Ewi­ger Re­vo­lu­tio­när, ewi­ger Feind

Sechs Jahr­zehn­te lang hat er eben­so ve­he­ment wie starr­köp­fig ver­sucht, den Lauf der Welt auf­zu­hal­ten. Bis zu­letzt war sein Ku­ba ein Re­likt aus dem Re­vo­lu­ti­ons­mu­se­um. Die An­nä­he­rung sei­nes Bru­ders an die USA hat Cas­tro nicht be­hagt.

Die Presse am Sonntag - - Tod Castros - VON ANDRE­AS FINK

Am En­de war er ein Greis im Trai­nings­an­zug, die Stim­me ein brü­chi­ges Fal­sett, der Re­bel­len­bart schüt­ter, ein le­ben­des Ex­po­nat des Re­vo­lu­ti­ons­mu­se­ums na­mens Ku­ba, ge­le­gent­lich noch be­sucht von Prä­si­den­ten, Päps­ten und an­de­ren Pil­gern. Am Schluss sei­nes lan­gen Le­bens wur­de der einst furcht­er­re­gen­de Re­bell, der nach ei­ge­ner Zäh­lung 637 Mord­an­schlä­ge über­lebt hat­te, zu ei­nem Uro­pa, den al­le ir­gend­wie moch­ten. Die ei­nen, weil er sechs Jahr­zehn­te lang eben­so ve­he­ment wie starr­köp­fig ver­such­te, den Lauf der Welt auf­zu­hal­ten. Und die an­de­ren, weil der da­bei an­ge­rich­te­te Scha­den über­schau­bar blieb.

57 Jah­re lang leis­te­te der Ka­ri­bikKom­mu­nist dem „Im­pe­rio“im Nor­den Wi­der­stand, und al­lem, was sonst noch nach De­mo­kra­tie oder Markt­wirt­schaft roch. Und mehr als ein Jahr­zehnt trotz­te er dem Tod, nach­dem ihn ei­ne schwe­re Dar­m­ent­zün­dung 2006 zwang, die Re­gie­rungs­füh­rung nach 47 Jah­ren ab­zu­ge­ben. Die­ser letz­te Kampf war nicht zu ge­win­nen. Am Frei­tag­abend hat er sei­ne Au­gen für im­mer ge­schlos­sen. Er wur­de, so die of­fi­zi­el­len An­ga­ben, 90 Jah­re alt. Aber das ist wohl noch ei­ne der ge­rin­ge­ren Le­bens­lü­gen des Fi­del Cas­tro Ruz.

