Der (klei­ne) Un­ter­schied

Das durch­schnitt­li­che Le­bens­al­ter steigt, und zugleich wird die Ver­tei­lung der Le­bens­er­war­tung im­mer gleich­för­mi­ger. Nur ein Un­ter­schied bleibt in (fast) al­len Kul­tu­ren: Frau­en le­ben län­ger als Män­ner. War­um ist das so?

Die Presse am Sonntag - - Wissen - VON THO­MAS KRAMAR

Un­ser Le­ben wäh­ret 70 Jah­re, und wenn’s hoch kommt, so sind’s 80 Jah­re“, heißt es im Psalm 90. Das passt er­staun­lich gut zur heu­ti­gen durch­schnitt­li­chen Le­bens­er­war­tung der Men­schen in in­dus­tria­li­sier­ten Län­dern – z. B. 79,8 Jah­re in Ös­ter­reich laut UNO-Da­ten aus den Jah­ren 2005 bis 2010 –, man fragt sich: Ha­ben da­mals, im al­ten Is­ra­el, die Men­schen nicht viel kür­zer ge­lebt?

Im Durch­schnitt ja. Aber dass die durch­schnitt­li­che Le­bens­er­war­tung frü­her deut­lich ge­rin­ger war – und in ar­men Län­dern noch im­mer ist –, liegt vor al­lem an der ho­hen Sterb­lich­keit im Kin­des­al­ter. Wer die Kind­heit über­leb­te, hat­te gu­te Chan­cen, ein re­la­tiv ho­hes Al­ter zu er­rei­chen, zu­min­dest wenn we­der Krie­ge noch Seu­chen tob­ten.

Was hat sich ge­än­dert? In ei­nem Dia­gramm, in dem das Al­ter auf der x-Ach­se und die Ster­be­häu­fig­keit auf der y-Ach­se auf­ge­tra­gen ist, fin­det sich für heu­ti­ge Jä­ger-und-Samm­ler-Kul­tu­ren wie die Had­za in Tan­sa­nia und die Ache´ in Pa­ra­gu­ay ein gro­ßes Ma­xi­mum am An­fang, dann sinkt die Sterb­lich­keit ex­po­nen­ti­ell bis un­ge­fähr zu ei­nem Le­bens­al­ter von zehn Jah­ren, dann bleibt sie lang ziem­lich kon­stant, sie be­ginnt erst bei ei­nem Al­ter von 50, 60 Jah­ren lang­sam zu stei­gen und er­reicht ein – viel klei­ne­res – Ma­xi­mum bei cir­ca 75 Jah­ren. In in­dus­tria­li­sier­ten Län­dern wie Schwe­den und Ja­pan ist die­ser Hü­gel ers­tens zu ei­nem hö­he­ren Al­ter (cir­ca 90 Jah­re) ver­scho­ben und zwei­tens aus­ge­präg­ter, schmä­ler. Bis ins ho­he Al­ter. Am auf­fäl­ligs­ten aber ist ein Un­ter­schied: Das ers­te Ma­xi­mum, das der Kin­der­sterb­lich­keit ent­spricht, ist prak­tisch ver­schwun­den. „Die heu­ti­gen Be­völ­ke­run­gen er­freu­en sich ei­ner aus­ge­dehn­ten Pha­se ge­rin­ger Sterb­lich­keit – bis ins ho­he Al­ter, wo die meis­ten ster­ben“, kon­sta­tiert ei­ne kürz­lich in den Pro­cee­dings of the Na­tio­nal Aca­de­my of Sci­en­ces (21. 11.) er­schie­ne­ne Stu­die von De­mo­gra­fen aus Deutsch­land, Dä­ne­mark, Ke­nya und den USA.

