Der La­ger­kampf in Wi­ens SPÖ

Un­ter den Re­bel­len der Wie­ner SPÖ kris­tal­li­sie­ren sich per­sön­li­che In­ter­es­sen her­aus. Das La­ger teilt sich zu­neh­mend in zwei Grup­pen.

Die Presse am Sonntag - - Wien - VON AN­NA THALHAMMER

In der Wie­ner SPÖ kracht es. Und zwar so, dass zu­letzt auch der sonst sa­kro­sank­te Bür­ger­meis­ter, Micha­el Häupl, an­ge­grif­fen wur­de. Ihm wur­de aus den ei­ge­nen Rei­hen na­he­ge­legt, sei­ne Nach­fol­ge zu re­geln – al­so den Stuhl zu räu­men. Auf der Ma­kro­ebe­ne hat die­se Es­ka­la­ti­on mit ei­nem Flü­gel­streit zwi­schen rechts und links zu tun, der sich im Kampf Flä­chen­be­zir­ke ge­gen in­ne­re Be­zir­ke wi­der­spie­gelt. Ers­te­re wol­len mehr Ein­fluss und in­halt­li­che Neu­aus­rich­tung.

Auf der Mi­kro­ebe­ne wird die Sa­che kom­pli­zier­ter – es zeigt sich, dass die­se Er­zäh­lung zu sim­pel und nur ein Teil der Wahr­heit ist. Denn zu et­wai­gen in­halt­li­chen Dif­fe­ren­zen kom­men vor al­lem mas­si­ve Ent­täu­schun­gen und per­sön­li­che In­ter­es­sen je­ner, die nun den Auf­stand pro­ben. Die Grün­de da­für rei­chen oft viel wei­ter zu­rück als die Flücht­lings­kri­se, die rot-blaue Re­gie­rungs­bil­dung im Bur­gen­land oder der für vie­le SPÖ­ler de­sas­trö­se 1. Mai 2016 in­klu­si­ve Sturz des Ex-Bun­des­kanz­lers Werner Fay­mann. Das zeigt ei­ne Be­trach­tung des Re­bel­len­la­gers, de­ren Prot­ago­nis­ten und Hei­mat­be­zir­ke. Lud­wigs Flan­ke. Vor­weg: Ein ein­heit­li­ches Re­bel­len­la­ger gibt es nicht, auch hier kris­tal­li­sie­ren sich zu­neh­mend zwei Grup­pen her­aus, die aus dem Kon­flikt un­ter­schied­li­che Din­ge her­aus­schla­gen wol­len: grob je­ne, die Wohn­bau­stadt­rat Micha­el Lud­wig als Bür­ger­meis­ter fa­vo­ri­sie­ren – und die an­de­ren, die lie­ber Do­ris Bu­res als neue Stadt­che­fin hät­ten. Hin­ter Ers­te­rem sol­len vor al­lem sein Hei­mat­be­zirk, Flo­rids­dorf, und die be­nach­bar­te Do­nau­stadt ste­hen – sagt man. Dass sich die Flü­gel­kämp­fe aber nicht nur zwi­schen ein­zel­nen Be­zir­ken ab­spie­len, son­dern auch in­tern bis in die Ba­sis mun­ter wei­ter­ge­hen, zeigt ge­naue­re Be­trach­tung des 21. Be­zirks. Da fällt auf, dass sich Be­zirks­vor­ste­her Georg Pa­pai bis­her völ­lig aus dem Kon­flikt her­aus­ge­hal­ten hat.

