Wort der Wo­che

BE­GRIF­FE DER WIS­SEN­SCHAFT

Die Presse am Sonntag - - Wissen - VO N MAR­TIN KUG­LER

Vie­le Men­schen sind über­zeugt, dass Mond­holz, das zu be­stimm­ten Zei­ten ge­fällt wur­de, hö­he­re Qua­li­tät auf­weist: ei­ni­ge An­mer­kun­gen über Glau­ben und Wis­sen.

Laut gän­gi­gen Mond­ka­len­dern sind die nächs­ten Ta­ge ide­al für hoch­qua­li­ta­ti­ves Holz: Bäu­me, die bei Ne­u­mond (am Di­ens­tag) ge­fällt wer­den, lie­fern per­fek­tes Bau­holz, heißt es. Bei ab­neh­men­dem Mond in ge­wis­sen Tier­kreis­zei­chen (z. B. heu­te) ge­schlä­ger­tes Holz fau­le nicht. Die nächs­ten Ta­ge gel­ten als per­fekt, um Brenn­holz ein­zu­la­gern. Vie­le Men­schen sind fel­sen­fest da­von über­zeugt, dass Mond­pha­sen­holz über­le­gen ist – dass es z. B. här­ter, schäd­lings­re­sis­ten­ter oder gar „un­brenn­bar“(sic!) ist. Ar­gu­men­tiert wird da­mit, dass das jahr­hun­der­te­al­tes Wis­sen und tau­send­fach er­probt sei. In ih­rer Über­zeu­gung be­stärkt se­hen sich Mond­holz­fans au­ßer­dem durch die Wis­sen­schaft. Ge­nau­er ge­sagt: durch die Ar­beit ei­nes ein­zi­gen Schwei­zer For­schers. Ernst Zürcher konn­te in ei­nem (se­riö­sen) Ver­such nach­wei­sen, dass Fich­ten­holz, das im Win­ter bei ab­neh­men­dem Mond ge­fällt wur­de, nach dem Trock­nen dich­ter war und we­ni­ger Was­ser auf­saug­te. Nicht mehr, aber auch nicht we­ni­ger. 30 Pro­zent teu­rer. Die­sen Be­fund zu ge­ne­ra­li­sie­ren ist nicht an­ge­bracht. In sei­nem eben er­schie­ne­nen Buch „Die Bäu­me und das Unsichtbare“(240 Sei­ten, 25,70 Eu­ro, AT-Ver­lag) macht Zürcher dar­auf auf­merk­sam, dass „die­se Phä­no­me­ne kom­ple­xer sind, als es die tra­di­tio­nel­len Re­geln ver­mu­ten las­sen“. Die Schwan­kun­gen im Zu­sam­men­hang mit Mond­pha­sen sei­en viel schwä­cher als die Un­ter­schie­de, die auf den Stand­ort und die Art der Wald­be­wirt­schaf­tung zu­rück­zu­füh­ren sind. Zu­dem ver­hal­ten sich ver­schie­de­ne Baum­ar­ten völ­lig un­ter­schied­lich. Zürcher ver­mu­tet ei­nen Ein­fluss des Mon­des auf die Was­ser­struk­tur. Wei­ter will er aber nicht spe­ku­lie­ren, denn Be­wei­se hat er kei­ne. Ei­ne Ab­lei­tung der phy­si­ka­li­schen und bio­lo­gi­schen Kräf­te sei noch aus­zu­ar­bei­ten, schreibt er vor­sich­tig.

Sol­che Vor­sicht ist mond­holz­be­seel­ten Sä­gern und Käu­fern fremd: Sie glau­ben an ih­re Sa­che – und ver­lan­gen bzw. be­zah­len be­den­ken­los mehr Geld (näm­lich um bis zu 30 Pro­zent). Ist Mond­holz al­so Schar­la­ta­ne­rie und Ge­schäf­te­ma­che­rei? So weit soll­te man nicht ge­hen: Zum ei­nen gibt es ver­ein­zel­te em­pi­ri­sche Be­le­ge, dass Mond­pha­sen ei­ne Rol­le spie­len. Zum an­de­ren muss ein Phä­no­men nicht not­wen­di­ger­wei­se falsch sein, nur weil es auf al­tem Er­fah­rungs­wis­sen be­ruht und wis­sen­schaft­lich zur­zeit nicht er­klär­bar ist.

Wirk­lich wis­sen tun wir es aber nicht. „Des Men­schen Wil­le, zu glau­ben, ist un­er­schöpf­lich“, for­mu­lier­te der gro­ße US-Phi­lo­soph Tho­mas Na­gel kürz­lich so schön. Der Au­tor lei­te­te das For­schungs­res­sort der „Pres­se“und ist Chef­re­dak­teur des „Uni­ver­sum Ma­ga­zins“.

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