Ein Plä­doy­er für das Wil­de

Bi­o­di­ver­si­tät. Wer weiß, dass et­wa ei­ne Mei­sen­fa­mi­lie an die 150.000 Rau­pen pro Sai­son ver­tilgt, wird gern noch mehr Rau­pen- und Schmet­ter­lings­pflan­zen in den Gar­ten ho­len und die ekel­haf­te Thu­jen­he­cke auf dem Al­tar der Bi­o­di­ver­si­tät op­fern.

Die Presse am Sonntag - - Garten - VON UTE WOLTRON

Neu­lich sa­ßen an ein und dem­sel­ben Tisch ein Le­pi­dop­te­ro­lo­ge und ein Or­ni­tho­lo­ge bei­sam­men. Schau an, könn­te ein un­be­darf­ter Zu­schau­er den­ken, Tier­schüt­zer un­ter sich. Ein Schmet­ter­lings­for­scher und ein Vo­gel­kund­ler auf engs­tem Raum – wie oft kommt man als Laie zu ei­nem sol­chen Ver­gnü­gen? Auch die Gast­ge­ber wa­ren ei­ne Be­son­der­heit. Man be­fand sich am Fuß des Hunds­hei­mer Ber­ges in der Nä­he von Hain­burg, und da­mit, wie uns mitt­ler­wei­le Äl­te­ren noch gut er­in­ner­lich ist, in der Nä­he des wich­tigs­ten Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkts der hei­mi­schen Grün­be­we­gung. Wer vor 32 Jah­ren da­bei war, als die Hain­bur­ger Au be­setzt wur­de, be­reist die­se Ge­gend nie­mals, oh­ne an die eis­kal­ten und doch herz­er­wär­men­den Ta­ge im De­zem­ber 1984 zu den­ken.

Heu­te be­fin­det sich, wo ein Do­nau­kraft­werk hät­te ste­hen sol­len, ein Na­tio­nal­park. Der An­blick die­ser herr­li­chen Au mit ih­ren Haupt- und Ne­ben­läu­fen, mit ver­sun­ke­nen Baum­stäm­men, der Rei­her­ko­lo­nie, mit all den Krö­ten, Frö­schen und an­de­rem Ge­tier lässt je­des Mal ein war­mes Ge­fühl ums Herz auf­kom­men, so­wie die Er­in­ne­rung dar­an, dass vie­le Leu­te mit star­kem Wil­len und Ein­satz­be­reit­schaft doch das ei­ne oder an­de­re be­we­gen und än­dern kön­nen. Wenn sie wol­len.

Dies­mal sa­ßen wir, wie ge­sagt, ein paar Ki­lo­me­ter wei­ter am Rand ei­nes auf den ers­ten Blick we­ni­ger spek­ta­ku­lä­ren, je­doch eben­so auf­re­gen­den Bio­tops. Denn was kaum je­mand weiß: Die Re­gi­on rund um den Hunds­hei­mer Berg be­her­bergt äu­ßerst sel­ten ge­wor­de­ne, kost­ba­re Tro­cken- und Halb­tro­cken­ra­sen­flä­chen, die teil­wei­se un­ter Na­tur­schutz ste­hen und durch tra­di­tio­nel­le Wei­de­wirt­schaft er­hal­ten wer­den. Ei­ne Mü­he, die sich lohnt. Die Gast­ge­ber, die Fa­mi­lie Zill­ner, be­wirt­schaf­ten et­wa 60 Hekt­ar da­von seit Jahr­zehn­ten mit Zie­gen und Scha­fen. Die Wei­de­tie­re be­kom­men täg­lich ein neu­es Are­al ab­ge­steckt, um sich an den Kräu­tern, Grä­sern und am Bu­sch­werk güt­lich zu tun. Das ist sehr auf­wen­dig, hilft je­doch, das Gleich­ge­wicht und so­mit die­ses sel­te­ne Bio­top zu er­hal­ten, in dem bei­spiels­wei­se ei­ne sehr sel­te­ne Nel­ken­art ge­deiht, die es sonst in Ös­ter­reich nir­gends gibt, und wo et­wa 1200 Schmet­ter­lings­ar­ten nach­ge­wie­sen sind.

Ei­ner da­von, ein Tag­pfau­en­au­ge, war eben in ei­nem Raum des Ho­fes auf­ge­fun­den, un­ter ei­nen Glas­sturz ge­steckt und mit­ten auf den Tisch ge­stellt wor­den. Wir be­trach­te­ten ihn wohl­wol­lend. Er war von den ver­gan­ge­nen Wo- chen zwar ge­zeich­net und et­was zer­zaust, wür­de sich aber spä­ter ei­nen küh­len, feuch­ten Ort su­chen, um zu über­win­tern. Im Früh­ling wür­de er aus­flie­gen, ei­ne gro­ße Brenn­nes­sel­ko­lo­nie su­chen, sei­ne Eier ab­le­gen und so für die nächs­te Schmet­ter­lings­ge­ne­ra­ti­on sor­gen. Der Le­pi­dop­te­ro­lo­ge er­griff ihn be­herzt in ei­nem Mo­ment, da der Fal­ter die Flü­gel zu­sam­men­ge­klappt hat­te, was zu ei­nem all­ge­mei­nen Auf­schrei führ­te. Doch er er­klär­te, dass der Schmet­ter­ling nur dann von ei­nem sol­chen Zu­pa­cken Scha­den näh­me, wür­de man die luft­ge­füll­ten Adern sei­ner Flü­gel be­schä­di­gen. Der Or­ni­tho­lo­ge hin­ge­gen mein­te süf­fi­sant, den Fal­ter hin­aus­zu­brin­gen wä­re ei­ne aus­ge­zeich­ne­te Idee, sei der doch ein wun­der­ba­rer Hap­pen für ei­nen sei­ner Vö­gel.

In die­sem Mo­ment däm­mer­te der Ge­dan­ke her­auf, dass die bei­den mög-

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