ALEKSAN­DRA KOROLOVA

Die Presse am Sonntag - - Kultur -

Was tun, wenn man nicht recht weiß, was man als Nächs­tes le­sen soll? Frü­her ver­trau­te man gern auf das, was das Deut­sche mit dem schö­nen Wort Ge­spür be­zeich­net. Man ging zu den gu­ten Geis­tern in den Buch­hand­lun­gen und Bü­che­rei­en, de­nen man ver­trau­te, er­zähl­te kurz und ließ sich dann be­ra­ten: Was könn­te ich als Nächs­tes le­sen? Die so Be­frag­ten hat­ten kei­ne Da­ten zur Hand, aber be­ruf­li­che und li­te­ra­ri­sche Er­fah­rung, ihr Ge­spür da­für, was ei­nem Le­ser ge­fal­len könn­te, der „Ma­li­na“von In­ge­borg Bach­mann oder den neu­en Köhl­mei­er ge­mocht hat­te. Ei­ne schö­ne Auf­ga­be, bei der nicht nur die Ver­traut­heit mit Bü­chern, son­dern auch ei­ne ge­wis­se Men­schen­kennt­nis half.

Das gibt es auch heu­te noch. Aber seit das In­ter­net so vie­le Da­ten über un­ser Kauf­ver­hal­ten lie­fert, sind Lek­tü­re­vor­lie­ben so mess­bar ge­wor­den wie noch nie. Und bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad auch vor­her­seh­bar wie das Ver­hal­ten von Men­schen in der U-Bahn oder die Re­ak­tio­nen auf Wer­be­bot­schaf­ten. Auch wenn vie­le Lieb­ha­ber der Li­te­ra­tur das für viel zu see­len­los hal­ten und oh­ne­hin über­zeugt sind, dass sie am bes­ten wis­sen, was sie le­sen wol­len: Die Da­ten­mas­sen er­lau­ben es, das Le­s­er­herz zu ver­mes­sen, sie lie­fern völ­lig neue span­nen­de Sta­tis­ti­ken und Wahr­schein­lich­kei­ten: Wer das und das liebt be­zie­hungs­wei­se kauft, liebt be­zie­hungs­wei­se kauft mit so­und­so­viel­pro­zen­ti­ger Wahr­schein­lich­keit auch das und das . . .

Wel­che Schrift­stel­ler ein­an­der in den Her­zen der Le­se­rin­nen und Le­ser na­he­ste­hen, weiß man da­durch so gut wie nie zu­vor. Für Psy­cho­lo­gen und Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler ist da­bei wohl die span­nends­te Fra­ge, war­um sie das tun. Den Buch­markt und die Ver­lags­welt treibt ei­ne ganz an­de­re Fra­ge um: Wie lässt sich das Wis­sen über Lek­tü­re­vor­lie­ben öko­no­misch nut­zen? Emp­feh­lun­gen mach­ten Ama­zon groß. Nicht um­sonst ar­bei­ten Markt­gi­gan­ten so in­ten­siv an der Ent­wick­lung von Emp­feh­lungs­diens­ten. Die Vi­deo­st­rea­m­ing­fir­ma Net­flix in­iti­ier­te be­reits vor zehn Jah­ren den bis­her größ­ten wis­sen­schaft­li­chen Wett­be­werb in die­sem Be­reich, er war mit ei­ner Mil­li­on USDol­lar do­tiert, 50.000 Be­wer­ber kon­kur­rier­ten. Für die Re­cher­che in Bi­b­lio­theks­ka­ta­lo­gen gibt es das Pro­gramm BipTip, es wer­tet das Be­nut­zer­ver­hal­ten bei der Su­che aus und emp­fiehlt Usern „ver­wand­te“Ti­tel.

