Cul­tu­re Clash

FRONTNACHRICHTEN AUS DEM KULTURKAMPF

Die Presse am Sonntag - - Geschichte - VO N MICHA­EL PRÜLLER

Ver­stö­rend. So se­hen un­ter­ge­hen­de Kul­tu­ren aus: Frank­reichs Jus­tiz ver­bie­tet ei­nen Spot, weil er für ei­ne le­bens- und lie­bes­be­ja­hen­de Hal­tung Mut macht, die ver­stö­ren könn­te.

Zu den ein­sams­ten Men­schen un­se­rer Ge­sell­schaft ge­hört die wer­den­de Mut­ter, die ge­ra­de er­fah­ren hat, dass ihr Kind Tri­so­mie 21 hat. Eu­ro­päi­sche Hilfs­ver­ei­ne ha­ben 2014 für sie das Vi­deo „De­ar Fu­ture Mum“pro­du­ziert, in dem Kin­der mit Tri­so­mie 21 den Satz be­ant­wor­ten: „Ich fürch­te mich – was für ein Le­ben wird mein Kind ha­ben?“

Die Kin­der sa­gen, was sein wird: „Es wird dich um­ar­men.“„Es wird in die Schu­le ge­hen wie al­le an­de­ren.“„Es wird sei­nem Va­ter hel­fen, das Fahr­rad zu re­pa­rie­ren.“„Es wird dich mit selbst ver­dien­tem Geld zum Es­sen aus­füh­ren kön­nen.“„Es wird Schwie­rig­kei­ten ge­ben. Gro­ße. Aber ist das nicht für je­de Mut­ter so?“

Am En­de heißt es: „Es wird glück­lich sein. So wie du.“Und die Kin­der wer­den von ih­ren stol­zen Müt­tern um­armt. Der Ab­spann sagt: „Ge­mein­sam kön­nen wir das mög­lich ma­chen.“Zwei­ein­halb Mi­nu­ten mit der emo­tio­na­len Kraft ei­nes Hol­ly­woo­dFilms – denn es geht um das gro­ße The­ma, das uns seit je­her be­wegt: die Lie­be, die al­lem stand­hält.

Das macht das Vi­deo sub­ver­siv. In Frank­reich hat der na­tio­na­le Fern­seh­rat die Aus­strah­lung ei­ner Kurz­fas­sung im Wer­be­block der pri­va­ten Sen­der M6, D8 und Ca­nal+ un­ter­sagt: Das Vi­deo sei un­pas­send, da es Frau­en ver­stö­ren könn­te, die ab­ge­trie­ben ha­ben. Nun hat der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof den Fern­seh­rat be­stä­tigt. An­ge­mes­sen ist näm­lich nur Wer­bung für Kom­mer­zi­el­les und für ka­ri­ta­ti­ve Or­ga­ni­sa­tio­nen – aber nicht für ei­ne Hal­tung. Je­den­falls nicht für die, dem Le­ben und der Lie­be zu trau­en. Be­zeich­nend für ei­ne Ge­sell­schaft, die die Frau­en aus der Hin­ter­stu­be der En­gel­ma­che­rin her­aus­ge­holt hat, nur um sie acht- und mit­leid­los dem pro­fes­sio­nel­len Ab­trei­ber zu­zu­füh­ren?

Die For­schung be­stä­tigt: Die al­ler­meis­ten Kin­der mit Tri­so­mie 21 emp­fin­den ihr Le­ben als glück­lich und sind ei­ne Freu­de für ih­re El­tern. Den­noch ist es ei­ne he­roi­sche Lie­be, sich für die­se Kin­der zu ent­schei­den. Zugleich mit dem fran­zö­si­schen Ge­richt hat auch der Papst dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Frau­en, de­nen die­ser Mut nicht ge­ge­ben war (bzw. ge­nom­men wur­de), ei­ne schwe­re see­li­sche Last mit sich tra­gen. Der Papst sagt: Die­se Last kann auf­ge­ar­bei­tet wer­den, wenn man sich ihr stellt – am bes­ten im si­che­ren Raum der zu­ge­sag­ten Ver­ge­bung, im Beicht­stuhl. Das Ge­richt sagt das Ge­gen­teil: An die­ser Last darf nicht ge­rührt wer­den, nicht ein­mal da­durch, dass ein Spot Mut und Lie­be fei­ert. Das ist neue Ge­walt an den Frau­en – und ein To­des­bo­te un­se­rer Ge­sell­schaft. Hat sie denn noch Zu­kunft, wenn es ihr un­zu­mut­bar ge­wor­den ist, an die Lie­be er­in­nert zu wer­den, die al­len Wid­rig­kei­ten stand­hält? Der Au­tor war stv. Chef­re­dak­teur der „Pres­se“und ist nun Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef der Erz­diö­ze­se Wi­en.

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