Die­se wer­te­ten Da­ten aus zwölf Po­pu­la­tio­nen aus, aus sechs mensch­li­chen – die er­wähn­ten Haz­da und Ache´ so­wie Schwe­den und Ja­pan im 21. Jahr­hun­dert, da­zu Schwe­den im 18. Jahr­hun­dert und Li­be­ria im 19. Jahr­hun­dert – und auch sechs äf­fi­schen: Si­fa­kas, Spin­nen­af­fen, Ka­pu­zi­neräff­chen, Pa­via­ne, Schim­pan­sen, Go­ril­las. Die wich­tigs­te Aus­sa­ge, die sie dar­aus le­sen: Je äl­ter ei­ne Po­pu­la­ti­on von Pri­ma­ten im Durch­schnitt wird, um­so ge­rin­ger sind die Un­ter­schie­de im Ster­be­al­ter ih­rer In­di­vi­du­en. Um­ge­kehrt: Wenn ei­ne Kri­se das durch­schnitt­li­che Le­bens­al­ter senkt, wird die Ver­tei­lung der Ster­be­al­ter un­ge­rech­ter. „Das Aus­maß, in dem Men­schen von Zu­ge­win­nen der Lebensdauer pro­fi­tie­ren, wird zu­neh­mend ähn­lich“, sagt Alex­an­der Scheu­er­lein vom Max-Planck-In­sti­tut für de­mo­gra­fi­sche For­schung in Ros­tock.

Ei­ne Un­gleich­heit bleibt aber bei stei­gen­der Lebensdauer und be­steht bei al­len Pri­ma­ten: die Un­gleich­heit zwi­schen den Ge­schlech­tern, was die Lebensdauer an­langt. Frau­en le­ben län­ger als Män­ner, Weib­chen län­ger als Männ­chen. „Es ist er­staun­lich“, sagt Su­san Al­berts, Bio­lo­gin an der Du­ke Uni­ver­si­ty: „Wenn wir die Lebensdauer so aus­deh­nen kön­nen, wie­so kön­nen wir den Un­ter­schied zwi­schen Män­nern und Frau­en nicht schrump­fen?“

Bei ei­nem Blick auf die UNO-Lis­te, die 195 Län­der ent­hält, fin­det man nur fünf Staa­ten, in de­nen Män­ner län­ger le­ben als Frau­en: Swa­si­land, Le­so­tho, Sim­bab­we, Af­gha­nis­tan und Ni­ger. In den ers­ten vier be­trägt die durch­schnitt­li­che Le­bens­er­war­tung un­ter 44 Jah­re, da fällt wohl die Müt­tersterb­lich­keit mehr ins Ge­wicht. Ni­ger ist ein biss­chen bes­ser dran (Män­ner: 57,8; Frau­en: 56,0). Für die The­se, dass in strikt is­la­mi­schen Län­dern die schlech­te­re Stel­lung der Frau­en – und ih­re Be­nach­tei­li­gung in der Ge­sund­heits­ver­sor­gung – ei­ne Rol­le spie­len könn­te, spricht, dass et­wa in Pa­kis­tan (Män­ner: 65,2; Frau­en: 65,8) der Un­ter­schied zu­guns­ten der Frau­en auf­fäl­lig klein ist.

Dass an­de­rer­seits z. B. in Russ­land (Män­ner: 64,3; Frau­en: 76,4) der Un­ter­schied be­son­ders groß ist, könn­te teil­wei­se am Al­ko­ho­lis­mus lie­gen, aber hier tappt man im Dunk­len. Wie an­fäl­lig die Sterb­lich­keit für den Le­bens­stil ist, zeig­te vor ei­nem Jahr ei­ne eben­falls in Pnas (2. 11. 2015) ver­öf­fent­lich­te Stu­die: In den Jah­ren zwi­schen 1999 und 2013 ist in den USA die Sterb­lich­keit im Al­ter zwi­schen 45 und 54 Jah­ren si­gni­fi­kant ge­stie­gen – al­ler­dings nur für Whi­te Non-Hi­s­pa­nic Ame­ri­cans, al­so für nicht aus Latein­ame­ri­ka zu­ge­wan­der­te Wei­ße. Star­ke Zu­wäch­se gab es vor al­lem bei Ver­gif­tun­gen, Selbst­mor­den und töd­li­chen Le­ber­er­kran­kun­gen; die For­scher ga­ben dem Kon­sum von Schmerz­mit­teln und an­de­ren Me­di­ka­men­ten ei­ni­ge Schuld und spra­chen von ei­ner „Epi­de­mie der Hoff­nungs­lo­sig­keit“und der „schreck­li­chen Fol­ge von lang­sa­mem Wirt­schafts­wachs­tum und wach­sen­der Un­gleich­heit“.

