Pom­pe­ji als eu­ro­päi­sches Pro­jekt

Ein neu­er Ta­schen-XL-Band macht jetzt die ers­te vir­tu­el­le Re­kon­struk­ti­on zu­gäng­lich: den Archäo­lo­gie­klas­si­ker »Die Häu­ser und Denk­mä­ler von Pom­pe­ji«. Pom­pe­jis wie­der

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON AL­MUTH SPIEGLER

Man kann es sich nur schwer vor­stel­len: Aber das ori­gi­na­le Buch aus dem 19. Jahr­hun­dert war noch grö­ßer als das neue XL-For­mat des Ta­schen-Ver­lags, das jetzt ei­nen weg­be­rei­ten­den Klas­si­ker der Archäo­lo­gie wie­der zu­gäng­lich macht: „Die Häu­ser und Denk­mä­ler von Pom­pe­ji“(„Le ca­se ed i mo­nu­men­ti di Pom­pei“), er­schie­nen zwi­schen 1854 und 1896 in vier Bän­den in Nea­pel, im an­ti­qua­ri­schen Buch­han­del Tau­sen­de Eu­ro wert. Die über 400 Farbli­tho­gra­fi­en der Brü­der Faus­to und Fe­li­ce Nic­co­li­ni stell­ten erst­mals ei­ne um­fas­sen­de Dokumentation der Aus­gra­bun­gen der 79 n. Chr. vom Ve­suv ver­schüt­te­ten Stadt dar. Es war so­zu­sa­gen ih­re „ers­te vir­tu­el­le Re­kon­struk­ti­on“, zi­tiert der in Wi­en leh­ren­de Kunst­his­to­ri­ker Se­bas­ti­an Schütze in sei­nem Es­say in dem neu­en Band ei­nen ita­lie­ni­schen Kol­le­gen.

So­mit liegt in dem Nic­co­li­ni-Werk be­grün­det, was uns bis heu­te un­ge­bro­chen fas­zi­niert – von den Ma­lern des Klas­si­zis­mus und His­to­ris­mus bis zu den Ma­chern Dut­zen­der se­mi­fik­ti­ver TV-Do­ku­men­ta­tio­nen über die letz­ten St­un­den vor dem Un­ter­gang: der My­thos Pom­pe­ji, die­ser 1600 Jah­re un­ter Asche und St­ein kon­ser­vier­te Mo­ment Mensch­heits­ge­schich­te. Schon Pli­ni­us d. J. wuss­te, als er kurz nach dem Aus­bruch, dem auch sein On­kel Pli­ni­us d. Ä. zum Op­fer fiel, an Ta­ci­tus schrieb: Die Städ­te und ih­re Be­woh­ner wür­den ewi­gen Ruhm er­lan­gen.

Die­ser Ruhm be­gann of­fi­zi­ell am 6. April 1748, als die ers­te groß an­ge­leg­te Gra­bung auf Wunsch der bour­bo­ni­schen Kö­ni­gin Ma­ria Ama­lia be­gann. Wie da­nach ganz Eu­ro­pa in den Bann von Pom­pe­ji ge­riet und man so­gar bis weit ins 20. Jh. hin­ein dem pom­pe­ji­schen Li­fe­style er­lag, die­se Re­zep­ti­ons­ge­schich­te hat Se­bas­ti­an Schütze jetzt zu­sam­men­ge­fasst. Denn erst war Pom­pe­ji na­he­zu ein Ge­heim­pro­jekt, das Beu­te­feld der Bour­bo­nen. Die Fundstücke wan­der­ten di­rekt in die kö­nig­li­che Samm­lung. So­gar Goe­the und der deut­sche Archäo­lo­gie-Ur­va­ter Winckel­mann hat­ten Schwie­rig­kei­ten, Zu­gang zu be­kom­men. Erst im 19. Jahr­hun­dert än­der­te sich die Ein­stel­lung: Man woll­te jetzt Pom­pe­ji als Gan­zes, als so­zia­len Raum er­hal­ten. Fix­punkt der Kultur-Hadsch. So wur­de Pom­pe­ji im 19. Jahr­hun­dert zu ei­nem Fix­punkt der eu­ro­päi­schen Grand Tour, die al­le, die et­was auf sich hiel­ten, ein­mal ab­sol­vie­ren muss­ten, so et­was wie die Hadsch der abend­län­di­schen Kultur. Aus der eli­tä­ren Grand Tour wur­de Mas­sen­tou­ris­mus, heu­te ist Pom­pe­ji mit zwei bis drei Mio. Be­su­chern jähr­lich die meist­be­such­te ar­chäo­lo­gi­sche Aus­gra­bung der Welt, so Schütze. Die Sub­stanz ist mitt­ler­wei­le schon in Ge­fahr, da die ita­lie­ni­schen Be­hör­den es trotz ho­her Ein­nah­men nicht schaf­fen, die Häu­ser ver­nünf­tig zu si­chern.

Um­so wich­ti­ger scheint das Nic­co­li­ni-Werk, das auf den wis­sen­schaft­li­chen Zeich­nun­gen be­ruht, die Mit­te des 19. Jahr­hun­dert die Aus­gra­bun­gen un­mit­tel­bar be­glei­te­ten und von ei­ner wis­sen­schaft­li­chen Kom­mis­si­on mehr­fach kon­trol­liert und ab­ge­seg­net wer­den muss­ten. Durch die da­mals neue Tech­no­lo­gie der Farbli­tho­gra­fie konn­te so­gar die ur­sprüng­li­che Strahl­kraft der Fres­ken er­fahr­bar blei­ben, die mitt­ler­wei­le be­reits ver­blasst ist.

