich of­fen­bar auch Bu­res zählt, er­träumt ha­ben: In Ku­ba ha­ben sich die­se Hoff­nun­gen nicht er­füllt. Cas­tro er­rich­te­te ei­ne un­ter­drü­ck­e­ri­sche De­s­po­tie, sperr­te Kri­ti­ker ein und trieb die Zu­cker­in­sel in den wirt­schaft­li­chen Ru­in. Mit sei­nem ideo­lo­gi­schen Starr­sinn stahl er Ku­ba Jahr­zehn­te der Ent­wick­lung.

Statt den Aus­gleich mit dem rei­chen Nach­barn zu su­chen, pfleg­te Cas­tro die Feind­schaft zu den USA, in die er sich nach der Re­vo­lu­ti­on mit Ent­eig­nun­gen und sei­ner Ver­brü­de­rung mit der So­wjet­uni­on ritt. Das brach­te die Welt nach der Sta­tio­nie­rung rus­si­scher Ra­ke­ten auf Ku­ba 1962 an den Rand ei­nes Atom­kriegs. Vom un­se­li­gen Han­dels­em­bar­go, das die USA schon zwei Jah­re zu­vor ver­hängt hat­ten, pro­fi­tier­te Cas­tro letzt­lich po­li­tisch. Er hat­te von da an ei­ne be­que­me Pa­tent­er­klä­rung, um von sei­ner Ver­ant­wor­tung für die Mi­se­re in Ku­ba ab­zu­len­ken. Frei­luft­mu­se­um. Für Tou­ris­ten mag es reiz­voll sein, durchs KP-Frei­luft­mu­se­um un­ter Pal­men zu wan­deln. Dort zu le­ben ist we­ni­ger lus­tig. Hun­dert­tau­sen­de Ku­ba­ner flüch­te­ten seit 1959 aus dem Pa­ra­dies. Sie such­ten an­ders­wo ei­ne ge­rech­te­re Welt. Was nützt das ach so gu­te kos­ten­lo­se Bil­dungs- und Ge­sund­heits­sys­tem, das die In­ter­na­tio­na­le der Cas­tro-Freun­de ger­ne rühmt, wenn das durch­schnitt­li­che Mo­nats­ein­kom­men bei 20 Dol­lar liegt und kaum fürs Le­ben reicht. Bei al­lem Re­spekt vor der his­to­ri­schen Be­deu­tung Castros bie­tet des­sen Tod auch Ge­le­gen­heit, ei­nen Schluss­strich un­ter ei­ne ver­lo­ge­ne Re­vo­lu­ti­ons­nost­al­gie zu zie­hen.

Für Ku­ba selbst wird sich we­nig än­dern. Fi­dels Bru­der Rau´l hat die Zü­gel schon vor zehn Jah­ren über­nom­men und – zu zag­haf­te – Re­for­men ein­ge­lei­tet. Viel­leicht hät­te sich die Aus­söh­nung mit den USA be­schleu­nigt, wenn sie El Co­man­dan­te nicht noch im Ru­he­stand ge­bremst hät­te. Doch bald sitzt ein Prä­si­dent im Wei­ßen Haus, der im Wahl­kampf an­ge­kün­digt hat, die von Oba­ma er­öff­ne­te US-Bot­schaft in Ha­van­na wie­der zu schlie­ßen. Auch in die­ser Welt im Um­bruch hat Ku­ba schlech­te Kar­ten, wenn es sein Re­gie­rungs­sys­tem nicht um­stellt.

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