Die Trol­le vom Bal­kan

Die mäch­ti­ge In­ter­net­lü­gen­ma­schi­ne im US-Wahl­kampf ent­stand in ei­ner ma­ze­do­ni­schen Kle­in­stadt. Zu Be­such in Ve­les, wo der Na­me Do­nald Trump die Kas­sen klin­geln ließ.

Die Presse am Sonntag - - Globus - VON KRSTO LAZAREVIC

Ne­ben dem Bolz­platz steht ein Pferd, je­mand hat es mit ei­nem Strick fest­ge­kno­tet. Die Zü­gel bau­meln her­ab, wäh­rend es an ei­nem kah­len Busch schnup­pert. Drum­her­um ja­gen die Kin­der von Ve­les ei­nen Ball. Er ist eher oval als rund, die Net­ze um den Platz sind völ­lig zer­zaust. Aus den Fa­b­rik­schorn­stei­nen dampft es nicht mehr, seit die In­dus­trie mit dem Staat Ju­go­sla­wi­en un­ter­ge­gan­gen ist. „Schau dich hier mal um. Was hat die­ser Ort mit dem Wahl­kampf in Ame­ri­ka zu tun?“, sagt Zoran, 34, und lacht. Er kennt die Ant­wort. Das Wei­ße Haus liegt ziem­lich ge­nau 7890 Ki­lo­me­ter von die­sem Bolz­platz ent­fernt, aber dass dort dem­nächst Do­nald Trump ein­zieht, liegt auch an Ve­les. An den zahl­lo­sen Fal­sch­mel­dun­gen, die die Be­woh­ner im In­ter­net ver­brei­tet ha­ben. „Sie ha­ben den Ame­ri­ka­nern nur ge­lie­fert, was sie ha­ben woll­ten“, sagt Zoran.

In der 40.000-Ein­woh­ner-Stadt sind min­des­tens 140 Web­sites re­gis­triert, die Na­men wie do­nald­trump­news.com, us­con­ser­va­ti­ve­to­day.com oder world­po­li­ti­cus.com tra­gen. Sie sind die Ab­spiel­flä­che für haar­sträu­ben­de Meldungen, die die Be­trei­ber auf Face­book, Twit­ter und an­de­ren Netz­wer­ken ver­knüp­fen. Schon die Über­schrif­ten trei­ben bei ra­di­ka­len Trump-An­hän­gern den Puls in die Hö­he: „Hil­la­ry Cl­in­ton be­tet Sa­tan an und ist die Che­fin ei­nes Kin­der­s­ex­rings.“„Die­se Do­ku­men­te aus dem Jahr 1995 be­wei­sen, wer Oba­ma wirk­lich ist.“„Wie die Re­gie­rung ver­sucht, Julian Ass­an­ge zu tö­ten.“Mil­lio­nen­fach wer­den sol­che Nach­rich­ten in den Net­zen wei­ter ver­brei­tet. Die­se La­wi­ne treibt Trump die Wäh­ler in die Ar­me – und spült zugleich Geld nach Ve­les.

Für je­den Klick auf ei­ne der Lü­gen­sei­ten be­kom­men die Be­trei­ber ei­ne Gut­schrift bei der In­ter­net­such­ma­schi­ne Goog­le. De­ren An­zei­genab­le­ger Goo­gleAds schal­tet Wer­bung auf den Sei­ten, und je mehr sie auf­ge­ru­fen wer­den, des­to mehr zahlt Goog­le. Der In­halt der Sei­te ist da­bei egal, es zählt nur die Men­ge der Klicks. Oder geht es doch um mehr?

„Den Ju­gend­li­chen, die das ge­macht ha­ben, ist Do­nald Trump scheiß­egal, sie wol­len nur Geld ver­die­nen“, sagt Zoran und nippt an sei­nem hei­ßen Mok­ka. Die Bur­schen kennt er gut, denn er hat für vie­le von ih­nen die In­ter­net­sei­ten er­stellt, auf de­nen sie die ag­gres­si­ven Pro-Trump-In­hal­te ver­öf­fent­licht ha­ben. Plötz­lich ist die gan­ze Welt hin­ter den Leu­ten her, die Ame­ri­kas Wahl ge­kippt ha­ben.

Knapp hun­dert Eu­ro kos­te je­de Sei­te, die er baut, sagt Zoran, der sei­nen rich­ti­gen Na­men nicht nennt. Auf die Idee, mit Goo­gleAds Geld zu ver­die­nen, sei­en sie hier schon lang vor dem US-Wahl­kampf ge­kom­men. Die ers­ten Lock­sei­ten aus Ve­les hat­ten ge­sun­de Er­näh­rung zum The­ma. Sie klet­ter­ten ziem­lich hoch in den Er­geb­nis­lis­ten, wenn je­mand bei Goog­le nach ent­spre­chen­den Stich­wor­ten such­te. Spä­ter ka­men Au­tos, Mo­tor­rä­der und Sport hin­zu. Es sei rei­ner Zu­fall, dass aus­ge­rech­net Ve­les zu Do­nald Trumps viel­leicht wich­tigs­ter Wahl­kampf­ma­schi­ne wur­de, sagt Zoran. Am An­fang wur­den noch In­hal­te zu Hil­la­ry Cl­in­tons in­ner­par­tei­li­chen Ge­gen­kan­di­da­ten on­line ge­stellt. „Die Ers­ten hier ver­such­ten es mit Pro-San­ders-Con­tent, aber das brach­te kei­ne Klicks“, er­zählt er. „Als sie dann an­fin­gen, Wahl­wer­bung für Trump zu ma­chen, gin­gen die Klick­zah­len durch die De­cke.“

