Ein Seil zwi­schen Län­dern

Na­di­ne Dim­mel hat den ers­ten Platz beim ZiS-Schreib­wett­be­werb ge­won­nen. »Die Pres­se am Sonn­tag« druckt ih­ren Sie­ger­text zum The­ma »Geld und Wer­te«.

Die Presse am Sonntag - - Leben -

Was mir schon sehr früh wäh­rend mei­ner Kind­heit auf­ge­fal­len ist, ist, dass mei­ne El­tern das Geld, das sie ver­dien­ten, meist so­fort wie­der in ih­re Her­kunfts­län­der schick­ten. ( Na­di­ne Dim­mels Mut­ter kommt aus Mon­te­ne­gro, ihr Va­ter aus Ägyp­ten, An­mer­kung.) An­fangs hielt ich das für ei­ne Ei­gen­art mei­ner Fa­mi­lie, ich wuss­te nicht, dass das vie­le so ma­chen. Aber in Ge­sprä­chen mit an­de­ren Mi­gran­ten wur­de mir schnell klar: Mei­ne El­tern sind nicht die Ein­zi­gen. Laut der Welt- bank von 2015 geht es um ei­ne Sum­me von 440 Mil­li­ar­den Eu­ro, die Mi­gran­ten und Flücht­lin­ge jähr­lich wie­der zu­rück in ih­re Hei­mat schi­cken. Das muss man sich ein­mal auf der Zun­ge zer­ge­hen las­sen! 300 Eu­ro pro Trans­fer. Die­se Mil­li­ar­den er­hal­ten Mil­lio­nen Fa­mi­li­en in Ent­wick­lungs­län­dern am Le­ben und sprin­gen dort ein, wo Ent­wick­lungs­gel­der durch Kor­rup­ti­on und Ver­sa­gen von Re­gie­run­gen nicht mehr hin­kom­men. Durch­schnitt­lich sen­den Mi­gran­ten 300 Eu­ro pro Trans­fer, schreibt Spie­gel on­line, zu Fei­er­ta­gen und be­son­de­ren An­läs­sen wird zu­sätz­lich noch et­was drauf­ge­legt. Das Ge­schäft mit den Ge­büh­ren. Wer pro­fi­tiert da­von? Ei­ner­seits na­tür­lich die Fa­mi­li­en, die das Geld er­hal­ten. Doch die Art und Wei­se, wie sie das Geld er­hal­ten, spielt ge­wis­sen Fi­nanz­dienst­lei­tern und Trans­fer­un­ter­neh­men in die Hän­de. Das bes­te Bei­spiel ist der US-ame­ri­ka­ni­sche Geld­trans­fe­ran­bie­ter Wes­tern Uni­on, der mit ho­hen Ge­büh­ren Ge­winn macht. Wür­de man bei­spiels­wei­se aus den USA nach Ma­ze­do­ni­en 100 Dol­lar über­wei­sen, wür­den dort nur 87,45 Eu­ro an­kom­men. Zu­sätz­lich fal­len zwölf Dol­lar Spe­sen an. Für ei­ne Ein­zah­lung von 112 Dol­lar (nach Kurs vom 18. No­vem­ber 2016 104,51 Eu­ro), er­hält der Emp­fän­ger al­so nur 87,45 Eu­ro – über 16 Pro­zent ge­hen als Spe­sen an Wes­tern Uni­on, zeigt de­ren Web­site.

Der Vor­teil an Wes­tern Uni­on ist aber, dass das Un­ter­neh­men über­all Aus­zah­lungs­stel­len hat. Tra­fik- und Post­be­sit­zer, Ein­zel­un­ter­neh­mer: Sie al­le kön­nen recht ein­fach ei­ne Fi­lia­le er­öff­nen und er­hal­ten ei­ne Pro­vi­si­on pro Über­wei­sung. In Re­gio­nen mit we­nig In­fra­struk­tur gibt es meist kei­ne an­de­re Op­ti­on, und man ist auf sol­che Trans­fer­ban­ken an­ge­wie­sen. Auch durch die Flücht­lings­kri­se wird wei­ter Um­satz ge­macht: In der Tür­kei und auf der Bal­kan­rou­te ver­zeich­ne­te Na­di­ne Dim­mel, 17, (Schum­pe­ter BHAK/BHAS in Wi­en 13) hat die Ju­ry im Hin­blick auf die Kri­te­ri­en Ori­gi­na­li­tät, Re­le­vanz, sprach­li­che Ge­wandt­heit, Ak­tua­li­tät des The­mas, In­no­va­ti­ons­ge­halt, Qu­el­len­trans­pa­renz so­wie die rich­ti­ge Ver­wen­dung ei­ner jour­na­lis­ti­schen Text­sor­te über­zeugt und hol­te sich den ers­ten Platz. Ihr Beitrag „Das Seil zwi­schen zwei Län­dern“wur­de bei der „Geld und Wer­te“-Sie­ger­eh­rung am 24. No­vem­ber 2016 beim En­tre­pre­neurship Sum­mit im Haus der In­dus­trie prä­miert. Wes­tern Uni­on in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zahl­rei­che Neu­er­öff­nun­gen von Fi­lia­len.

Doch den­noch lässt sich nicht be­strei­ten, dass die Wirt­schaft in die­sen Län­dern auf die­se Gel­der aus der Ers­ten Welt an­ge­wie­sen ist. Vor al­lem für El­tern und Groß­el­tern, bei de­nen die Pen­si­on (falls es über­haupt ei­ne gibt) nicht mehr reicht, und da­heim­ge­blie­be­ne Frau­en mit Kin­dern ist es manch­mal über­le­bens­not­wen­dig.

So­mit tra­gen Mi­gran­ten und Flücht­lin­ge nicht nur Ver­ant­wor­tung

Ich hielt das für ei­ne Ei­gen­art mei­ner Fa­mi­lie, ich wuss­te nicht, dass das vie­le so ma­chen. Was wä­re, wenn Mi­gran­ten nicht die­se Auf­ga­be hät­ten? Wä­ren sie wohl­ha­ben­der?

für sich selbst in ei­nem neu­en und meist frem­den Land, son­dern auch noch für die Fa­mi­lie, die weit ent­fernt ist. Was wä­re, wenn . . . Es spannt sich ein Seil zwi­schen zwei Län­dern, und ich fra­ge mich, was wä­re wenn. Was wä­re, wenn Mi­gran­ten nicht die­se Auf­ga­be hät­ten? Wä­ren sie wohl­ha­ben­der? Hät­ten sie we­ni­ger fi­nan­zi­el­le „Kopf­schmer­zen“? Was wür­den sie mit dem Geld ma­chen, das ih­nen in der Ta­sche bleibt? Es spannt sich ein Seil zwi­schen zwei Län­dern. Hof­fen wir, dass es nicht reißt.

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