Nur bei Haydn ei­ner Mei­nung

Die Wie­ner Sym­pho­ni­ker un­ter Di­ri­gent Gio­van­ni An­to­ni­ni im Kon­zert­haus: Mu­si­ker zwei­er in­ter­pre­ta­to­ri­scher Wel­ten.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON WA LT E R D O B N E R

Ganz wol­len die tra­di­tio­nel­len Klang­kör­per Ba­rock und Wie­ner Klas­sik nicht den Ori­gi­nal­klan­gen­sem­bles über­las­sen. Das ist gut so, denn in der Kunst gibt es be­kannt­lich nicht ei­ne, son­dern meh­re­re Wahr­hei­ten. So ist es auch sinn­voll, wenn sich die Wie­ner Sym­pho­ni­ker we­nigs­tens ein­mal im Jahr auch ei­nem der gro­ßen Bach-Chor-Orches­ter­wer­ke wid­men, wie An­fang März im Kon­zert­haus des­sen „Jo­han­nes­pas­si­on“. Aber auch die Wie­ner Klas­sik bleibt im Fo­kus des Orches­ters, wie der jüngs­te Abend der po­pu­lä­ren Sym­pho­nie­clas­si­que-Se­rie der Wie­ner Kon­zert­haus­ge­sell­schaft zeig­te.

Er war­te­te mit ei­nem zu­min­dest dra­ma­tur­gisch be­mer­kens­wer­ten Pro­gramm auf. In der ers­ten Pro­gramm­hälf­te wur­den Mo­zart und sein qua­si schwe­di­sches Pen­dant, der aus dem frän­ki­schen Mit­tel­berg stam­men­de, zum Di­rek­tor der Kö­nig­li­chen Schwe­di­schen Mu­sik­aka­de­mie und Ka­pell­meis­ter am Hof des Schwe­den­herr­schers Gus­tav III. auf­ge­stie­ge­ne Jo­seph Mar­tin Kraus, ein­an­der ge­gen­über­ge­stellt. Noch da­zu je­weils mit ei­nem Werk in c-Moll: Von Kraus mu­si­zier­te man die mit deut­li­chen Gluck-An­klän­gen aus­ge­stat­te­te drei­sät­zi­ge c-Moll-Sym­pho­nie, von Mo­zart des­sen Kla­vier­kon­zert KV 491.

Dass da­bei der Ver­gleich der­art zu­guns­ten Mo­zarts aus­ging, lag nicht zu­letzt an den of­fen­sicht­li­chen Auf­fas­sungs­un­ter­schie­den, die Di­ri­gent und Orches­ter von der Kraus-Sym­pho­nie hat­ten. Die Wie­ner Sym­pho­ni­ker sind bei al­ler Fle­xi­bi­li­tät, die sie aus­zeich­net, kein Ori­gi­nal­klan­gen­sem­ble, un­ter­schei­den sich von sol­chen in Ar­ti­ku­la­ti­on, Phra­sie­rung, aber auch Wen­dig­keit. Aus die­ser Ecke aber kommt der Di­ri­gent, der Mai­län­der Gio­van­ni An­to­ni­ni, der sei­ne Kar­rie­re be­kannt­lich als Grün­der und Lei­ter des auf Ba­rock spe­zia­li­sier­ten En­sem­bles Il Gi­ar­di­no Ar­mo­ni­co und als der Idee au­then­ti­scher Mu­sik­pra­xis ver­pflich­te­ter vir­tuo­ser Blo­ckund Tra­vers­flö­tist be­gon­nen hat. Mehr Spiel­freu­de! Sei­nen zu­wei­len et­was un­ge­lenk wir­ken­den Hand­be­we­gun­gen nach zu schlie­ßen, hät­te er sich bei die­ser ori­gi­nell ge­ar­bei­te­ten Sym­pho­nie mehr spon­ta­ne Spiel­freu­de ge­wünscht, als ihm die Wie­ner Mu­si­ker in den bei­den Eck­sät­zen bo­ten. Für den va­ria­ti­ons­haf­ten Mit­tel­satz hät­te man sich von ihm mehr in­spi­ra­ti­ve De­tail­ar­beit er­war­tet.

Sie war auch bei Mo­zarts c-Mol­lKon­zert nur in Ma­ßen zu er­ken­nen, das ziem­lich pau­schal vor­über­lief, un­ter­schied­lich prä­zi­se bei den Blä­sern, zu we­nig dy­na­misch dif­fe­ren­ziert bei den Strei­chern. Auch beim So­lis­ten Fran­ces­co Pie­mon­te­si, der mit ei­ge­nen Ka­den­zen auf­war­te­te, hat­te man zu­wei­len das Ge­fühl, es ge­he ihm vor al­lem um ei­ne perfekte Schu­le der Ge­läu­fig­keit, so ober­fläch­lich prä­sen­tier­te er sei­nen Part.

Dass es sehr wohl sinn­voll ist, wenn Mu­si­ker zwei­er in­ter­pre­ta­to­ri­scher Wel­ten auf­ein­an­der­sto­ßen, zeig­te sich nach der Pau­se: bei Jo­seph Haydns mit viel Ani­mo, Sinn für bril­lan­ten Witz, rhyth­mi­schem Charme, aber auch fran­zö­si­scher Ko­ket­te­rie bei­na­he per­fekt hin­ge­leg­ter „Mi­li­tär­sym­pho­nie“. We­nigs­tens ei­ni­ges von der hier er­reich­ten Span­nung, Fri­sche und Har­mo­nie hät­te man sich vor der Pau­se ge­wünscht.

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