Tat­säch­lich war er ein Jahr jün­ger. Am 13. Au­gust 1927 kam er in Bi­ran´ im Os­ten der In­sel Ku­ba zur Welt. Sei­ne Mut­ter war die Kö­chin sei­nes an­der­wei­tig ver­hei­ra­te­ten Va­ters, ei­nes Spa­ni­ers, der als Hilfs­sol­dat ge­kom­men war und als Grund­be­sit­zer reich wur­de. „Fi­del Hi­po­li­to´ Ruz Gon­za­lez“´ stand auf dem Tauf­schein, bei­de Fa­mi­li­en­na­men sei­ner Mut­ter, wie üb­lich bei un­ehe­li­chen Kin­dern. Spä­ter be­stach der Va­ter ei­nen Stan­des­be­am­ten, der die Nach­na­men der Kin­der eben­so ver­än­der­te wie Fi­dels zwei­ten Vor­na­men und des- sen Ge­burts­da­tum: Fi­del Ale­jan­dro Cas­tro Ruz war nun ein Jahr äl­ter – und da­mit be­fä­higt, das Je­sui­ten­kol­leg in der Haupt­stadt Ha­van­na zu be­su­chen. Er war oh­ne­hin grö­ßer, schlau­er und weit­aus be­red­ter als sei­ne Al­ters­ge­nos­sen. Zu­dem fort­schrei­tend Beau und Base­ball-Ass. Auf der ju­ris­ti­schen Fa­kul­tät ließ er Her­zen schmel­zen, und – so ei­ne der un­zäh­li­gen Cas­tro-Le­gen­den – an­geb­lich spiel­te er En­de der 1940er-Jah­re bei den New York Yan­kees vor. Um­sturz-Un­ter­richt. Cas­tro war ein paar Jah­re An­walt und Par­tei­po­li­ti­ker, bis Ful­gen­cio Ba­tis­tas Macht­er­grei­fung all sei­ne de­mo­kra­ti­schen Am­bi­tio­nen er­stick­te. Em­pört über so­zia­les Un­recht, Kor­rup­ti­on und Will­fäh­rig­keit des Wa­shing­ton-Büt­tels Ba­tis­ta über­zeug­te er 1953 et­wa 160 jun­ge Män­ner da­von, die zweit­größ­te Ka­ser­ne des Lan­des zu stür­men, in der 1500 Sol­da­ten sta­tio­niert wa­ren. Der Coup schei­ter­te, meh­re­re Mit­ver­schwö­rer star­ben bei Ra­che­ak­ten des Mi­li­tärs, nicht je­doch Cas­tro. „Die Ge­schich­te wird mich frei­sp­re- chen“, schrieb er in ei­nem Brief aus dem Ge­fäng­nis. Tat­säch­lich ent­ließ ihn, nach In­ter­ven­tio­nen der ein­fluss­rei­chen Fa­mi­lie, das Re­gime selbst – und un­ter­zeich­ne­te da­mit sein To­des­ur­teil.

Fi­del und sein jün­ge­rer Bru­der Rau´l flo­hen nach Me­xi­ko, nah­men Um­sturz-Un­ter­richt bei Ve­te­ra­nen des spa­ni­schen Bür­ger­kriegs und ga­bel­ten den Ar­gen­ti­ni­er Er­nes­to „Che“Gue­va­ra auf, des­sen le­gen­dä­res Kon­ter­fei spä­ter von Mil­lio­nen Pos­tern in Mil­lio­nen Ju­gend­zim­mer blick­te. 82 Mann be­stie­gen im No­vem­ber 1956 ei­ne ab­ge­ta­kel­te Mo­tor­jacht na­mens Gr­an­ma, die bei ih­rer An­kunft am 2. De­zem­ber 1956 schon er­war­tet wur­de. Nur 21 Re­vo­lu­tio­nä­re konn­ten sich in die Berg­wäl­der der Sier­ra Mad­re flüch­ten, dar­un­ter Che und Fi­del.

Dass Cas­tro an der Spit­ze ei­ner Re­bel­len­ar­mee zwei Jah­re spä­ter tri­um­phie­rend in Ha­van­na ein­mar­schie­ren konn­te, er­zählt viel über sei­ne Füh­rungs­kraft. Und es er­zählt auch ei­ni­ges über die Ge­müts­la­ge der Men­schen im „Hin­ter­hof der USA“. Die Re­vo­lu­ti­on war ein na­tio­na­les Pro­jekt, un­ter­stützt von brei­ten Tei­len der Be­völ­ke­rung, so­gar von ei­ni­gen Wohl­ha­ben­den, die es leid wa­ren, das Bor­dell der USA zu be­woh­nen. Eu­ro­pas In­tel­lek­tu­el­le flo­gen auf den ka­ri­bi­schen Hitz­kopf, der so viel jün­ger und au­then­ti­scher war als die Ap­pa­rat­schiks in Ost­eu­ro­pa.

Un­ver­ges­sen bleibt die wei­ße Tau­be, die sich auf Fi­dels Schul­ter nie­der­ließ, just als die­ser zu sei­ner Tri­um­phre­de an­he­ben woll­te. Castros An­hän­ger deu­te­ten das als himm­li­schen Fingerzeig und sei­ne Geg­ner als plum­pen Pro­pa­gan­datrick mit do­mes­ti­zier­ten Brief­tau­ben.

Un­ver­ges­sen bleibt die wei­ße Tau­be auf Castros Schul­ter bei sei­ner Tri­um­phre­de.

