Auf die Fin­ger ge­schaut

Je käl­ter, um­so bes­ser für das Ge­schäft: Die klei­ne In­sti­tu­ti­on im Sie­ben­ten, Hand­schuh am Neu­bau, hat aber längst nicht nur die na­mens­ge­ben­den Hand­schu­he im Sor­ti­ment, son­dern auch Ho­sen­trä­ger, So­cken und coo­le Trink­fla­schen.

Die Presse am Sonntag - - Werkstatt - VON MIR­JAM MARITS

Ein gro­ßer Teil der Wa­re ist gut ver­steckt, ver­packt in wun­der­bar alt­mo­di­schen schma­len Kar­tons, die sich, in die dun­kel­brau­nen Re­ga­le ge­schlich­tet, fast bis an die Zim­mer­de­cke sta­peln. Ele­fan­ten­pa­pier heißt das Ma­te­ri­al der Kar­tons, in de­nen fast un­zähl­bar vie­le Hand­schu­he nach Grö­ßen, Far­ben und Ma­te­ri­al sor­tiert la­gern.

Die Kar­tons in den al­ten, dunk­len Re­ga­len sind wohl ei­nes der un­ver­wech­sel­ba­ren Cha­rak­te­ris­ti­ka die­ses Ge­schäfts in der Neu­bau­gas­se: Hand­schuh am Neu­bau heißt der klei­ne La­den, den es seit mehr als 50 Jah­ren gibt. Da­mit ist er ei­ner der äl­tes­ten in der Neu­bau­gas­se, Tei­le der Ein­rich­tung sind so­gar noch äl­ter, wur­den sie doch vom Mie­der- und Kor­sa­gen­ge­schäft, das es hier vor lan­ger Zeit gab, über­nom­men.

Da die Kun­den aber eben doch auch gern et­was se­hen wol­len, wenn sie das Ge­schäft be­tre­ten, gibt es auch ge­nü­gend Wa­re au­ßer­halb der Kar­tons: links Geh­stö­cke, rechts ein Re­gal mit war­men Her­ren­so­cken – mal tra­di­tio­nell (grau), mal sehr bunt (ro­sa) –, da­hin­ter hän­gen zig Ho­sen­trä­ger­mo­del­le ne­ben­ein­an­der.

Denn mit dem Ver­kauf von Hand­schu­hen al­lein könn­te man, er­zählt Ga­b­rie­le Bud­wei­ser, nicht mehr über­le­ben. Da­her ha­ben Bud­wei­ser und ih­re Mut­ter, Christine Amit, vor rund fünf Jah­ren be­gon­nen, das Sor­ti­ment ih­res Mut­ter-Toch­ter-Un­ter­neh­mens zu er­wei­tern. Mit­un­ter auch mit Wa­ren, die man in ei­nem Hand­schuh­ge­schäft nicht ver­mu­ten wür­de, et­wa mit Emil-Trink­fla­schen: Statt aus Plas­tik be­steht die Emil-Fla­sche aus Glas, da­mit sie aber trotz­dem nicht zu Bruch geht, ist sie in ei­ne bruch­si­che­re Hül­le ver­packt, die es in vie­len Far­ben und (kin­der­freund­li­chen) De­signs gibt. Die Fla­sche zum An­zie­hen, da­mit wirbt Emil, ei­ne deut­sche Er­fin­dung und wie das Hand­schuh am Neu­bau ein Mut­ter-Toch­ter-Un­ter­neh­men.

Der­zeit hat aber na­tür­lich das ei­gent­li­che Pro­dukt, der Hand­schuh, Hoch­sai­son, man staunt über die vie­len Va­ri­an­ten, die es hier gibt: Hand­schu­he aus Reh­le­der, die mit ei­nem spe­zi­el­len Ver­fah­ren so be­ar­bei­tet wur­den, dass sie ei­ne Art Le­der­ho­sen­op­tik be­kom­men ha­ben. Hand­schu­he aus Wol­le, aus Le­der, ge­füllt mit Lamm­fell, ex­tra­war­me und doch dün­ne Hand­schu­he für Rad­fah­rer, die ih­re Fin­ger lan­ge der Käl­te ex­po­nie­ren, an­de­re aus Mi­kro­fa­ser und mit Kunst­fell. Und na­tür­lich – Stichwort Ball­sai­son – Sei­den­hand­schu­he, die mit ele­gan­ten Klei­dern kom­bi­niert wer­den. Seit ei­ni­gen Jah­ren groß im Kom­men sind so­ge­nann­te Touch-Gl­oves, mit de­nen man den Bild­schirm sei­nes Smart­pho­nes be­die­nen kann.