Wei­ters stammt auch Land­tags­prä­si­dent Har­ry Ko­pietz aus Flo­rids­dorf, der dort vie­le An­hän­ger hat und als en­ger Ver­trau­ter Häu­pls gilt. Seit ver­gan­ge­nem Herbst hat Flo­rids­dorf mit Ma­ri­na Han­ke ei­ne neue Ge­mein­de­rä­tin ein­ge­setzt. Die ehe­ma­li­ge SJ-Vor­sit­zen­de steht eben­falls nicht im Ver­dacht, das „Team Spal­tung“zu un­ter­stüt­zen. Im Üb­ri­gen: Of­fi­zi­ell war auch von Lud­wig, um den sich al­les dre­hen soll, noch kein kri­ti­sches Wort ge­gen die Stadt zu hö­ren.

Ähn­lich un­ein­deu­tig ist die Si­tua­ti­on in der Do­nau­stadt. Ei­ner­seits fällt Be­zirks­vor­ste­her Ernst Ne­vri­vy wie­der­holt mit har­scher Kri­tik an der Stadt­re­gie­rung auf – er for­dert ei­ne in­halt­li­che und per­so­nel­le Neu­aus­rich­tung. Kon­kre­te Vor­schlä­ge blieb er bis­her schul­dig. Die Na­tio­nal­rä­tin und Be­zirks­par­tei­vor­sit­zen­de Ruth Be­cher stärkt ihm den Rü­cken. Die SPÖ-Wohn­bau­spre­che­rin wür­de Lud­wig gern als Bür­ger­meis­ter se­hen – nicht zu­letzt des­we­gen, weil dann sein Job frei wird und sie sich da­für in­ter­es­sie­ren soll.

An­de­rer­seits gibt es mit Staats­se­kre­tä­rin Mu­na Duz­dar auch ei­ne star­ke Ge­gen­macht im Be­zirk. Sie ist Häupl und den viel kri­ti­sier­ten Stadt­rä­tin­nen Son­ja Weh­se­ly, San­dra Frau­en­ber­ger und Re­na­te Brau­ner loy­al – im­mer­hin ha­ben sie ihr zum Auf­stieg ver­hol­fen. An ih­rer Sei­te kämpft Ge­mein­de­rat Tho­mas Reindl, der bei Pro­test­ak­tio­nen sei­nes Be­zirks bis­her fehl­te.

Ei­ner von Lud­wigs treu­es­ten Un­ter­stüt­zern ist Na­tio­nal­rat und Sim­me­rin­ger Par­tei­chef Ha­rald Troch. Er ver­lor sei­nen Be­zirk bei den Wah­len im ver­gan­ge­nen Herbst an die FPÖ. Noch die­sen Mon­tag sag­te er nach der SPÖK­ri­sen­sit­zung zum ORF, er wol­le ei­ne in­halt­li­che De­bat­te zu den Kin­der­gär­ten, Spi­tä­lern und Fi­nan­zen füh­ren – was er sich hier kon­kret vor­stellt, ist bis­her un­be­kannt. Über­setzt be­deu­tet sei­ne Aus­sa­ge vor al­lem ei­nes: Er will ei­ne per­so­nel­le De­bat­te zu den Stadt­rä­tin­nen Frau­en­ber­ger, Weh­se­ly und Brau­ner, die für die­se Be­rei­che zu­stän­dig sind. Die Re­bel­len wür­den die Frau­en nur zu gern ge­hen se­hen. Im­mer­hin gibt man ih­nen, die stark für Rot-Grün ein­ge­tre­ten sind, die Schuld für das Er­star­ken der FPÖ – und den Fall Werner Fay­manns.

