Der Glo­ba­li­sie­rung auf dem Spiel steht

Die Presse am Sonntag - - Eco -

mög­lichst vie­len zu­gu­te­kom­men? Wo­mit die Volks­wir­te am Wort sind. Der ge­dank­li­che Ge­gen­pol zu Do­nald Trump war Da­vid Ri­car­do. 1817 for­mu­lier­te der bri­ti­sche Na­tio­nal­öko­nom sein froh­ge­mu­tes Cre­do vom Se­gen der in­ter­na­tio­na­len Ar­beits­tei­lung: Wenn sich je­des Land auf das spe­zia­li­siert, was es re­la­tiv zu den an­de­ren am bes­ten und güns­tigs­ten ma­chen kann, und man dann mit­ein­an­der Han­del treibt, för­dert das den Wohl­stand al­ler. Dar­an ist nicht zu rüt­teln – je­den­falls auf lan­ge Sicht. Auch Ri­car­do hät­te nicht ge­leug­net, dass es vor­über­ge­hend Ver­lie­rer gibt. Bis vor Kur­zem gin­gen die Öko­no­men da­von aus, dass die­se An­pas­sun­gen rasch und oh­ne grö­ße­re so­zia­le Kos­ten er­fol­gen. So war es auch in der Nach­kriegs­zeit. Da­mals stan­den aber nur Hoch­lohn­staa­ten im Wett­be­werb. Deut­sche Au­tos und ja­pa­ni­sche Fern­se­her konn­ten die in­dus­tri­el­le Ba­sis Ame­ri­kas nicht er­schüt­tern. Aber seit Chi­na die Büh­ne be­tre­ten hat, hat sich der An­pas­sungs­druck stark er­höht. Zwar hat je­der west­li­che Staat auch von die­sem Schub pro­fi­tiert, aber man­che nur we­nig, an­de­re stark.

Ös­ter­reich und Deutsch­land ge­hö­ren zu den gro­ßen Pro­fi­teu­ren. Hei­mi­sche Un­ter­neh­men ha­ben die „klei­ne Glo­ba­li­sie­rung“durch die Ost­öff­nung ge­schickt ge­nutzt und da­mit für ei­nen Wachts­ums­schub ge­sorgt. Deut­sche Ex­por­teu­re ge­win­nen die neue Mit­tel­schicht in Schwel­len­län­dern als Kun­den. Was nicht heißt, dass der Druck durch tech­ni­schen Fort­schritt und Ab­wan­de­rung von Fir­men ge­ring wä­re. Das sieht man am Gi­ni-Ko­ef­fi­zi­en­ten für die pri­mä­ren, auf dem Ar­beits­markt er­ziel­ten Ein­kom­men: Er ist in Ös­ter­reich ähn­lich stark ge­stie­gen wie in den USA. Aber der So­zi­al­staat hat die­sen Druck ab­ge­fe­dert: Das Un­gleich­heits­maß für das ver­füg­ba­re Ein­kom­men, nach Um­ver­tei­lung durch Steu­ern und Trans­fers, hat sich fast gar nicht ver­än­dert. Ganz an­ders in den USA, wo der dop­pel­te Wan­del fast un­ge­bremst durch­schlägt. Das Si­li­con Val­ley blüht auf, im Mitt­le­ren Wes­ten ver­ros­ten die Ma­schi­nen. Da­zu kommt: Die ame­ri­ka­ni­sche Wirt­schaft ist stär­ker auf ih­ren gro­ßen Bin­nen­markt kon­zen­triert und im Ex­port schlech­ter auf­ge- stellt. Im­por­te neh­men zu, die Han­dels­bi­lanz ist stark ne­ga­tiv, Schul­den wach­sen rasant an. Ent­spre­chend groß ist die Zahl der Ver­lie­rer auf dem Ar­beits­markt, und sie sind auf sich al­lein ge­stellt. Zwar blei­ben die meis­ten nicht ar­beits­los: In den USA herrscht fast Voll­be­schäf­ti­gung. Aber vie­le müs­sen sich mit schlecht be­zahl­ten Jobs durch­schla­gen. Die mitt­le­ren Ein­kom­men sind über ei­nen län­ge­ren Zei­t­raum ge­sun­ken. Dass der Ar­beits­markt we­nig fle­xi­bel ist und der Um­stieg zu zu­kunfts­träch­ti­gen Bran­chen oft nicht ge­lingt, liegt auch an sin­ken­der Chan­cen­gleich­heit im Bil­dungs­sys­tem. Da­mit schwin­det die Hoff­nung, dass es „die Kin­der ein­mal bes­ser ha­ben“. Das schafft ei­nen Leer­raum an Per­spek­ti­ven, in den Po­pu­lis­ten wie Trump mit ih­ren gro­ßen, lee­ren Ver­spre­chun­gen vor­sto­ßen – und Er­folg ha­ben. AkŻ©emi­sches Öl ins Feu­er. Wie ge­fähr­lich sei­ne pro­tek­tio­nis­ti­sche Vol­te ist, lässt sich an der De­bat­te der Öko­no­men ab­le­sen. Be­feu­ert wird sie vom nun viel zi­tier­ten For­scher­trio Au­tor/ Dorn/Han­son. Ih­re Stu­di­en be­to­nen, wie schlecht und lang­sam sich der USAr­beits­markt an­passt. Aber sie ge­hen auch so weit zu be­haup­ten, der Im­port aus Chi­na ha­be 2,4 Mil­lio­nen Jobs ge­kos­tet. Das ist Was­ser auf die Müh­len der Trump-An­hän­ger – auch wenn die Au­to­ren be­teu­ern, dass sie im Pro­tek­tio­nis­mus die fal­sche Lö­sung se­hen.

