Am Herd

BRANDHEISS UND HÖCHST PERSÖNLICH

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON BET­TI­NA STEINER

Ich bin po­li­tisch kor­rekt, auch wenn das nicht mehr po­li­tisch kor­rekt sein soll­te. Des­halb stel­le ich in die­ser Kolumne die Phra­se »Check Your Pri­vi­le­ge« vor.

Al­so: Ich fah­re manch­mal mit dem Fahr­rad auf dem Geh­steig. Es ist ein kur­zes Stück, fünf­zehn Me­ter viel­leicht, und ei­gent­lich re­sul­tier­ten dar­aus nie grö­ße­re Kon­flik­te. Auch kei­ne klei­ne­ren: In vier Jah­ren wur­de ich ein ein­zi­ges Mal zu­recht­ge­wie­sen, und zwar von ei­ner äl­te­ren Frau, die mir ei­nes eh schon tr­ü­ben Mor­gens mit dem Zei­ge­fin­ger droh­te. Ich fin­de es im Üb­ri­gen sehr be­ru­hi­gend, dass es für die­se Ges­te zu­min­dest im Deut­schen kein ei­ge­nes Wort gibt.

Wie im­mer, ich ha­be die Tat­sa­che, dass mich die Men­schen, de­nen ich bei mei­ner Über­tre­tung der Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung be­geg­ne, ent­we­der igno­rie­ren oder freund­lich an­lä­cheln, im­mer da­mit er­klärt, dass ich ers­tens selbst freund­lich läch­le, zwei­tens im Schritt­tem­po fah­re und drit­tens ab­stei­ge, wenn es doch eng wer­den soll­te, was zwar kei­nen Sinn er­gibt, weil ein ge­scho­be­nes Rad mehr Platz braucht als ein ge­fah­re­nes, aber sei’s drum. Ich möch­te schließ­lich nie­man­den er­schre­cken. Und ein biss­chen gu­ten Wil­len zei­gen. Und des­halb kom­me ich mit al­len Ver­kehrs­teil­neh­mern su­per aus, oder? Wel­che Vor­tei­le? Und hier kommt die Phra­se „check your pri­vi­le­ge“ins Spiel. Sie for­dert da­zu auf, sich zu über­le­gen, wo man über­all Vor­tei­le ge­nießt, die nichts da­mit zu tun ha­ben, wie man ist (zum Bei­spiel freund­lich, vor­sich­tig und ei­ni­ger­ma­ßen rück­sichts­voll), son­dern was man ist (zum Bei­spiel weiß, weib­lich, Mit­te 40). War­um das not­wen­dig ist? Weil man da­zu neigt, aus Be­quem­lich­keit al­les persönlich zu neh­men – und in der Fol­ge rech­net man sich gern als Ver­dienst an, was in Wirk­lich­keit we­nigs­tens zum Teil auf Zu­fall be­ruht. „I check my pri­vi­le­ge“könn­te zum Bei­spiel ein Mann in ei­nem rein männ­lich be­setz­ten Vor­stand sa­gen und fest­stel­len, dass er, gin­ge es mit rech­ten, al­so gleich­be­rech­tig­ten Din­gen zu, mit 50-pro­zen­ti­ger Wahr­schein­lich­keit nicht dort sä­ße. Son­dern ei­ne Frau.

Zum Bei­spiel ich. Wo­bei ich wie­der­um an­de­re Pri­vi­le­gi­en ge­nie­ße. So könn­te ich mir, um mit et­was Ein­fa­chem an­zu­fan­gen, die Fra­ge stel­len, wie je­ner eher grim­mig aus­se­hen­de Mann mit dem Salz-und-Pfef­fer-Bart, dem ich am Mor­gen häu­fi­ger be­geg­ne, auf ei­ne schwarz­haa­ri­ge, dun­kel­häu­ti­ge Ju­gend­li­che re­agie­ren wür­de, die so wie ich ein­fach so den Geh­steig zweck­ent­frem­det. Sie wür­de wohl nicht so glimpf­lich da­von­kom­men. So lang­sam könn­te sie gar nicht fah­ren, so sehr könn­te sie gar nicht grin­sen, sie wür­de ver­mut­lich kei­ne ein­zi­ge Fahrt oh­ne ei­nen dro­hend wa­cheln­den Zei­ge­fin­ger über­ste­hen. Und hier geht es noch gar nicht drum, wel­che Chan­cen ihr das Le­ben sonst noch so bie­ten wird.

Hier geht es nur um 15 Me­ter As­phalt.

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