»Wes­halb soll ich trau­rig sein? Trau­rig ist sein Er­be«

Ku­ba nimmt den Tod Castros ru­hig und ge­fasst auf. Er be­deu­tet im lang­sa­men Ku­ba kei­ne Kehrt­wen­de.

Die Presse am Sonntag - - Tod Castros - VON OS­CAR AL­BA (HA­VAN­NA)

Vie­le Men­schen schlie­fen schon, und die Jun­gen zo­gen noch durch die Stra­ßen, Kn­ei­pen und Clubs, als Staats­prä­si­dent Rau´l Cas­tro um Mit­ter­nacht in sei­ner oliv­grü­nen Uni­form am Schreib­tisch sit­zend im Staats­fern­se­hen kurz und knapp den Tod sei­nes Bru­ders ver­kün­de­te. Der Vier­ster­ne­ge­ne­ral gab sich Mü­he, mi­li­tä­risch stramm zu wir­ken, am En­de rief er fast ver­zwei­felt „Has­ta la vic­to­ria siemp­re!“in die Ka­me­ra. Da­mit hat­te es sich, die TV-Sen­der stell­ten ih­re Pro­gram­me ein, le­dig­lich auf ei­nem Ka­nal war ei­ne Schrift­ta­fel mit Rau´ls Bot­schaft ein­ge­blen­det. Die Nacht war ru­hig und Ha­van­na bei Son­nen­auf­gang so schlaf­trun­ken und fried­lich wie eh und je.

Ein jun­ger Fahr­rad­t­a­xi­fah­rer, der an ei­ner Ecke in Cen­tro Ha­ba­na auf frü­he Kund­schaft war­te­te, zuck­te leicht ge­nervt mit den Schul­tern, als ihn ei­ne vor­bei­ge­hen­de Be­kann­te frag­te, ob er trau­rig sei. „Wes­halb soll ich trau­rig sein? Trau­rig ist das, was er uns hier hin­ter­las­sen hast.“Er. Das ist das Wort, das die Ku­ba­ner be­nut­zen, wenn sie von Fi­del re­den. Sei­nen Na­men spre­chen die we­nigs­ten aus – aus Re­spekt und Ehr­furcht oder aus Angst, Furcht oder gar Ab­scheu. Das war schon zu Leb­zei­ten so.

Er, der jahr­zehn­te­lang als un­sterb­lich galt, ist nun ge­stor­ben. Die Stim­mung am Tag da­nach in Ha­van­na: für ka­ri­bisch-ku­ba­ni­sche Ver­hält­nis­se ru­hig und ge­fasst, re­spekt­voll bis teil­nahms­los. Ein al­ter Mann, der an der Ufer­pro­me­na­de Male­con´ mit ei­nem aus­ge­frans­ten Be­sen mehr schlecht als recht die Ab­fäl­le der Nacht weg­wischt, sagt mü­de: „Er war alt und krank, und sie ha­ben ihn nur noch mit Pil­len und was weiß ich al­les am Le­ben er­hal­ten. Er war nur noch ein Schat­ten sei­ner selbst. Jetzt ist er weg. Das wars. In Miami wer­den sie wahr­schein­lich ju­beln, doch hier wird nichts pas­sie­ren.“Mar­len von der Ca­fe­te­ria Hai­fisch hofft nun, dass „jetzt, wo der gro­ße Brem­ser und Bru­der tot ist, Rau´l bei den Re­for­men ei­nen Gang hö­her schal­tet“.

Im Som­mer 2006 muss­te der Re­vo­lu­ti­ons­füh­rer und Al­lein­herr­scher sei­ne Äm­ter krank­heits­hal­ber sei­nem Bru­der, Rau´l, über­ge­ben, und von da an be­gann Fi­dels lang­sa­mer Tod. Ku­ba und die Welt konn­ten in Zeit­lu­pe mit­ver­fol­gen, wie der Re­vo­lu­tio­när und kalte Krie­ger schwä­cher und zitt­ri­ger wur­de. Fi­del, die Iko­ne, der le­ben­de My­thos, schrumpf­te zu mensch­li­cher Grö­ße, zu­letzt konn­te er sich kaum mehr selbst auf den Bei­nen hal­ten. Sein wah­rer Ge­sund­heits­zu­stand war wie so vie­les um und über ihn stets ein Staats­ge­heim­nis, doch sein Tod nur noch ei­ne Fra­ge der Zeit.

Ein paar St­un­den nach der To­des­nach­richt war Fi­del be­reits Asche. In den Staats­me­di­en hat die Qua­si-Hei­lig­spre­chung so­fort be­gon­nen. Of­fi­zi­ell spricht man nur vom „phy­si­schen Ver-

Cas­tro war al­les in ei­ner Per­son: Füh­rer, Va­ter, Pa­tron, Licht­ge­stalt, Hass­fi­gur.

schwin­den“ei­nes Man­nes, der ja oh­ne­hin un­sterb­lich bis in al­le Ewig­keit ist. Ein bö­ses Er­wa­chen hat es in Ku­ba nicht ge­ge­ben und wird es auch nicht ge­ben. Da­für hat der an­de­re Cas­tro ge­sorgt.

Rau´l hat zehn lan­ge Jah­re Zeit ge­habt, sich und sein Land auf die­sen Mo­ment vor­zu­be­rei­ten. Er hat Fi­dels Ku­ba nicht auf den Kopf ge­stellt, doch hin­ter den Ku­lis­sen ge­nug ge­tan, da­mit Ku­ba nach Fi­dels Tod nicht ins Wan­ken ge­rät. Cas­tro II hat Fi­dels eins­ti­ge Al­lein­herr­schaft un­auf­ge­regt, be­däch­tig und naht­los in ein Mi­li­tär­re­gime um­ge­wan­delt, das die Po­li­tik, Wirt­schaft und das Volk fest im Griff hat.

Fi­del Cas­tro war in Ku­ba und für die Ku­ba­ner über ein hal­bes Jahr­hun­dert lang al­les in ei­ner Per­son: Füh­rer, Va­ter, Pa­tron, Pa­tri­arch, Licht­ge­stalt, Hass­fi­gur. Fi­del war die Re­vo­lu­ti­on. Doch sie ist ei­gent­lich schon lang vor ihm ge­stor­ben.

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