Der Prä­si­dent der 68er

Vom Be­kämp­fer des Esta­blish­ments zum Kan­di­da­ten des Esta­blish­ments: Alex­an­der Van der Bel­len – wie er wur­de, was er ist. Ein Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen, der an der Staats­spit­ze en­den könn­te. So­fern er die Wahl noch ein­mal ge­winnt.

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON OLI­VER PINK

Es war dann schon ein we­nig ein Hil­la­ry-Mo­ment. Am Mon­tag­abend in der Al­ber­ti­na-Pas­sa­ge beim „Abend für Alex­an­der Van der Bel­len“. Hans-Pe­ter Ha­sel­stei­ner, Christian Kon­rad und Ma­ria Rauch-Kal­lat stan­den auf der Büh­ne, Georg Kapsch, der Prä­si­dent der In­dus­tri­el­len­ver­ei­ni­gung, Cor­ne­li­us Ob­onya, der Schau­spie­ler, Ro­ma­no Pro­di, der frü­he­re EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­dent, Aleksan­der Kwas­niew­ski,´ der ehe­ma­li­ge Staats­prä­si­dent Po­lens.

Man ver­si­cher­te sich ge­gen­sei­tig, auf der rich­ti­gen Sei­te zu ste­hen, sprach viel von eu­ro­päi­schen Wer­ten und of­fe­nen Gren­zen. Vor al­lem, was Letz­te­res be­trifft, war es für die Van­der-Bel­len-Kam­pa­gne mög­li­cher­wei­se oh­ne­hin bes­ser, dass dies im ge­schlos­se­nen Rah­men blieb und nicht nach au­ßen drang. Ins­be­son­de­re ÖVP-Wäh­ler, aber auch SPÖ-Wäh­ler, um die es jetzt geht, wer­den das mit den „of­fe­nen Gren­zen“even­tu­ell an­ders se­hen.

Sonst: Sehr schick, sehr auf­ge­schlos­sen, sehr eta­bliert. Manch Red­ner sprach das so­gar an: Ja, man sei Eli­te, und das sei auch nichts Schlech­tes. Das Pu­bli­kum bür­ger­lich, li­be­ral, mo­dern, auch zahl­rei­che Wie­ner So­zi­al­de­mo­kra­ten – vom Bo­bo- wie vom Au­ßen­be­zirk-Flü­gel – wa­ren da.

Man kann es dre­hen und wen­den, wie man will: Alex­an­der Van der Bel­len ist nun ein­mal der Kan­di­dat des so­ge­nann­ten Esta­blish­ments. Der Kan­di­dat der Ur­ba­nen, auch de­ren Eli­ten, wie das nicht zu­letzt die ers­te Stich­wahl aus­wies. Fast al­les, was in die­sem Land Rang und Na­men hat, hat sich hin­ter ihm ver­sam­melt. Viel brei­ter kann ei­ne Ko­ali­ti­on – von links au­ßen bis Mit­te rechts – nicht mehr wer­den. Nor­bert Ho­fer wie­der­um war im ers­ten Durch­gang vor al­lem der Kan­di­dat des klei­nen Man­nes vom Land. Nicht un­ähn­lich der wäh­ler­so­zio­lo­gi­schen Zwei­tei­lung in den USA al­so.

Micha­el Fleisch­ha­cker deu­te­te die Wahl Do­nald Trumps auf NZZ.at als ei­nen Sieg der 68er-Ge­gen­re­vo­lu­ti­on. „Und die Angst der Lin­ken da­vor, dass ih­re kul­tu­rel­le Do­mi­nanz nach ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert nicht mehr auf­recht­zu­er­hal­ten ist, ist sehr be­rech­tigt.“

In Ös­ter­reich steht nun aus­ge­rech­net ein Kan­di­dat der Ge­ne­ra­ti­on ’68 zur Wahl. Mit Alex­an­der Van der Bel­len an der Staats­spit­ze hät­ten die 68er ih­ren Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen er­folg­reich zu ei­nem En­de ge­bracht. Bis­her saß ja nur Bru­no Ai­g­ner in der Hof­burg, als Spre­cher von Heinz Fischer. Ai­g­ner ist jetzt üb­ri­gens Teil des Van-der-Bel­len-Un­ter­stüt­zungs­ko­mi­tees „Es bleibt da­bei“. Ei­ner Grup­pe, die vor Alt-68ern nur so strotzt: von Pe­ter Hu­e­mer bis Susanne Scholl, von And­re´ Hel­ler bis Werner Vogt.

Oh­ne 1968 wä­re Van der Bel­len wohl we­der bei den Grü­nen ge­lan­det noch heu­te de­ren Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat. Die­se Kul­tur­re­vo­lu­ti­on, mit der die Nach­kriegs­zeit zu En­de ging, hat auch den jun­gen Ti­ro­ler po­li­ti­siert.