Zu­rück zum Ge­schlech­ter­un­ter­schied. An grö­ße­rer Über­ar­bei­tung der Män­ner kann’s nicht lie­gen: Stu­di­en er­ga­ben, dass Frau­en, wenn man nicht nur be­zahl­te Lohn­ar­beit rech­net, mehr Zeit mit Ar­beit ver­brin­gen als Män­ner. Auch mit der Be­treu­ung von Kin­dern. Das könn­te ih­re Lang­le­big­keit be­güns­tigt ha­ben, sagt die „Grand­mo­ther Theo­ry“: Gen­va­ri­an­ten, die be­son­ders Frau­en ein län­ge­res Le­ben brin­gen, be- wir­ken, dass sich die­se län­ger um ih­re En­kel küm­mern kön­nen, wo­mit die­se bes­ser ver­sorgt sind, eher über­le­ben und spä­ter mehr Kin­der be­kom­men als ih­re Al­ters­ge­nos­sen oh­ne Oma. Da­mit wer­den die­se Gen­va­ri­an­ten häu­fi­ger. Soll­ten die­se Va­ri­an­ten nicht auch die Män­ner – die ja ih­re Ge­ne auch von den Müt­tern er­ben – lang­le­bi­ger ma­chen? Kastra­ten le­ben län­ger. Hier könn­ten die Hor­mo­ne, die un­ter an­de­rem auch Ge­ne re­gu­lie­ren, ei­nen Un­ter­schied ma­chen. Von ei­nem Hor­mon, Tes­to­ste­ron, weiß man, dass es das Le­ben ver­kürzt: Bei vie­len Tier­ar­ten ist ex­pe­ri­men­tell be­legt, dass Kastra­ten län­ger le­ben. Es be­wirkt wohl, dass man­che mit ei­nem ris­kan­ten Le­bens­stil ver­bun­de­ne To­des­ar­ten – Au­to­un­fäl­le, Mord, Un­fäl­le mit Feu­er­waf­fen – bei Män­nern häu­fi­ger sind. Es macht ri­si­ko­freu­di­ger, viel­leicht aber auch ängst­li­cher: Da­für spricht, dass Frau­en mit dem (häu­fi­gen) Zys­ti­schen Ovar­syn­drom, das sich in er­höh­tem Spie­gel männ­li­cher Se­xu­al­hor­mo­ne äu­ßert, öf­ter an Angst­stö­run­gen und De­pres­sio­nen lei­den. Da­zu kommt, dass Tes­to­ste­ron das Immunsystem un­ter­drückt, wohl um die da­für nö­ti­ge Ener­gie auf an­de­re Ak­ti­vi­tä­ten um­zu­len­ken. Da­für lei­den Män­ner sel­te­ner an Au­to­im­mun­krank­hei­ten.

Noch trü­ber wirkt ei­ne an­de­re bio­lo­gi­sche Er­klä­rung: Frau­en ha­ben zwei X-Chro­mo­so­men, Män­ner nur ei­nes. (Das Y-Chro­mo­som, das nur we­ni­ge Ge­ne ent­hält, fällt nicht ins Ge­wicht.) Das heißt, dass De­fek­te in Ge­nen, die auf ei­nem X-Chro­mo­som sit­zen, bei Frau­en durch ein in­tak­tes Gen auf dem zwei­ten X aus­ge­gli­chen wer­den kön­nen, bei Män­nern nicht. Dar­um lei­den sie viel häu­fi­ger an Rot-grün-Blind­heit, Blu­ter­krank­heit, Mus­kel­dys­tro­phie und an­de­ren Erb­krank­hei­ten, wo­mög­lich auch an gar nicht dia­gnos­ti­zier­ten Schwä­chen. Könn­te sein, dass auch das ihr Le­ben ver­kürzt.

Tes­to­ste­ron un­ter­drückt das Immunsystem und för­dert ei­nen ris­kan­ten Le­bens­stil.

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John­ny Weiss­mül­ler (Tar­zan) wur­de 79, Mau­re­en O’Sul­li­van (Ja­ne) wur­de 87. Das passt gut in die Sta­tis­tik. Bei der Schim­pan­sin Chee­tah ist der Fall nicht so klar: 2011 hieß es, sie sei 80-jäh­rig ver­stor­ben, doch das nann­ten vie­le ei­nen Schwin­del.

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