Was bei ei­nem En­de

Trumps Sieg ist ein schwe­rer Schlag für den frei­en Welt­han­del. War­um er ein Se­gen ist – und den­noch an Wahl­ur­nen schei­tert.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON KARL GAULHOFER

Ma­ke Ame­ri­ca gre­at again“: Un­ter die­sem Schlacht­ruf will Do­nald Trump die Wirt­schaft der Ver­ei­nig­ten Staa­ten ge­gen un­lieb­sa­me Kon­kur­renz von au­ßen ab­schot­ten. Im Wahl­kampf hat der künf­ti­ge US-Prä­si­dent ver­spro­chen, bis zu 45 Pro­zent Im­port­zoll für Pro­duk­te aus Chi­na ein­zu­füh­ren. Als Ra­che da­für, dass die­ses auf­stre­ben­de Schwel­len­land den Nie­der­gang der USIn­dus­trie be­wirkt ha­be. Atta­cken ge­gen den Frei­han­del wa­ren ein zen­tra­les The­ma in Trumps Kam­pa­gne, und jetzt macht der pol­tern­de Po­pu­list ernst: Als sei­ne ers­te Amts­hand­lung will er das Transpa­zi­fi­sche Part­ner­schafts­ab­kom­men (TPP) auf­kün­di­gen. Ein ver­mut­lich töd­li­cher Stoß ge­gen den Frei­han­del in je­ner Welt­re­gi­on, die sich wirt­schaft­lich am kräf­tigs­ten ent­wi­ckelt. Aus­ge­rech­net Chi­na, das kein Mit­glied im Klub ist, kann sich die Hän­de rei­ben und die klaf­fen­de Lü­cke fül­len. End­gül­tig ge­stor­ben ist da­mit auch das lang ver­han­del­te TTIP-Ab­kom­men mit Eu­ro­pa. Zöl­le rauf, Zäu­ne hoch, so lau­tet die neue De­vi­se: „Schluss mit der Glo­ba­li­sie­rung – Ame­ri­ca first“.

Glo­ba­li­sie­rungs­geg­ner in al­ler Welt könn­ten zu­frie­den sein. Sie be­kom­men nun, was sie seit Lan­gem laut­stark for­dern: ei­ne Rück­ab­wick­lung der Öff­nung der Welt­märk­te, von der die ver­gan­ge­nen drei De­ka­den ge­prägt wa­ren. Was hat sie ge­bracht? Und wo­zu kann die Ge­gen­re­vo­lu­ti­on füh­ren? Be­sieg­te Ar­mut. Mehr Aus­tausch von Wa­ren, Ka­pi­tal und Ar­beits­kräf­ten: Das gibt es, mit Wel­len und Rück­schlä­gen, schon seit Jahr­hun­der­ten. Die jüngs­te Pha­se aber, die in den 1980ern be­gann, war von be­son­de­rer Kraft und Wir­kung. Ih­re Trei­ber wa­ren die Öff­nung Chi­nas und der Fall des Ei­ser­nen Vor­hangs. Ganz Süd­ost­asi­en, In­di­en und Latein­ame­ri­ka wur­den da­von er­fasst. Weit über ei­ne Mil­li­ar­de Men­schen konn­ten sich aus der bit­te­ren Ar­mut be­frei­en (da­von al­lein 700 Mil­lio­nen in Chi­na). Nicht durch Spen­den oder Ent­wick­lungs­hil­fe, son­dern durch ih­re Ein­bin­dung in die Wert­schöp­fungs­ket­ten der Welt­wirt­schaft. Der An­teil je­ner, die mit dem Exis­tenz­mi­ni­um aus­kom­men müs­sen, ist von fast 40 Pro­zent auf un­ter zehn Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung ge­sun­ken, so we­nig wie noch nie. Als „größ­tes Wohl­fahrts­pro­jekt der Mensch­heits­ge­schich­te“hat Ös­ter­reichs Kanz­ler, Christian Kern, die Glo­ba­li­sie­rung des­halb jüngst be­zeich­net.

