Wo Wür­de be­ginnt

Ein Kind braucht »Schutz, Be­zie­hung und Frei­heit«: Schrift­stel­ler Pau­lus Hoch­gat­te­rer hat die­sen Text zur Er­in­ne­rung an das Un­recht, das ös­ter­rei­chi­schen Heim­kin­dern wi­der­fah­ren ist, ver­fasst.

Die Presse am Sonntag - - Leben -

Am Be­ginn des trau­rigs­ten Bu­ches, das es über fremd­un­ter­ge­brach­te Kin­der gibt, As­trid Lind­grens „Mio, mein Mio“, sitzt die Haupt­fi­gur der Ge­schich­te, der neun­jäh­ri­ge Bo Vil­helm Ols­son, auf ei­ner Park­bahn und denkt über sein Le­ben nach:

Ich war Pfle­ge­kind bei Tan­te Ed­la und On­kel Six­ten. Ich kam zu ih­nen, als ich ein Jahr alt war. Vor­her wohn­te ich in ei­nem Kin­der­heim. Von dort hat mich Tan­te Ed­la ge­holt. [. . .] Tan­te Ed­la sag­te im­mer, der Tag, an dem ich ins Haus ge­kom­men bin, sei ein Un­glücks­tag ge­we­sen. On­kel Six­ten sag­te nichts. Doch, manch­mal sag­te er. „Du da, geh nach drau­ßen, da­mit ich dich nicht se­hen muss.“Ich stell­te mir vor, dass über­all dort, wo Licht war, Kin­der mit ih­ren Müt­tern und Vä­tern bei­sam­men sa­ßen. Nur ich, ich saß hier drau­ßen im Dun­keln. Al­lein. Kin­der, die in Hei­men, Wohn­ge­mein­schaf­ten oder Pfle­ge­fa­mi­li­en un­ter­ge­bracht wer­den, tra­gen in der Re­gel schon da­vor – wie Bo Vil­helm Ols­son im Buch – ein Bün­del an frü­he­ren Er­fah­run­gen mit sich her­um, die mit Ein­sam­keit, Ge­ring­schät­zung und Ge­walt zu tun ha­ben. Ih­re ers­ten Be­zugs­per­so­nen wa­ren oft nur un­zu­rei­chend in der La­ge, je­ne Din­ge zur Ver­fü­gung zu stel­len, die für ei­ne ge­sun­de Ent­wick­lung von Kin­dern not­wen­dig sind: Schutz, Be­zie­hung und Frei­heit. Das be­deu­tet für die­se Kin­der vor al­lem eins, ei­ne tie­fe pri­mä­re Be­schä­mung. In ih­rem In­ne­ren füh­len sie sich klein, wert­los und nichts­wür­dig. Was sie an Zorn oder Auf­leh­nung even­tu­ell auf­brin­gen kön­nen, geht meist ins Lee­re. Schutz, Be­zie­hung, Frei­heit. Um die Ur­be­schä­mung die­ser Kin­der zu ver­rin­gern, braucht es an den Plät­zen, an de­nen sie dann le­ben, und von­sei­ten der Per­so­nen, de­nen sie an­ver­traut sind, vor al­lem die drei ge­nann­ten Din­ge – Schutz, Be­zie­hung und Frei­heit: Schutz vor Ge­walt, Schutz vor Miss­ach­tung und Ge­ring­schät­zung, Schutz vor miss­bräuch­li­cher In­stru- men­ta­li­sie­rung; Be­zie­hun­gen, die Trost spen­den, Be­zie­hun­gen, die Hil­fe leis­ten, Be­zie­hun­gen, die Re­so­nanz bie­ten; die Frei­heit, weg­zu­ge­hen, die Frei­heit, sich zu ir­ren, und die Frei­heit, Nein zu sa­gen. Wenn uns et­was dar­an liegt, dass die Kin­der das ent­wi­ckeln, was wir ge­wohnt sind, et­was groß­spu­rig „Iden­ti­tät“zu nen­nen, al­so die Fä­hig­keit, von ei­nem ei­ni­ger­ma­ßen si­che­ren Ort aus „Ich“zu sa­gen, müs­sen wir da­für sor­gen, dass die­se Din­ge ge­währ­leis­tet sind.