Das An­ge­bot ist sehr breit, „oft wis­sen die Kun­den gar nicht, was sie ge­nau su­chen“, er­zählt Bud­wei­ser. Dann wer­den sie hier sehr ge­dul­dig und aus­führ­lich be­ra­ten, ge­nau das ma­che ihr un­ge­mei­nen Spaß, er­zählt die Wie­ne­rin: ge­mein­sam mit dem Kun­den her­aus­zu­fin­den, was er ge­nau braucht. „Es ist ein gu­tes Ge­fühl, wenn der Kun­de zu­frie­den geht.“Sie ver­su­che, mit je­dem Kun­den „ei­ne klei­ne Be­zie­hung auf­zu­bau­en“, denn ge­nau das ma­che ei­nen klei­nen Fach­han­del aus: die per­sön­li­che Be­ra­tung, das Sich­zeit­neh­men. Wa­re aus Eu­ro­pa. Und: die Qua­li­tät. Hand­schu­he aus dem Neu­bau­er La­den gibt es um 30 Eu­ro und mehr, da­für kann man sich dar­auf ver­las­sen, dass die Her­kunft der Pro­duk­te kei­ne frag- wür­di­ge ist: „Bil­lig­pro­duk­te aus Chi­na gibt es bei uns nicht“, sagt Bud­wei­ser. Al­le Wa­ren – nicht nur die Hand­schu­he – sind in Eu­ro­pa ge­fer­tigt. Bud­wei­ser und Amit ken­nen die Pro­du­zen­ten, oft klei­ne Fa­mi­li­en­be­trie­be, persönlich, ein­mal im Jahr kom­men die Pro­du­zen­ten zu Be­such nach Wi­en.

Das liegt nicht nur Bud­wei­ser und ih­rer Mut­ter am Her­zen, son­dern auch den Kun­den – im­mer­hin liegt der La­den im grün re­gier­ten Neu­bau, vie­le Kun­den sind ent­spre­chend be­wuss­te Ein­käu­fer: „Sie wol­len wis­sen, wo die Wa­re pro­du­ziert wird, wo­her die Farb­stof­fe kom­men“, sagt Bud­wei­ser, und na­tür­lich ist auch der ve­ga­ne Hand­schuh ein The­ma. Vie­le, das kommt im sie­ben­ten Be­zirk we­nig über­ra­schend, su­chen nach Al­ter­na­ti­ven zu Lamm­fell und Le­der – das Hand­schuh am Neu­bau hat hier zahl­rei­che Va­ri­an­ten von Wol­le bis Sei­de. Auch Bud­wei­ser, die selbst seit Lan­gem Ve­ge­ta­rie­rin ist, ist mit Le­der nicht ganz glück­lich, in ei­nem Fach­han­del lässt sich als Ma­te­ri­al frei­lich nicht ver­mei­den. Ab­ge­se­hen vom Lamm­fell­fut­ter man­cher Hand­schu­he fin­det sich aber be­wusst kein ech­tes Fell im Sor­ti­ment: „Wir be­kom­men das im­mer wie­der von Ver­tre­tern an­ge­bo­ten, leh­nen es aber ab.“

Auch bei ih­ren an­de­ren Wa­ren set­zen Bud­wei­ser und Amit auf eu­ro­päi­sche Pro­du­zen­ten, et­wa bei den Ho­sen­trä­gern. Sie sei­en ge­ra­de bei jun­gen Män­nern (und Frau­en!) wie­der sehr be­liebt, nicht nur, wenn es dar­um geht, bei ei­ner 1920er-Mot­to­par­ty au­then­tisch ge­klei­det zu sein. Aus Deutsch­land be­zie­hen Bud­wei­ser und Amit Ho­sen­trä­ger der Mar­ke Tri­co, Trä­ger wie Le­der­roll­zug (so heißt der Teil, mit dem die Ho­sen­trä­ger am Ho­sen­bund fest­ge­macht wer­den) gibt es in vie­len bun­ten Va­ri­an­ten, die man sich auch selbst zu­sam­men­stel­len kann.