Die SPÖ hat in Sim­me­ring aber schon viel län­ger Pro­ble­me, ist tief ge­spal­ten und zer­strit­ten. Dar­an sind die Stadt­rä­tin­nen aber we­ni­ger schuld als Troch selbst. 2013 muss­te die ehe­ma­li­ge Na­tio­nal­rä­tin Christine Lapp als SPÖ-Sim­me­ring-Che­fin den Stuhl räu­men, weil Troch ge­gen sei­ne Be­zirks­ge­nos­sin putsch­te. Das ha­ben ihm bis heu­te vie­le nicht ver­zie­hen und ver­wei­gern ihm die Ge­folg­schaft. Die­ser Um­stand ist wohl Mit­grund, dass die Mo­bi­li­sie­rung vor den Wah­len nicht klapp­te – die ei­ge­nen Leu­te wa­ren nicht be­reit zu lau­fen. Und auch heu­te sind sie nicht be­reit, die nö­ti­ge Ar­beit zu leis­ten, um den Be­zirk wie­der zu­rück­zu­er­obern – wie Häupl nach der Wahl­nie­der­la­ge 2015 an­ge­kün­digt hat. Troch wirft der Lan­des­or­ga­ni­sa­ti­on vor, zu we­nig zu tun – die­se vice ver­sa, dass es nicht ih­re Auf­ga­be sei, die Par­tei im Be­zirk neu auf­zu­stel­len und das be­zirks­in­tern ge­re­gelt wer­den müs­se. Ver­schmäh­te für Bu­res. Auf der an­de­ren Sei­te der Stadt, im Sü­den, regt sich eben­falls Wi­der­stand ge­gen Häupl und sei­ne Re­gie­rung – die ge­wünsch­te Kon­se­quenz von sei­nem Ab­gang ist aber wohl ei­ne an­de­re. Denn wenn der aus Lie­sing stam­men­de ehe­ma­li­ge (und von Häupl 2014 sus­pen­dier­te) SPÖWi­en-Lan­des­par­tei­se­kre­tär Christian Lud­wig und Bu­res gel­ten als Wunsch­kan­di­da­ten. Deutsch öf­fent­lich sagt, Häupl sol­le end­lich sei­ne Nach­fol­ge re­geln, dann denkt er wohl eher an Do­ris Bu­res als an Micha­el Lud­wig. Wie Ex-Bun­des­kanz­ler Werner Fay­mann stammt sei­ne engs­te Ver­trau­te und Na­tio­nal­rats­prä­si­den­tin aus Lie­sing und führt dort die Par­tei an. Pro­test ge­gen ih­ren Füh­rungs­stil gibt es üb­ri­gens im­mer wie­der von Ju­gend­or­ga­ni­sa­tio­nen – das führ­te da­zu, dass die­se am 1. Mai 2015 we­gen ei­nes kri­ti­schen Trans­pa­r­ents nicht mit der Be­zirks­or­ga­ni­sa­ti­on auf dem Rat­haus­platz ein­mar­schie­ren durf­ten.

Un­ter­stützt wird die Idee, Do­ris Bu­res zur Che­fin zu ma­chen, von Ver­tre­tern in Fa­vo­ri­ten: Of­fi­zi­el­le SPÖ-Par­tei­che­fin ist Ge­mein­de­rä­tin Kath­rin Gaal, die Fä­den hat aber Fay­manns Frau, Martina Lud­wig-Fay­mann, in der Hand. Wie groß ihr Miss­mut ist, zei­ge ihr Ver­hal­ten im Ge­mein­de­rat, be­rich­ten Ab­ge­ord­ne­te der „Pres­se am Sonn­tag“. So soll Lud­wig-Fay­mann mitt­ler­wei­le ganz un­ver­hoh­len wäh­rend Re­den von Son­ja Weh­se­ly über de­ren Stim­me und Aus­sa­gen schimp­fen.

Ab­ge­se­hen da­von, dass Weh­se­ly Fay­manns Sturz eher be­grüßt hat und Ra­che hier na­tür­lich ein Mo­tiv ist, hat Fa­vo­ri­ten auch noch ei­nen an­de­ren Be­weg­grund, jetzt ge­gen Häupl auf die Bar­ri­ka­den zu stei­gen: Man will end­lich ei­nen Stadt­rats­pos­ten. Weil der Be­zirk vor 22 Jah­ren bis zum Schluss ver­such­te, Häupl zu ver­hin­dern, ließ er sie bis­her durch die Fin­ger schau­en.

