Ein Fest voll To­le­ranz – und Wer­be­kitsch

Es ist wie­der so weit: Weih­nachts­wer­bungs­zeit! Rühr­se­li­ge und lus­ti­ge Vi­de­os sol­len zum Kau­fen ani­mie­ren und Fest­tags­stim­mung ver­brei­ten. Den schöns­ten Spot des Jah­res lie­fert Ama­zon Pri­me: in­tel­li­gent, amü­sant, hoch­ak­tu­ell.

Die Presse am Sonntag - - Medien - VON ISABELLA WALLNÖFER

So fühlt man Ab­sicht, und man ist ver­stimmt“, sagt der Dich­ter Tor­qua­to Tas­so in Goe­thes Drama – und hat sich da­mit (wenn auch in leicht ab­ge­wan­del­ter Form) im all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch ver­ewigt. So ge­se­hen müss­te man sich vor je­der Wer­bung hü­ten – denn die Ab­sicht ist in die­sem Gen­re ja un­ver­kenn­bar. Aber die Ver­stim­mung stellt sich nicht zwangs­läu­fig ein, zu­mal sich die Krea­ti­ven auch ei­ni­ges ein­fal­len las­sen, um den Le­ser, Hö­rer oder Zu­se­her mit Wer­bung emo­tio­nal an­zu­spre­chen und zu un­ter­hal­ten. Und um auf­zu­fal­len, ver­steht sich. „Die Pres­se am Sonn­tag“hat sich auf YouTu­be um­ge­se­hen . . . Tref­fen sich ein Pries­ter und ein Imam. Der bes­te Spot des Jah­res ist ei­gent­lich kei­ne Weih­nachts­wer­bung, son­dern der neu­es­te Teil ei­ner lau­fen­den Kam­pa­gne für Ama­zon Pri­me. In dem Wer­be­vi­deo tref­fen ein­an­der zwei be­freun­de­te Geist­li­che – ein Pries­ter und ein Imam – zum Tee und be­mer­ken äch­zend, dass sie bei­de mit den Kni­en Pro­ble­me ha­ben. Das bringt sie auf die glei­che Idee: Im On­li­ne­ver­sand be­stellt je­der Knie­schüt­zer für den an­de­ren, die sie spä­ter lä­chelnd an­le­gen, be­vor sie zum Ge­bet schrei­ten. Die Kam­pa­gne ver­zich­tet auf ein­dring­li­che Bil­der, sie kommt mit Kla­vier­be­glei­tung und oh­ne Wor­te ver­gleichs­wei­se lei­se da­her, ver­fehlt aber ih­re Wir­kung nicht. In we­ni­ger als ein­ein­halb Mi­nu­ten wird ein Auf­ruf zu To­le­ranz amü­sant und au­then­tisch ver­mit­telt: Die Darstel­ler sind tat­säch­lich Geist­li­che. Ama­zon Pri­me hat sei­ne Wer­be­bot­schaft wir­kungs­voll und sym­pa­thisch ver­packt.

Auch App­le wirbt mit ei­nem Spot ge­gen Aus­gren­zung – und er­zählt ein Weih­nachts­mons­ter­mär­chen: Dar­in macht sich Fran­ken­steins Krea­tur hin­kend auf den Weg von der ein­sa­men Hüt­te in die Stadt, nimmt vor dem Weih­nachts­baum Auf­stel­lung, mon­tiert zwei bun­te Glüh­bir­nen an sei­nem Hals und singt zur Mu­sik der Spiel­uhr, die er vor­her am iPho­ne auf­ge­nom­men hat: „The­re is no place li­ke ho­me for the ho­li­days . . .“Die Pas­san­ten stim­men ein, Fran­kie hat Trä­nen in den Au­gen und App­le ap­pel­liert: „Open your heart to ever­yo­ne!“Das ist Kitsch a` la Hol­ly­wood. Aber nett. Und über­all fällt Schnee. Weih­nachts­wer­bung, das hat im­mer auch mit den Wün­schen und Hoff­nun­gen zu tun, die wir mit uns her­um­tra­gen. Ei­ner wird in hie­si­gen Groß­stadt­la­gen im­mer sel­te­ner er­füllt: der Wunsch nach wei­ßen Weihnachten. Da­für schneit es in den Spots un­auf­hör­lich. Im Co­ca-Co­la-Vi­deo ist es so kalt, dass ein Jun­ge die Fla­schen durch die gan­ze Stadt fah­ren kann, oh­ne dass die Eis­wür­fel im Lei­ter­wa­gen schmel­zen: Er ver­schenkt sie al­le, die letz­te an den Weih­nachts­mann. „For San­ta“, steht auf ei­nem Zet­tel – das Ren­tier drau­ßen schleckt sich die Lip­pen . . .

Wäh­rend Co­ca-Co­la auf kind­li­ches Weih­nachts­fee­ling setzt, nimmt Rewe die ge­stress­te Haus­frau au­gen­zwin­kernd aufs Korn: „Mei­ne Mut­ter kommt zu Weihnachten“– ein kur­zer Satz löst Pa­nik aus. Zu Glo­ria Gay­nors „I Will Sur­vi­ve“kämpft die Frau ums ku­li­na­ri­sche Über­le­ben und ge­gen die fan­ta­sier­te Schwie­ger­mut­ter, die hin­ter dem Christ­baum und im Kas­ten auf­taucht. Als die dann den ers­ten Bis­sen der Weih­nachts­en­te in den Mund steckt, stockt al­len der Atem: „Schei­ße“– al­les scheint ver­lo­ren! – „. . . ist das lecker.“ Trä­nen der Rüh­rung und NS-Sym­bo­lik. Ori­gi­na­li­tät, Hu­mor, Emo­ti­on – das sind Merk­ma­le, die ei­nen Spot auch vi­ral er­folg­reich ma­chen. Wie je­nen von Ede­ka 2015: Dar­in ver­schickt ein al­ter Mann, dem die Fa­mi­lie für Weihnachten ab­ge­sagt hat, sei­ne ei­ge­ne To­des­an­zei­ge – und ver­eint so die Fa­mi­lie. Statt des Be­gräb­nis­ses gibt’s En­ten­bra­ten, man ist zu Trä­nen ge­rührt. Der Spot war ein Hit in so­zia­len Me­di­en.

Ede­ka lie­fert aber auch den Be­weis, dass Wer­bung ei­nen Ima­ge­scha­den an­rich­ten kann: Der Weih­nachts­spot 2016 ist we­nig ori­gi­nell – ei­ne „Kin­der wol­len Auf­merk­sam­keit“-Sto­ry. Und er steht in der Kri­tik. Ei­ne Ex­tre­mis­mus­ex­per­tin der Uni Ham­burg will Na­ziSym­bo­lik ent­deckt ha­ben: Die Au­to­Kenn­zei­chen im Spot sind „MU-SS 420“und „SO-LL 3849“– die Kom­bi­na­ti­on SS ist auf deut­schen Num­mern­ta­feln aber ver­bo­ten. 420 gilt als Ab­kür­zung für Hit­lers Ge­burts­tag, auch die an­de­re Num­mer las­se sich im NS-Kon­text deu­ten. Ede­ka ent­schul­dig­te sich: Das sei kei­ne Ab­sicht ge­we­sen.

App­le/YouTu­be

„Fran­kie’s Ho­li­day“: App­le ap­pel­liert in ei­nem net­ten Film­chen `a la Hol­ly­wood für of­fe­ne Her­zen ge­gen­über al­len.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.