Ver­geb­lich wird man im (stän­dig im Um­bau be­find­li­chen) nea­po­li­ta­ni­schen Archäo­lo­gi­schen Mu­se­um su­chen, was man aus­führ­lich wie nie zu­vor, so Schütze, in der opu­len­ten Nic­co­li­niNeu­auf­la­ge fin­det, die ne­ben al­len Bild­ta­feln auch ei­ne neue Be­schrei­bung für je­den ein­zel­nen ab­ge­bil­de­ten Ge­gen­stand ent­hält, ver­fasst vom deut­schen Pom­pe­ji-Spe­zia­lis­ten Va­len­tin Ko­ckel – „ei­ne Wahn­sinns­ar­beit“, sagt Schütze.

Beim Durch­blät­tern ver­steht man, war­um Pom­pe­ji in der Welt des Spät­ba­rock und Ro­ko­ko den Klas­si­zis­mus aus­lö­sen konn­te. War­um in den 1780er-

Se­bas­ti­an Schütze

Ge­bo­ren 1961 in Düsseldorf. Schütze stu­dier­te Kunst­ge­schich­te, Klas­si­sche Archäo­lo­gie und Al­te Ge­schich­te in Berlin, Bonn, Köln, Rom.

Pro­mo­ti­on

1989 an der Frei­en Uni­ver­si­tät Berlin.

Tä­tig­keit

1992–1997 war Schütze an der Bi­b­lio­the­ca Hert­zia­na in Rom. Ha­bi­li­ta­ti­on in Berlin. 2003 bis 2009 Pro­fes­sor für Neue­re Kunst­ge­schich­te an der Queen’s Uni­ver­si­ty (Kings­ton), On­ta­rio (Ka­na­da). Seit 2009 ist er Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor für Neue­re Kunst­ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Wi­en.

For­schung

Schüt­zes For­schungs­schwer­punk­te sind u. a. die ita­lie­ni­sche Kunst der Frü­hen Neu­zeit und ihr Ein­fluss auf Eu­ro­pa. und 1790er-Jah­ren im Sa­lon des bri­ti­schen Bot­schaf­ters in Nea­pel La­dy Ha­mil­ton vor Gäs­ten wie Goe­the oder An­ge­li­ka Kauffmann als Bac­chan­tin oder tam­bu­rin­schla­gen­de Tän­ze­rin po­sier­te. War­um in ganz Eu­ro­pa plötz­lich Re­si­den­zen und Land­häu­ser im pom­pe­ji­schen Stil er­baut oder zu­min­dest ein pom­pe­ji­sches Ka­bi­nett ein­ge­rich­tet wur­den. Die Mo­de reich­te bis Nord­ame­ri­ka, wo sich noch 1974 der Mil­li­ar­där J. Paul Get­ty in Los An­ge­les ei­ne Vil­la im ve­su­via­ni­schen Geist hin­stel­len ließ (sie be­her­bergt heu­te die An­ti­kenSamm­lung des Get­ty-Mu­se­ums).

Die Sub­stanz von Pom­pe­ji ist mitt­ler­wei­le vom Mas­sen­tou­ris­mus ge­fähr­det. Pom­pe­ji könn­te ei­ne ver­bin­den­de Idee für Eu­ro­pas Iden­ti­täts­su­che sein.

In der Zwi­schen­kriegs­zeit, als sich die Ge­sell­schaft ver­mehrt nach Ord­nung und Schön­heit sehn­te, wur­de der Klas­si­zis­mus noch ein­mal ak­tu­ell, Schütze nennt hier Pi­cas­so, Schlem­mer und de Chi­ri­co, aber auch den Mo­ment, als Ita­li­en und der Fa­schis­mus be­gan­nen, Pom­pe­ji als na­tio­na­les Er­be zu ver­ein­nah­men.

Sind wir heu­te nicht wie­der in ei­ner Zeit des Um­bruchs? Wür­den uns klas­si­sche Idea­le wie­der ein Ge­fühl von Halt ver­mit­teln? In der Kunst kön­ne man das bis­her nicht er­ken­nen, so Schütze. „Aber das kann noch kom­men.“Mehr als der pom­pe­ji­sche Stil hät­te un­se­re mo­der­ne Ge­sell­schaft so­wie­so das Pa­thos der Gips­ab­güs­se der Op­fer, de­ren Ab­drü­cke als Hohl­for­men in der Vul­kan­asche ge­fun­den wur­den, fas­zi­niert. Die üb­ri­gens zur sel­ben Zeit ge­macht wur­den wie das Nic­co­li­ni-Werk, so Schütze. In wel­cher Form und zu wel­cher Zeit auch im­mer, meint Schütze, ha­be sich je­den­falls ganz Eu­ro­pa im­mer wie­der auf Pom­pe­ji be­zo­gen. Das könn­te heu­te viel­leicht wich­tig sein, ein ver­bin­den­des Mo­ment auf der Su­che nach dem, was eu­ro­päi­sche Iden­ti­tät ei­gent­lich be­deu­te: „Auf die­se Ge­mein­sam­keit könn­te man sich viel­leicht leich­ter ei­ni­gen als auf vie­le an­de­re.“

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