Der gu­te Rauch und sei­ne Wir­kun­gen

Das Ri­tu­al des Räu­cherns hat nicht nur re­li­giö­se oder tra­di­tio­nel­le Grün­de, son­dern wird auch als hy­gie­ni­sche Maß­nah­me und Stim­mungs­auf­hel­ler ein­ge­setzt.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON CLAU­DIA RICH­TER

Selbst so manch ein­ge­fleisch­ter Schul­me­di­zi­ner, der die Pflan­zen­the­ra­pie gern ins eso­te­ri­sche Eck schob, gibt mitt­ler­wei­le zu, dass Pflan­zen mehr kön­nen als blü­hen und wach­sen. La­ven­del bei­spiels­wei­se wirkt – schon wenn man ihn riecht – be­ru­hi­gend, ent­span­nend und stress­lin­dernd. Und wäh­rend die Wir­kun­gen von La­ven­del- und an­de­ren äthe­ri­schen Ölen be­reits gut er­forscht sind und die Aro­ma­the­ra­pie be­reits in et­li­chen Kran­ken­häu­sern Ein­zug ge­hal­ten hat, hinkt die For­schung bei der Wirk­sam­keit des Räu­cherns hin­ten nach. „Das heißt aber noch lang nicht, dass es nicht wirkt“, sagt Fried­rich Ka­indl­stor­fer, Räu­cher­ex­per­te und Au­tor des Bu­ches „Die Heil­kraft des Räu­cherns. Mit hei­mi­schen Blü­ten, Kräu­tern und Har­zen“.

Fak­tum ist: Beim Ver­bren­nen und Ver­glü­hen von Kräu­tern und Har­zen wer­den Rauch, Duft- und Wirk­stof­fe so­wie fein­stoff­li­che Ener­gi­en frei­ge­setzt, die Geist und Kör­per be­ein­flus­sen. Wie ge­nau das pas­siert, ist noch nicht ge­nü­gend er­forscht. Be­kannt und er­wie­sen ist in­des: Duft­si­gna­le ge­lan­gen über die Na­se in das lim­bi­sche Sys­tem, den Hy­po­tha­la­mus, den Tha­la­mus und in an­de­re Ge­hirn­zen­tren und be­ein­flus­sen un­se­re Ge­füh­le so­wie vie­le Kör­per­funk­tio­nen. Auf die­sem Weg kön­nen see­li­sche und kör­per­li­che Heil­re­ak­tio­nen her­vor­ge­ru­fen wer­den. „Un­be­strit­ten ist auch die Wir­kung ver­räu­cher­ten Fich­ten­har­zes“, be­tont Ka­indl­stor­fer, „das wirkt des­in­fi­zie­rend, rei­ni­gend.“ Ros­ma­rin, Weih­rauch und Wa­chol­der. Die­sen Ef­fekt hat auch Weih­rauch, der ge­ra­de rund um Weihnachten Hoch­sai­son hat. Er wirkt an­ti­sep­tisch, des­in­fi­zie­rend und ent­zün­dungs­hem­mend. Beim Räu­chern von Weih­rauch wer­den un­ter an­de­rem Mo­no­ter­pe­ne frei­ge­setzt, die das Immunsystem stär­ken kön­nen. Weih­rauch ent­hält mehr Es­ter als an­de­re Stof­fe und sorgt für see­li­sche Aus­ge­gli­chen­heit.

Apro­pos See­le: Ge­rü­che ge­hen so­fort ins Ge­müt, er­in­nern uns, be­rüh­ren uns, ru­fen Ge­füh­le her­vor. „Mit Weih­rauch kann ich auch schmer­zen­de Ge­len­ke di­rekt be­räu­chern, das för­dert die Durch­blu­tung und hilft et­wa bei Ar­thri­tis“, er­klärt Ka­indl­stor­fer. Man neh­me da­zu ein rauch­ge­tränk­tes Tuch und rei­be die ent­spre­chen­den, schmer­zen­den Kör­per­stel­len da­mit ein. Bei Span­nungs­kopf­schmerz emp­fiehlt Ka­indl­stor­fer ei­nen Räu­cher­mix aus An­ge­li­ka­wurz, Mä­de­s­üß, Tan­nen­harz und Veil­chen.

Mit rauch­ge­tränk­ten Tü­chern könn­te man auch Hund und Kat­ze be­han­deln – et­wa bei Pa­ra­si­ten­be­fall, bei Un­ru­he und Ner­vo­si­tät, bei Ap­pe­tit­lo­sig­keit. „Ein Schwer­punkt in mei­nem Buch sind Heil­räu­che­run­gen für Nut­zund Haus­tie­re, das gibt es erst­ma­lig in ei­nem Buch.“ »Die Heil­kraft des Räu­cherns. Mit hei­mi­schen Blü­ten, Kräu­tern und Har­zen«, von Fried­rich Ka­indl­stor­fer, 128 Sei­ten, 17,99 Eu­ro. Schutz von Haus und Hof. Im Hin­blick auf sei­ne Aus­bil­dung ist er Di­plom-Be­triebs­wirt, ist in sei­ner Kind­heit mit dem Groß­va­ter durch Stall und Bau­ern­haus ge­zo­gen, wo „mein Opa je­des Jahr Ge­bäu­de und Tie­re ge­räu­chert hat“. Räu­chern ist ja nichts Neu­es, seit die Men­schen das Feu­er ken­nen wird die­ses Ri­tu­al ge­pflegt, aus re­li­giö­sen oder tra­di­tio­nel­len Grün­den, bei Ze­re­mo­ni­en und Fes­ten, als hy­gie­ni­sche Maß­nah­me, zum Schutz von Haus und Hof, als Heil­mit­tel – Räu­chern ist heu­te noch in vie­len Kul­tu­ren wich­ti­ger Be­stand­teil ei­nes ganz­heit­li­chen me­di­zi­ni­schen An­sat­zes. Die Ge­schich­te, aber auch die Pra­xis des Räu­cherns mit vie­len An­wen­dungs­tipps be­schreibt Ka­indl­stor­fer aus­führ­lich.