Die Hoff­nung ei­ner be­trächt­li­chen Zahl von Kin­dern, ih­re Bür­de an pri­mä­rer Be­schä­mung wer­de in der Ob­hut von Kir­che oder Staat we­ni­ger schwer, wur­de in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten nicht er­füllt. Im Ge­gen­teil, die­se Kin­der wur­den al­lein­ge­las­sen, miss­ach­tet, miss­braucht und ge­quält, mit an­de­ren Wor­ten, er­neut zu­tiefst be­schämt. Auf sol­che Wei­se wur­de ih­nen die Fä­hig­keit, von ei­nem si­che­ren Ort aus „Ich“zu sa­gen, al­so ih­re Iden­ti­tät, nicht ge­ge­ben, son­dern ge­nom­men. Man­che der Kin­der hat­ten Glück und tra­fen spä­ter, wie Bo Vil­helm Ols­son in As­trid Lind­grens Ge­schich­te, ei­nen gu­ten Geist, der ih­nen ei­nen der­ar­ti­gen Ort doch noch zu­gäng­lich mach­te. An­de­re hat­ten die­ses Glück nicht. Ih­nen blieb als Ein­zi­ges, zu dem sie „Ich“sa­gen konn­ten, ih­re Be­schä­mung. Hü­te­rin der mensch­li­chen Wür­de. Der be­deu­ten­de ame­ri­ka­ni­sche Psy­cho­ana­ly­ti­ker Le­on Wurm­ser, der sein Le­ben der Er­for­schung der mensch­li­chen Scham ge­wid­met hat, fasst die An­ge­le­gen­heit in ei­nen Satz: „Scham ist die Hü­te­rin der mensch­li­chen Wür­de.“Wo Be­schä­mung von au­ßen über­hand­nimmt, ist nur noch Scham. Da­mit gibt es nichts mehr zu hü­ten, Wür­de schon gar nicht. So könn­te man die­sen Satz fort­set­zen.

Ein Mensch, der im­stan­de ist, „Ich“zu sa­gen, be­sitzt Iden­ti­tät und Wür­de. Kin­der, die aus­rei­chend be­schämt wur­den, tun sich spä­ter schwer da­mit, „Ich“zu sa­gen, und sie emp­fin­den kei­ne Wür­de mehr. So sehr schä­men sie sich. „Ich schä­me mich“. Wenn es dem Staat und der Kir­che – ne­ben abs­trakt-dis­tan­zier­ten Grund­rechts­be­teue­run­gen – tat­säch­lich ein An­lie­gen ist, den Men­schen, um die es hier geht, ei­nen Kris­tal­li­sa­ti­ons­keim ih­rer Wür­de wie­der­zu­ge­ben, so reicht es nicht, fürch­te ich, die oh­ne­hin auf der Hand lie­gen­de Ver­ant­wor­tung auch ex­pli­zit zu über­neh­men und sich zu ent­schul­di­gen, son­dern es emp­fiehlt sich, noch ein­mal ei­nen Blick auf den Satz von Le­on Wurm­ser zu wer­fen: „Die Scham ist die Hü­te­rin der mensch­li­chen Wür­de.“

Die Ent­wür­di­gung durch Be­schä­mung ist in dem Kon­text, von dem hier die Re­de ist, nur da­durch auf­heb­bar, dass man das Über­maß an Scham von den­je­ni­gen nimmt, auf de­ren Schul­tern es ge­la­den wur­de. Die Scham muss dort emp­fun­den und ar­ti­ku­liert wer­den, wo sie hin­ge­hört. Das ver­langt, dass je­mand – Ex­po­nent von Staat oder Kir­che – auf­steht und die­sen schwie­rigs­ten al­ler Sät­ze sagt: „Ich schä­me mich.“An­ge­sichts je­ner Din­ge, die wir in den ver­gan­ge­nen Jah­ren aus den Hei­men, Wohn­ge­mein­schaf­ten und Pfle­ge­fa­mi­li­en er­fah­ren ha­ben, ist das zu­mut­bar, den­ke ich.

Die­se Kin­der wur­den al­lein­ge­las­sen, miss­ach­tet, miss­braucht und ge­quält.

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