Ein ein­zel­ner Klick bringt bei Goo­gleAds nur den Bruch­teil ei­nes Cents. Doch wenn Mil­lio­nen Sei­ten­auf­ru­fe zu­sam­men­kom­men, wird dar­aus ein Ge­schäft. Zoran schätzt, dass al­lein mit der Trump-Kam­pa­gne ei­ne hal­be Mil­li­on Eu­ro pro Mo­nat in Ve­les um­ge­setzt wur­de. Nach­prü­fen lässt sich das nicht. Das liegt auch dar­an, dass sich nun die Be­trei­ber der Sei­ten na­he­zu pa­nisch vor je­dem ver­ste­cken, der Fra­gen stellt. Im Wohn­zim­mer. In den ge­wun­de­nen Gas­sen von Ve­les trifft man im­mer wie­der auf je­man­den, der an­geb­lich je­man­den kennt. Dann wer­den Tref­fen ver­ein­bart, die in letz­ter Mi­nu­te wie­der ab­ge­sagt wer­den. Die ma­ze­do­ni­sche Jour­na­lis­tin Jasmin Mi­ron­ski kon­tak­tier­te zwei der Be­trei­ber te­le­fo­nisch. Als sie ein zwei­tes Mal an­rief, ging ei­ner nicht mehr ans Te­le­fon, der zwei­te bet­tel­te sie an, nicht mehr bei ihm an­zu­ru­fen. „Er hat Pa­nik be­kom­men. Seit das ame­ri­ka­ni­sche Nach­rich­ten­por­tal Buz­zfeed ei­ne gro­ße Ge­schich­te über die Trump-Sei­ten aus Ve­les ge­bracht hat, will kei­ner mehr re­den.“Wo­vor die Be­trei­ber Angst ha­ben, ist Mi­ron­ski nicht klar, aber sie hat ei­ne Ver­mu­tung: „An sich sind die Sei­ten le­gal. Aber wer weiß, auf wel­chen Kon­ten das Geld an­kommt und ob es ver­steu­ert wird.“

Es gibt kei­ne IT-In­dus­trie in Ve­les, der In­ter­ne­t­emp­fang ist meist schlecht, Strom kommt über ein ma­ro­des Ka­bel­ge­wirr in die re­no­vie­rungs­be­dürf­ti­gen Häu­ser. Die ge­fälsch­ten Nach­rich­ten sei­en in Wohn- und Ju­gend­zim­mern pro­du­ziert wor­den, sagt Zoran. Be­son­de­re Kennt­nis­se oder spe­zi­el­le Aus­rüs­tung braucht es da­zu nicht. Vie­le der Be­trei­ber sei­en selbst gar nicht in der La­ge, ei­ne Web­site zu er­stel­len. Dar­um kä­men sie zu ihm, zu Zoran.

Wenn die Home­page steht, wird ei­ne pas­sen­de Face­book-Sei­te er­stellt und in die Sicht­bar­keit in­ves­tiert. Freun­de wer­den ge­kauft, und Wer­bung wird ge­schal­tet. „Es ist un­fass­bar sim­pel. Man­che 16-Jäh­ri­gen, die kein rich­ti­ges Eng­lisch spre­chen, ver­die­nen da­mit ihr Geld. Al­les Co­py and pas­te“, sagt Zoran. Die Nach­rich­ten, die sie ver­brei­ten, hät­ten sich die Be­trei­ber nicht selbst aus­ge­dacht. Sie ko­pier­ten sie von rechts­po­pu­lis­ti­schen und rechts­ex­tre­men Sei­ten. Ei­ne da­von ist breit­bart.com, sie wur­de bis Au­gust die­ses Jah­res von Ste­phen Ban­non ge­lei­tet, dem Chef­be­ra­ter der Trump-Kam­pa­gne, der jetzt zum of­fi­zi­el­len Be­ra­ter des neu­en Prä­si­den­ten er­nannt wur­de.

„Es ma­chen ein paar Teenager mit, aber die ver­die­nen meist nur we­ni­ge

Mit der Trump-Kam­pa­gne sei ei­ne hal­be Mil­li­on Eu­ro pro Mo­nat um­ge­setzt wor­den.

To­mis­lav Ge­or­giev

In Ve­les ha­ben jun­ge Män­ner pu­bli­kums­wirk­sam Fal­sch­nach­rich­ten über den US-Wahl­kampf ver­brei­tet.

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