Im­mer wie­der kom­men Kun­den, die et­wa ums Eck in der Lin­den­gas­se beim Her­ren­aus­stat­ter Rot­knopf ei­nen An­zug be­stellt ha­ben, um sich hier pas­sen­de Ho­sen­trä­ger (oder auch So­cken­hal­ter) zu be­sor­gen, „das mag ich so an un­se­rem Grät­zel“, sagt Bud­wei­ser, „wir schi­cken uns ge­gen­sei­tig die Kun­den hin und her. Denn wir sind so froh, dass sie da sind, da be­mü­hen wir

Auch der ve­ga­ne Hand­schuh – der La­den liegt im grü­nen Neu­bau – ist ein The­ma. Bud­wei­ser und Amit ken­nen die Pro­du­zen­ten der Hand­schu­he persönlich.

uns dar­um, dass sie im Be­zirk blei­ben und nicht in ein Ein­kaufs­zen­trum ab­wan­dern.“Dass sich die Händ­ler ent­lang der Neu­bau­gas­se und in den um­lie­gen­den Stra­ßen ken­nen und mö­gen, „mer­ken auch die Kun­den“, auch das tue der At­mo­sphä­re im Grät­zel gut. Da man in ei­ner ähn­li­chen Si­tua­ti­on sei – vie­le sind Ein­per­so­nen­un­ter­neh­men –, hilft man ein­an­der gern. Wenn ei­ner im Stau steht, hängt der an­de­re ei­nen Zet­tel in die Aus­la­ge, mit der Info, dass man heu­te et­was spä­ter öff­ne. „Wir sind auf ei­ne net­te Form von­ein­an­der ab­hän­gig, das för­dert den Zu­sam­men­halt.“ Von der Alm nach Neu­bau. Wie zum Be­weis kommt ei­ne äl­te­re Da­me in den La­den, die ei­nen ro­sa Schal für ih­re En­ke­lin sucht. Bud­wei­ser schickt sie ein paar Häu­ser wei­ter in ein an­de­res Ge­schäft, „die ha­ben ei­ne ganz tol­le Aus­wahl, da fin­den Sie be­stimmt et­was.“

Dass Bud­wei­ser im Hand­schuh­ge­schäft lan­den und es im neu­en Jahr so­gar über­neh­men wür­de, war so ei­gent­lich nicht ge­plant. Nach di­ver­sen Bü­ro­jobs sat­tel­te Bud­wei­ser vor ei­ni­gen Jah­ren um, jobb­te eher in der Gastronomie, in Spa­ni­en, in der Schweiz. Ei­nes Ta­ges stand sie ge­ra­de im Dirndl in ei­ner Alm­hüt­te und ser­vier­te, als ih­re Mut­ter an­rief und ihr mit­teil­te, dass sie we­gen ei­ner Knie-OP län­ger aus­fal­len wür­de. „Da war klar, dass ich zu­rück nach Wi­en muss.“

Seit fünf Jah­ren ar­bei­tet sie fix im Ge­schäft, be­reut hat sie es nie, im Ge­gen­teil. „Es ist ei­ne gro­ße Freu­de.“Auch wenn mit ei­nem Sechs­ta­ge­job we­nig Freizeit bleibt und sie auf ein gro­ßes Hob­by ver­zich­ten muss: das Ski­fah­ren. Ein Win­ter­ur­laub mit­ten in der Hand­schuh­hoch­sai­son ist na­tür­lich nicht mög­lich.

Sta­nis­lav Je­nis

Ga­b­rie­le Bud­wei­ser in ih­rem Ge­schäft in der Neu­bau­gas­se.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.