Die Er­geb­nis­se sind um­strit­ten. Schwer zu be­wer­ten ist, wie ge­ra­de Är­me­re von bil­li­gen Im­port­wa­ren pro­fi­tie­ren (wie „so­zi­al“ein En­de des grenz­über­schrei­ten­den Han­dels welt­weit wä­re, hat der bri­ti­sche „Eco­no­mist“aus­rech­nen las­sen: Die ärms­ten zehn Pro­zent ei­nes durch­schnitt­li­chen Lan­des wür­den 63 Pro­zent ih­rer Kauf­kraft ver­lie­ren, die Reichs­ten nur 28 Pro­zent). Als Er­klä­rung für we­ni­ger Jobs in be­trof­fe­nen Bran­chen muss al­lein Chi­na her­hal­ten. Sie ge­hen aber auch durch die Au­to­ma­ti­sie­rung ver­lo­ren. Und nicht nur Chi­na kann bil­lig pro­du­zie­ren, son­dern auch Viet­nam, In­di­en oder Bra­si­li­en. Man muss das Was­wä­re-wenn al­so kon­se­quent zu En­de den­ken. An­ge­nom­men, Trump hät­te schon 1990 das Wei­ße Haus ge­stürmt und den Han­del mit Chi­na durch ho­he Zöl­le auf dem da­ma­li­gen Ni­veau ein­ge­fro­ren: Pe­king hät­te zu­rück­ge­schla­gen. Das hät­te wohl ei­nen glo­ba­len Han­dels­krieg ent­facht. Die­sen gab es schon in den Drei­ßi­ger­jah­ren, er brach­te den Welt­han­del fast zum Er­lie­gen und ließ die Wirt­schaft aus ei­ner Re­zes­si­on in ei­ne lan­ge De­pres­si­on schlit­tern. Aber auch wenn man we­ni­ger schwarz­malt: Ein kon­se­quen­ter Trump hät­te den USIm­por­teu­ren schon da­mals auch al­ter­na­ti­ve Qu­el­len ab­dre­hen müs­sen. Das heißt: ge­gen al­le Län­der Zoll­schran­ken hoch­zie­hen und zu ei­ner Art wirt­schaft­li­chen Aut­ar­kie zu­rück­keh­ren. Man wird wohl schwer ei­nen se­riö­sen Öko­no­men fin­den, der meint, den Ame­ri­ka­nern wür­de es dann heu­te bes­ser ge­hen. Mehr noch: Es geht nicht nur um das klei­ne Plus an Wohl­stand, das of­fe­ne Märk­te den USA in zwei Jahr­zehn­ten ge­bracht ha­ben. Denn es baut auf den enor­men Seg­nun­gen des Au­ßen­han­dels auf, die sich über Jahr­hun­der­te ku­mu­liert ha­ben. Hät­ten sich schon die Grün­der­vä­ter ab­ge­schot­tet, wür­den die Ame­ri­ka­ner heu­te noch mit Pfer­de­kut­schen fah­ren.

Bei all dem ge­rät ein sehr be­rech­tig­tes Un­be­ha­gen an der Glo­ba­li­sie­rung aus dem Blick: den Miss­brauch, den glo­bal agie­ren­de Un­ter­neh­men mit ihm trei­ben kön­nen – wenn sie gren­zen­los fu­sio­nie­ren und Mo­no­po­le bil­den, ih­re Ge­win­ne dort­hin ver­la­gern, wo sie fast kei­ne Steu­ern zah­len, oder dort pro­du­zie­ren, wo die Um­welt­ge­set­ze be­son­ders lax sind. Die Ant­wort dar­auf kann aber nur ei­ne in­ten­si­ve­re Ab­stim­mung sein. Al­so auch im Po­li­ti­schen nicht we­ni­ger, son­dern mehr Glo­ba­li­sie­rung. Auch das lehnt Trump ve­he­ment ab, mul­ti­la­te­ra­le Ver­trä­ge sind ihm ein Gräu­el. Sei­ne Han­dels­po­li­tik zwingt uns al­len ei­ne an­de­re Rich­tung auf: „Ma­ke the world small again.“

Ös­ter­reich un© DeutschlŻn© pŻs­sen sich ©em WŻn©el viel ães­ser Żls ©ie USA Żn. Ge­gen ei­nen Mis­sãrŻuch ©urch gloãŻ­le Kon­zer­ne hilft nur ei­ne st´rker gloãŻ­li­sier­te Po­li­tik.

Bloomãerg

Dan­ke, Glo­ba­li­sie­rung: In asia­ti­schen Schwel­len­län­dern hat sie fast nur Fans.

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