Der Ad­vent, wie er frü­her war

Von der ver­pön­ten »Ber­li­ner Sit­te« ge­schmück­ter Bäu­me, dem ers­ten Krip­pen­markt und spä­ter Weih­nachts­be­leuch­tung. Ein his­to­ri­scher Blick auf den Ad­vent in der Stadt.

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON KA­RIN SCHUH

Für die ei­nen ist es der ers­te Punsch auf ei­nem der un­zäh­li­gen Wie­ner Weih­nachts­märk­te. Für die an­de­ren ist es die weih­nacht­lich ge­schmück­te Stadt in­klu­si­ve fest­lich de­ko­rier­ter Bäu­me, Weih­nachts­be­leuch­tung und gro­ßer Ad­vent­krän­ze. Der Ad­vent ist wie­der da – auch in der Stadt. Ge­nau­so wie der Ad­vent sei­ne Tra­di­tio­nen hat, ge­hört das La­men­tie­ren dar­über, dass es frü­her doch schö­ner, be­schau­li­cher, lei­ser war und vor al­lem nicht so früh be­gann, mitt­ler­wei­le auch zum Ad­vent da­zu. Wo­bei ein Blick in die Ge­schich­te zeigt: Der Ad­vent war schon ein­mal viel län­ger, näm­lich sechs Wo­chen lang. Der Ad­vent selbst ist rund 1500 Jah­re alt, sei­ne Be­gleit­erschei­nun­gen aber bei Wei­tem nicht. Man­ches hat sich ver­än­dert, an­de­res nicht. Und vie­les ist über­haupt nicht so lang da, wie wir mei­nen möch­ten.

Der Christ­baum zum Bei­spiel. Er ist zu­min­dest in Wi­en we­sent­lich jün­ger als der Christ­kindl­markt, oder ge­nau ge­nom­men des­sen Vor­gän­ger. Ge­heim­po­li­zei sich­tet Christ­baum. Es war im Jahr 1813, als der Wie­ner Ge­heim­po­li­zei die jü­di­sche Ban­kiers­fa­mi­lie Arn­stein un­an­ge­nehm auf­fiel, weil sie ei­ne un­schick­li­che „Ber­li­ner Sit­te“prak­ti­zier­te – in­dem sie ihr Wohn­zim­mer mit ei­nem fest­li­chen Christ­baum schmück­te. Un­ter den Gäs­ten, die die Fa­mi­lie am 26. De­zem­ber 1813 zu sich nach Hau­se lud, war näm­lich auch ein Ge­heim­po­li­zist, der die­ses Ver­ge­hen zu Pro­to­koll gab. Christ­bäu­me wa­ren da­mals ver­pönt, weil es sich um kei­nen ka­tho­li­schen Brauch han­del­te. Das än­der­te sich aber dank des Adels recht schnell.

1816 hat­te Hen­ri­et­te Alex­an­d­ri­ne von Nas­sau-Weil­burg, die Gat­tin von Erz­her­zog Karl, näm­lich die­se „Ber­li­ner Sit­te“auf­ge­grif­fen und eben­falls ei­nen Weih­nachts­baum auf­stel­len las­sen. Das wie­der­um be­ein­druck­te ih­ren Sch­wa­ger. Kai­ser Franz I ge­fiel der ge­schmück­te Baum so gut, dass er dar­auf­hin be­schloss, die Hof­burg zu Weihnachten eben­falls mit ei­nem Christ­baum zu schmü­cken. Da­mit ver­brei­te­te sich die­se Mo­de schnell und ent­wi­ckel­te sich bald zu ei­nem Brauch.

Was an­fangs nicht je­dem ge­fiel. So schrieb et­wa Erz­her­zog Jo­hann nach ei­nem weih­nacht­li­chen Be­such bei sei­nem Bru­der, Erz­her­zog Karl, in sein Ta­ge­buch: „In frü­he­rer Zeit, als ich klein war, gab es ein Krip­perl, wel­ches be­leuch­tet war, da­bei Zu­cker­werk – sonst aber nichts. Nun ist kein Krip­perl mehr! Wir sa­hen ei­nen Graß­baum mit vie­lem Zu­cker­werk und Lich­teln und ein gan­zes Zim­mer voll Spie­le­rei­en al­ler Art und wahr­lich man­ches sehr Schö­nes und Vie­les, wel­ches sich in we­ni­gen Wo­chen zer­schla­gen, zer­tre­ten, ver­schleppt sein wird und wel­ches ge­wiß Tau­sen­de Gul­den ge­kos­tet. Ich fand mich so ein­sam und kei­nen fro­hen Blick konn­te ich mehr ma­chen.“