Seit neun Jah­ren ist er Be­triebs­lei­ter des ers­ten Zen­trums für Tra­di­tio­nel­le Eu­ro­päi­sche Me­di­zin (TEM) in Bad Kreu­zen. Ein Wort nur zu die­sem Zweig der Al­ter­na­tiv­me­di­zin, in dem Pflan­zen ei­ne sehr wich­ti­ge Rol­le spie­len: Hier wird die Pflan­ze ge­mäß der Si­gna­tur- leh­re als Gan­zes ver­wen­det. Im Un­ter­schied zur mo­der­nen Me­di­zin, in der meist ein­zel­ne In­halts­stof­fe der Pflan­ze ex­tra­hiert wer­den. „Man weiß aber heu­te, dass die Wir­kung von Phy­to­phar­ma­ka oft nicht auf ein­zel­ne Sub­stan­zen zu­rück­zu­füh­ren ist, son­dern dass erst das Zu­sam­men­spiel meh­re­rer In­halts­stof­fe wirk­lich ef­fi­zi­ent und für die ge­sun­de Wir­kung ei­ner Pflan­ze ver­ant­wort­lich ist.“ Stim­mungs­la­ge ver­bes­sern. Im Lau­fe sei­ner Aus­bil­dung auf der TEM-Aka­de­mie stieß Ka­indl­stor­fer er­neut auf das Räu­chern. „Das hat mich so fas­zi­niert und in­ter­es­siert, dass ich in Deutsch­land ei­ni­ge Se­mi­na­re da­zu be­sucht und in­ten­siv re­cher­chiert ha­be.“Seit fünf Jah­ren räu­chert er re­gel­mä­ßig, hält Vor­trä­ge da­zu, bie­tet im Ge­sund­heits­zen­trum ge­mein­sam mit Ärz­ten Räu­che­run­gen an. „Da be­glei­ten wir Gäs­te auch, zum Bei­spiel bei Trau­er, Tren­nung oder Trau­men.“Mit Wa­chol­der lie­ße sich et­wa ein see­li­scher Selbst­schutz auf­bau­en, Ros­ma­rin hel­fe beim Los­las­sen. Das mö­gen rein wis­sen­schaft­lich ori­en­tier­te Na­tu­ren viel­leicht nicht glau­ben, er ha­be aber an Hun­der­ten von Men­schen die­se Wir­kung er­lebt, sagt er. Und in Kin­der­gär­ten, in die er im­mer wie­der zum Räu­chern ge­ru­fen wird, hat er auch schon viel­mals be­ob­ach­tet, „dass Mäd­chen und Bu­ben, die stark über­dreht sind, sehr gut auf Ro­se, La­ven­del, Zir­ben­holz und Al­ant­wur­zel re­agie­ren und viel ge­las­se­ner wer­den.“Ba­bys und Klein­kin­dern soll­te man kei­ner Räu­che­rung un­ter­zie­hen, erst ab vier, fünf Jah­ren sind Räu­che­run­gen an­ge­ra­ten. „Bei Kin­dern ver­wen­det man am bes­ten ein Räu­cher­stö­vchen, das raucht nicht so stark“, emp­fiehlt der Ex­per­te.

Jetzt in Grip­pe­zei­ten emp­fiehlt er fol­gen­den Mix: „Jetzt räu­che­re ich mit Ros­ma­rin, Weih­rauch, Thy­mi­an und Sal­bei prä­ven­tiv mein Ge­wand und mein Haus.“Die des­in­fi­zie­ren­de Wir­kung von Weih­rauch und er­wähn­ten Kräu­tern ist wis­sen­schaft­lich be­legt. „Ich fü­ge noch Tan­nen- oder Fich­ten­harz da­zu und bin so vor den Vi­ren ziem­lich gut ge­schützt“, sagt er und be­tont ab­schlie­ßend aber doch: „Ich kann mit Räu­chern Vi­ren ab­tö­ten, ich kann die Stim­mungs­la­ge ver­bes­sern und die kör­per­ei­ge­nen Heil­kräf­te an­re­gen, aber hei­len kann ich nicht.“

»Ich kann mit Räu­chern bei­spiels­wei­se Vi­ren ab­tö­ten, aber hei­len kann ich nicht.«

Sta­nis­lav Je­nis

Vie­le Pflan­zen ent­fal­ten auch noch beim Ver­bren­nen Wir­kung. Selbst wenn sie nicht hei­len kön­nen, so zu­min­dest die Stim­mungs­la­ge ver­bes­sern.

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