Den größ­ten Emp­feh­lungs­dienst im Buch­be­reich hat na­tür­lich Ama­zon, er ist dort in prak­tisch je­den Schritt des Such- und Kauf­pro­zes­ses ein­ge­baut und er­höht die Um­sät­ze des Kon­zerns so sehr, dass die­ser selbst ihn als sei­nen größ­ten Markt­t­rumpf be­zeich­ne­te. Was ein User bis­her ge­kauft, was er in sei­nem vir­tu­el­len Ein­kaufs­wa­gerl und was er wie be­wer­tet hat, wird in Ver­bin­dung mit den Da­ten der üb­ri­gen User ge­setzt. Der Preis da­für ist der glä­ser­ne Kun­de. Gu­te Emp­feh­lungs­ma­schi­nen sei­en mit Pri­vat­sphä­re nicht ver­ein­bar, stell­te Aleksan­dra Korolova von der St­an­ford Uni­ver­si­ty vor ein paar Jah­ren in ei­ner Stu­die über Emp­feh­lungs­diens­te fest. „Un­se­re Er­geb­nis­se stel­len stark in­fra­ge, dass es je­mals Emp­feh­lungs­ma­schi­nen ge­ben wird, die glei­cher­ma­ßen prä­zi­se sind und die Pri­vat­sphä­re un­an­ge­tas­tet las­sen.“ Die Land­kar­te des Le­s­er­her­zens. Der Deut­sche Marek Gib­ney will kein Ge­schäft mit Le­se­emp­feh­lun­gen ma­chen, er hat sei­ne Li­te­ra­tu­re Map aus in­ter­es­se­lo­sem Wohl­ge­fal­len ge­grün­det. Auf der Sei­te kann man sei­nen Lieb­lings­au­tor ein­ge­ben – und dann se­hen, wel­che an­de­ren Au­to­ren ihm im durch­schnitt­li­chen Le­s­er­herz am nächs­ten ste­hen. „Je mehr Leu­te ei­nen und zugleich ei­nen an­de­ren Au­tor mö­gen, des­to nä­her rü­cken die­se zwei Au­to­ren ein­an­der auf der Li­te­ra­tur­land­kar­te“, er­klärt Gib­ney auf der Web­site sei­nen Gäs­ten.

Pro­bie­ren wir es al­so und ge­ben Jo­an­ne K. Row­ling ein – was pas­siert als Nächs­tes? Ei­ne Ober­flä­che vol­ler schwir­ren­der Schrift­stel­ler­na­men er­scheint, ein paar Se­kun­den lang be­we­gen sie sich wie un­schlüs­sig um die ein­zig ru­hi­ge Row­ling her­um. Dan Brown rem­pelt sei­ne Kol­le­gin fast an vor lau­ter Nä­he, ru­ckelt aber noch ein biss­chen um­her, bis er wie al­le üb­ri­gen den ihm ge­mä­ßen Platz ge­fun­den hat und still­steht. Gleich hin­ter ihm sieht man „Twi­light“-Au­to­rin Ste­phe­nie Mey­er, nur ei­ne Spur wei­ter ent­fernt die für ih­re Vam­pir­ro­ma­ne be­rühm­te Anne Rice und den bri­ti­schen Fan­ta­syAu­tor Phi­lip Pull­man („Der Gol­de­ne Kom­pass“). Et­was wei­ter weg, aber im­mer noch im en­ge­ren Um­kreis, fin­det man eng­lisch­spra­chi­ge Klas­si­ker wie Aga­tha Chris­tie, Ro­ald Dahl, Ed­gar Al­lan Poe oder Ja­ne Aus­ten.

War­um be­we­gen sich die Na­men über­haupt ei­ne Zeit lang, be­vor sie ih­ren end­gül­ti­gen Platz fin­den? Das sei das „nicht li­nea­re Op­ti­mie­rungs­pro­blem“, er­klärt Mark Gib­ney der „Pres­se“. „Je­der Au­tor weiß, wel­chen Ab­stand er gern von je­dem an­de­ren Au­tor hät­te. Schon bei nur drei Au­to­ren wä­re es nicht mög­lich, die­se Wün­sche ge­nau zu er­fül­len, es sind nur An­nä­he­run­gen mög­lich. Ich wer­fe al­so al­le be­tref­fen­den Au­to­ren auf den Bild­schirm, je­der guckt sich um und küm­mert sich um sei­nen best­mög­li­chen Platz. Wenn er sich nicht mehr be­wegt, heißt das, bes­ser geht’s nicht mehr.“

Gib­neys Land­kar­te der Le­se­vor­lie­ben be­ruht auf sei­nem Li­te­ra­tur­emp­feh­lungs­sys­tem Gnooks, und das wie­der­um ist ein Teil von Gnod, ei­nem von Gib­ney vor über zehn Jah­ren ins Le­ben ge­ru­fe­nen, meh­re­re Be­rei­che um­fas­sen­den Emp­feh­lungs­sys­tem. Be­gon­nen ha­be es mit Mu­sik, er­zählt Gib­ney. „Am An­fang kann­te das Sys­tem kei­ne ein­zi­ge Band au­ßer mei­ner ei­ge­nen, es hat in der ers­ten Zeit zu Cho­pin Me­tal­li­ca vor­ge­schla­gen. Ganz lang­sam ging’s berg­auf, und jetzt wird die Sei­te heiß ge­liebt, sie hat über 200.000 Be­su­cher im Mo­nat. Das Schöns­te für mich ist, dass die Leu­te Mi­t­au­to­rin ei­ner US-Stu­die über per­so­na­li­sier­te Emp­feh­lungs­diens­te

Nah zu Row­ling stellt sich Ste­phe­nie Mey­er, aber auch Lands­mann Ro­ald Dahl.

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