Ge­stan­de­ne Geg­ner las­sen sich da­von nicht bein­dru­cken. Nur mul­ti­na­tio­na­le Kon­zer­ne, be­haup­ten sie, hät­ten vom wach­sen­den Welt­han­del pro­fi­tiert, und be­kla­gen aus­ge­beu­te­te Ar­bei­ter in aus­ge­la­ger­ten Fa­b­ri­ken. Wis­sen sie es bes­ser als die Men­schen vor Ort? Von In­di­en bis In­do­ne­si­en hal­ten 70 bis 90 Pro­zent der Bür­ger die Glo­ba­li­sie­rung für ei­ne po­si­ti­ve Kraft, zeigt ei­ne ak­tu­el­le Yougov-Um­fra­ge. Der Kla­ge über ein­sei­ti­ge Be­rei­che­rung ste­hen Fak­ten ent­ge­gen. Die Welt als Gan­zes ist durch die Glo­ba­li­sie­rung so­zi­al ge­rech­ter ge­wor­den. Seit der in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on hat­te sich der Reich­tum im­mer un­glei­cher über die Er­de ver­teilt: Wäh­rend der Wes­ten zu im­men­sem Wohl­stand ge­lang­te, sta­gnier­te der Rest. Erst seit den Acht­zi­ger­jah- ren, dem Start­schuss zum jüngs­ten Glo­ba­li­sie­rungs­schub, ist der un­heil­vol­le Trend ge­bro­chen. Seit­dem ent­wi­ckeln sich die Schwel­len­län­der stür­misch, in den west­li­chen In­dus­trie­staa­ten bleibt es bei mo­de­ra­tem Wachs­tum. Die Fol­ge: Die glo­ba­le Un­gleich­heit geht zu­rück (sie­he Gra­fik).

Was um­ge­kehrt be­deu­tet: Wenn sich rei­che Staa­ten künf­tig von der Kon­kur­renz der är­me­ren ab­schot­ten, rau­ben sie ih­nen die Chan­ce, zu ih­rem Wohl­stands­ni­veau auf­zu­schlie­ßen. Was wie­der­um rech­te Glo­ba­li­sie­rungs­geg­ner mit den Schul­tern zu­cken lässt. Sie ha­ben ja, „zu­erst“oder al­lein, nur das Wohl ih­rer Na­ti­on im Sinn. Und es stimmt: In den meis­ten In­dus­trie­staa­ten sind die Ein­kom­men heu­te un­glei­cher als vor zwei Jahr­zehn­ten ver­teilt. Woran liegt das? Den Stand der For­schung fasst die OECD so zu­sam­men: Der wich­tigs­te Trei­ber ist der ra­san­te tech­no­lo­gi­sche Fort­schritt. Ein­fa­che Tä­tig­kei­ten wer­den er­setzt. Wer die Ma­schi­nen be­die­nen oder die Soft­ware schrei­ben kann, hängt die an­de­ren ab. Ver­dräng­te Ver­lie­rer. Aber zu im­mer­hin rund 20 Pro­zent ist auch die Glo­ba­li­sie­rung für Sprei­zun­gen bei den Ein­kom­men ver­ant­wort­lich. Wer bei ei­nem deut­schen Au­to­bau­er oder sei­nem ös­ter­rei­chi­schen Zu­lie­fe­rer ar­bei­tet, pro­fi­tiert vom welt­wei­ten Ab­satz­markt für hoch­wer­ti­ge Au­to­mo­bi­le und ver­dient gut. Wer sei­nen Ar­beits­platz in der Tex­til­in­dus­trie ver­lo­ren hat, weil T-Shirts heu­te aus Bil­lig­län­dern kom­men, und kei­nen gu­ten Um­stieg schafft, ver­dient schlech­ter. Ei­ne neue Er­zäh­lung do­mi­niert nun die Kom­men­tar­spal­ten: Es gibt Ver­lie­rer der Glo­ba­li­sie­rung, man hat auf sie ver­ges­sen, und nun schla­gen sie zu­rück, als ent­fes­sel­te Wut­bür­ger an den Wahl­ur­nen. Hier aber heißt es in­ne­hal­ten.

Zu­nächst: Es gibt im­mer Ver­lie­rer. Woll­te man des­halb Wett­be­werb und Wan­del ver­hin­dern, gä­be es kei­nen Fort­schritt. Ent­schei­dend ist: Pro­fi­tiert ein Land, ei­ne Volks­wirt­schaft in Sum­me vom Wan­del? Und wenn ja: Wie kann der zu­sätz­li­che Wohl­stand

Wer die Zoll­schran­ken hoch­zieht, raubt är­me­ren Län­dern ih­re Chan­cen.

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