Ra­che könn­te üb­ri­gens auch ein Mo­tiv von Ger­hard Schmid sein, Hiet­zings SPÖ-Chef. Auch er äu­ßer­te be­reits öf­fent­lich Kri­tik an Häu­pls Rie­ge – auch er ver­lor mit Fay­mann sei­nen Job als Bun­des­spre­cher. Traum­be­ruf Stadt­rä­tin. Tat­sa­che ist: Wenn Häupl abtritt – und ei­ner der ge­nann­ten Kan­di­da­ten nach­folgt –, dann ge­hen drei Stadt­rä­tin­nen mit dem Bür­ger­meis­ter. In der SPÖ-Lo­gik müs­sen die­se Pos­ten wie­der mit min­des­tens ei­ner halb­wegs jun­gen Frau nach­be­setzt wer­den – schon, weil es ei­nes Zei­chens der Mo­der­ni­tät und Er­neue­rung be­darf. Da gibt es mo­men­tan zwei, die für die „Re­bel­len“hei­ße Kan­di­da­tin­nen

In Trans­da­nu­bi­en wün­schen sich vie­le Lud­wig als Bür­ger­meis­ter – aber nicht al­le. Für die Nach­fol­ge der drei kri­ti­sier­ten Stadt­rä­tin­nen gä­be es Vor­schlä­ge.

sind. Ei­ne ist eben Ge­mein­de­rä­tin Kath­rin Gaal, Ver­trau­te von Fay­man­nLud­wig und bis­her Ver­schmäh­te.

Die an­de­re ist Ge­mein­de­rä­tin Bar­ba­ra No­vak aus Dö­bling, die schon seit vie­len Jah­ren im­mer wie­der auf ei­nen Stadt­rats­pos­ten hofft und bis­her nicht zum Zug kam – was auch dar­an lie­gen könn­te, dass sie es sich mit Frau­en­för­de­rin Brau­ner ei­ni­ger­ma­ßen ver­scherzt hat. Denn in ih­rem Auf­trag hät­te sich No­vak 2010 um ein Groß­pro­jekt zur Bil­dung ei­nes Kar­tells für Glas­fa­ser­da­ten­lei­tun­gen küm­mern sol­len – der De­al ist ge­platzt. Es gab recht­li­che Be­den­ken und No­vak soll hin­ter Brau­ners Rü­cken ver­sucht ha­ben, den Auf­trag ei­ner Freun­din zu­zu­schan­zen, was auf­flog und me­di­al breit­ge­tre­ten wur­de. Da­zu kommt ei­ne jüngs­te Krän­kung. Beim Ver­such, die Par­tei neu auf­zu­stel­len und Stö­ren­frie­den ei­ne Lek­ti­on zu er­tei­len, wur­de No­vak der Vor­sitz des Ver­eins Ret­tet das Kind ent­zo­gen, den sie seit 2008 in­ne­hat­te. Den hat nun seit März Ge­mein­de­rat Mar­cus Scho­ber. Nicht nur das – an­geb­lich wur­de No­vak nicht ein­mal mit­ge­teilt, dass sie ih­re Funk­ti­on los ist. Sie war ge­ra­de am Weg in die Vor­stands­sit­zung, als sie er­fuhr, dass sie dort nicht mehr ge­braucht wird.

Ob all die­se Plä­ne ei­ne Mehr­heit in der Stadt­par­tei fin­den wür­den, wie die „Re­bel­len“selbst gern be­haup­ten, bleibt of­fen. Das Plä­ne­schmie­den hat je­den­falls of­fen­bar erst an­ge­fan­gen – die Run­de wur­de kürz­lich (nicht be­son­ders ge­heim) im Ca­fe´ Gri­en­steidl im ers­ten Be­zirk ge­sich­tet. Auch da­bei: Ex-Bun­des­kanz­ler Werner Fay­mann.

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