Manch ei­ner denkt sich viel­leicht Ähn­li­ches, wenn er den größ­ten der Weih­nachts­märk­te – den Christ­kindl­markt – be­sucht. Seit wann es den Christ­kindl­markt un­ter die­sem Na­men gibt, weiß man auch im Wie­ner Markt­amt heu­te nicht mehr. „Da­zu feh­len lei­der die Auf­zeich­nun­gen“, sagt Spre­cher Alex­an­der Hengl. Was er aber weiß: 1722 fand der ers­te Weih­nachts­markt Er­wäh­nung, der da­mals man­gels Christ­kind nicht Christ­kindl­markt hieß, son­dern Ni­ko­lo-, Weih­nachts­und Krip­pen­markt. Die 132 Krip­pen­markt­stän­de wur­den da­mals auf der Frey­ung je­weils ab 5. De­zem­ber auf­ge­baut und blie­ben bis Neu­jahr ste­hen. Das pass­te al­ler­dings den Stand­lern des re­gu­lä­ren Mark­tes, die hier eben­so ih­re Wa­ren an­bo­ten, nicht ganz. 1842 wur­de der Krip­pen­markt schließ­lich auf den Platz Am Hof ver­legt. Peckn, Leb­zel­ter, Zug­ger­pa­cher. Wo­bei Hengl noch ei­nen äl­te­ren Vor­fah­ren des Christ­kindl­mark­tes aus­fin­dig ma­chen konn­te. Der so­ge­nann­te Tho­mas­markt wur­de be­reits ab 1600 je­weils von 16. oder 17. De­zem­ber bis 9. Jän­ner vor Sankt Ste­phan, al­so am Gra­ben und auf der Brand­stät­te, auf­ge­stellt. Dort ha­ben „Peckn, Leb­zel­ter und Zug­ger­pa­cher“ih­re Wa­ren bis ins Jahr 1761 an­ge­bo­ten. „Für vie­le gilt der Tho­mas­markt als Vor­gän­ger des Christ­kindl­mark­tes“, so Hengl. Er geht da­von aus, dass auch am so­ge­nann­ten Ni­ko­lo-, Weih­nachts- und Krip­pen­markt vor al­lem Sü­ßig­kei­ten und Mehl­spei­sen ver­kauft wur­den.

Der Krip­pen­markt hat sich üb­ri­gens seit 1722 – mit Aus­nah­me ei­ner Un­ter­bre­chung wäh­rend der Welt­krie­ge – ge­hal­ten. „Man hat da­für im­mer ei­nen neu­en Stand­ort ge­sucht, ein­mal auf der Frey­ung, dann wie­der Am Hof, am Ste­phans­platz, am Neu­bau­gür­tel, vor dem Mes­se­pa­last und schließ­lich auf dem Rat­haus­platz, wo er bis heu­te ge­blie­ben ist“, sagt Hengl. Le­dig­lich wäh­rend der Welt­krie­ge pau­sier­te der Christ­kindl­markt. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg wur­de er vor dem Mes­se­pa­last (dem heu­ti­gen Mu­se­ums­quar­tier) ab­ge­hal­ten, erst 1975 fand der Christ­kindl­markt mit dem Rat­haus­platz sei­ne (vor­erst) letz­te Sta­ti­on.

Ge­sell­schaft hat der Christ­kindl­markt erst sehr spät be­kom­men. Der Alt­wie­ner Christ­kindl­markt auf der Frey­ung fei­ert heu­te sein 30-jäh­ri­ges Be­ste­hen. „Die meis­ten an­de­ren sind vor 25 Jah­ren da­zu ge­kom­men“, sagt Hengl. Dass die Weih­nachts­märk­te im­mer mehr wer­den, stimmt so üb­ri­gens nicht. Im Vor­jahr war die Zahl mit 24 Weih­nachts­märk­ten und ins­ge­samt

1813 gal­ten Christ­bäu­me als »Ber­li­ner Sit­te«, wie die Ge­heim­po­li­zei pro­to­kol­lier­te.

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Der Christ­kindl­markt wech­sel­te oft sei­nen Stand­ort. 1952 fand er am Neu­bau­gür­tel statt.

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