Bis zum letz­ten Tag. Tat­säch­lich wa­ren sei­ne ers­ten Jah­re an der Macht die ent­schei­den­den für sei­nen So­ckel­platz in der Welt­ge­schich­te. Groß­grund­be­sitz kon­fis­zier­te er – zu­al­ler­erst das Gut der ei­ge­nen Fa­mi­lie –, dann die viel­fach im US-Be­sitz be­find­li­che In­dus­trie. Streit­kräf­te und Staat wur­den bru­tal ge­säu­bert. Die In­sel ließ er be­waff­nen, um Um­sturz­ver­su­chen zu ent­ge­hen. „Wir kau­fen Waf­fen von je­dem, der sie uns ver­kauft“, sag­te Cas­tro da­mals. Und mein­te die So­wjet­uni­on. Am Rand der UN-Voll­ver­samm­lung traf Cas­tro in Har­lem – nur dort fand die ku­ba­ni­sche De­le­ga­ti­on ein Ho­tel – auf Ni­ki­ta Ch­ruscht­schow. Die­ser sag­te da­nach: „Ich weiß nicht, ob Cas­tro ein Kom­mu­nist ist. Aber ich bin Fi­de­list!“Gut ein Jahr spä­ter gab Cas­tro die Ant­wort: „Vol­ler Ge­nug­tu­ung und Ver­trau­en ge­be ich be­kannt, dass ich Mar­xist-Leni­nist bin und blei­ben wer­de bis zum letz­ten Tag in mei­nem Le­ben.“

Die­ses Ver­spre­chen hat Cas­tro nicht ge­bro­chen. Castros Bio­gra­fen be­schrei­ben den Wan­del vom po­pu­lä­ren So­zi­al­re­vo­lu­tio­när zum kom­mu­nis­ti­schen Con­trol-Freak vor al­lem als Fol­ge der Ein­fluss­ver­su­che der Su­per­macht im Nor­den. Mit der CIA-in­iti­ier­ten und ver­ei­tel­ten Lan­dung von Exil­ku­ba­nern in der Schwei­ne­bucht und der im letz­ten Mo­ment ab­ge­bla­se­nen Sta­tio­nie­rung so­wje­ti­scher Atom­ra­ke­ten im Hin­ter­hof der USA 1962 wur­de Ku­ba zur Lun­te des kal­ten Kriegs.

John F. Ken­ne­dy ver­such­te es mit dem bis heu­te ver­häng­ten Wirt­schafts­em­bar­go, das wohl als in­ef­fi­zi­en­tes­ter Boy­kott al­ler Zei­ten in die Welt­ge­schich­te ein­ge­hen dürf­te. Tat­säch­lich trie­ben die USA da­mit Cas­tro zum Bru­der­kuss mit Leo­nid Bre­schnew. Und sie

Castros Tod be­deu­tet für die Welt wohl das de­fi­ni­ti­ve En­de des 20. Jahr­hun­derts.

lie­fer­ten ihm und sei­nen Ge­treu­en ei­ne perfekte Ent­schul­di­gung für sämt­li­che öko­no­mi­schen Miss­er­fol­ge, die der In­sel heu­te tat­säch­lich so et­was wie so­zia­le Ge­rech­tig­keit ver­schaff­ten – auf Ar­muts­ni­veau. Der Zu­stand des Ge­mein­we­sens, in dem pro­mo­vier­te Phy­si­ker dar­auf hof­fen, ei­ne Ta­xi-Li­zenz zu er­gat­tern, ist heu­te bes­ten­falls ein re­al ve­ge­tie­ren­der So­zia­lis­mus.

Si­cher ist, dass Castros per­ma­nen­tes Pro­vi­so­ri­um ir­gend­wie über­le­ben konn­te, weil er stets Gön­ner fand. Erst die So­wjet­uni­on, spä­ter dann

FP

Ku­ba­ner hal­ten am 1. Mai in Ha­van­na das Bild Fi­del Castros hoch.

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