Es war ein lan­ger Weg vom Be­kämp­fer des Esta­blish­ments – über das die re­vol­tie­ren­den Stu­den­ten un­ter an­de­rem mit dem Spott­vers „Wer zwei­mal mit der­sel­ben pennt, ge­hört schon zum Esta­blish­ment“her­zo­gen – bis zum Kan­di­da­ten des Esta­blish­ments. Adel in Russ­land. Ei­gent­lich ent­stammt Alex­an­der Van der Bel­len ei­ner bür­ger­li­chen Fa­mi­lie, dem, was man „li­be­ra­les Esta­blish­ment“nen­nen könn­te. Die aus den Nie­der­lan­den zu­ge­wan­der­te Fa­mi­lie war vom Za­ren in den Adel­stand er­ho­ben wor­den, sein gleich­na­mi­ger Groß­va­ter, Alex­an­der Van der Bel­len, zähl­te zu den li­be­ra­len Ho­no­ra­tio­ren der west­rus­si­schen Stadt Ps­kow. Nach der – zu­erst im We­sent­li­chen bür­ger­li­chen – Re­vo­lu­ti­on mach­te ihn die bür­ger­li­che Re­gie­rung zum Chef der lo­ka­len Ver­wal­tung.

Als fast hun­dert Jah­re spä­ter, im Mai 2016, in Ös­ter­reich Alex­an­der Van der Bel­len die Stich­wahl zum Staats­chef ge­winnt, fei­ern Ps­kower Re­gio­nal­me­di­en dies als Sieg des En­kels des frü­he­ren Gou­ver­neurs ih­rer Re­gi­on.

Kurz vor der (kom­mu­nis­ti­schen) Ok­to­ber­re­vo­lu­ti­on trat Groß­va­ter Van der Bel­len vom Amt zu­rück. In der Fol­ge flüch­te­te die Fa­mi­lie nach Est­land. Alex­an­der Van der Bel­len, sein Sohn, al­so der Va­ter des Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten, stu­dier­te an der Uni­ver­si­tät von Tar­tu Wirt­schaft, lei­te­te ei­ne Fir­ma

Ein in­to­le­ran­ter An­ti­ka­pi­ta­list sei er da­mals ge­we­sen. Heu­te sieht er sich als Li­be­ra­len.

für Holz­ex­por­te und hei­ra­te­te die est­ni­sche Apo­the­ker­toch­ter An­na Sie­bold. Zu­hau­se hät­ten sie stets „Up­per class Rus­sisch“ge­spro­chen, wie Alex­an­der Van der Bel­len ju­ni­or das nennt.

Und wie­der­um muss­te die Fa­mi­lie flie­hen. Im Zwei­ten Welt­krieg rück­te die Ro­te Ar­mee an. Die Van der Bel­lens gin­gen 1941 von Est­land über Würz­burg nach Wi­en, wo Sohn Alex­an­der ge­bo­ren wur­de. Und 1945 nach Ti­rol. Est­land. 1941 von Est­land, ei­nem Land, in­dem auf­grund der Angst vor der So­wjet­uni­on vie­le mit den Deut­schen sym­pa­thi­sier­ten, ins Deut­sche Reich aus­zu­rei­sen und dort noch un­ter NSHerr­schaft ei­ne neue Exis­tenz auf­bau­en zu kön­nen, hat zu Vor­wür­fen ge­führt, Van der Bel­lens Va­ter könn­te ein Na­zi ge­we­sen oder zu­min­dest mit die­sen ko­ope­riert ha­ben. Ei­nen Be­weis da­für gibt es frei­lich nicht. Was es gab, war ein Um­sie­de­lungs-Ab­kom­men zwi­schen NS-Deutsch­land und der So­wjet­uni­on, von dem die Van der Bel­lens Ge­brauch mach­ten.

Alex­an­der Van der Bel­len se­ni­or war dann in Ös­ter­reich als Groß­han­dels­kauf­mann mit Sitz in Inns­bruck und Linz tä­tig. Der Sohn wuchs zu­erst im Kau­ner­tal, dann in Inns­bruck auf. Dort ging er auch zur Schu­le. Und stu­dier­te spä­ter Volks­wirt­schaft. Er wur­de As­sis­tent am In­sti­tut des kon­ser­va­tiv­li­be­ra­len Cle­mens Au­gust And­reae, der zu sei­nem Men­tor wur­de.

„Ich selbst kreuz­te bei mei­ner al­ler­ers­ten Wahl ÖVP an“, er­in­ner­te sich Alex­an­der Van der Bel­len in sei­nen im Vor­jahr er­schie­ne­nen Me­moi­ren. Doch un­ter dem Ein­druck der auf­kei­men­den Stu­den­ten­be­we­gung ver­schob

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