Die Schul­den der Stu­den­ten: Ab­zah­len bis zur Pen­si­on

Im­mer mehr Fa­mi­li­en in den USA fra­gen sich, ob ein Hoch­schul­stu­di­um noch er­stre­bens­wert ist. Seit 2010 sinkt die Zahl der Stu­die­ren­den. Die Stu­di­en­ge­büh­ren schnel­len in die Hö­he, die Schul­den­fal­le wirkt er­drü­ckend. Ein Uni-Ab­schluss be­deu­tet nicht au­to­mat

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON THO­MAS SEIBERT (WA­SHING­TON)

Als Har­ry und Lin­da ihr ers­tes Kind be­ka­men, fing das Spa­ren an. Die Ehe­leu­te aus ei­nem wohl­ha­ben­den Vo­r­ort von Wa­shing­ton müs­sen selbst als Dop­pel­ver­die­ner jah­re­lang viel Geld zu­rück­le­gen, um ih­ren Sohn Ju­li­an auf die Uni­ver­si­tät schi­cken zu kön­nen. In­zwi­schen steht Ju­li­an kurz vor dem Schul­ab­schluss – doch nie­mand kann ga­ran­tie­ren, dass das an­ge­spar­te Ka­pi­tal für die Uni rei­chen wird. Die Kos­ten für ein Uni­ver­si­täts­stu­di­um in den USA stei­gen so ra­sant, dass selbst ein Stu­dent aus der obe­ren Mit­tel­schicht mög­li­cher­wei­se ei­nen Kre­dit braucht: Für Mil­lio­nen Ame­ri­ka­ner be­ginnt das Be­rufs­le­ben nach der Uni des­halb mit ei­ner er­drü­cken­den Schul­den­last.

Die Kos­ten­ex­plo­si­on an den Unis und die da­mit ver­bun­de­ne Schul­den­kri­se für Hoch­schul­ab­sol­ven­ten in den USA wer­den zu ei­ner Zeit­bom­be für ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­ti­on. Der in we­ni­gen Wo­chen be­vor­ste­hen­de Be­ginn des Win­ter­se­mes­ters an den Uni­ver­si­tä­ten wird die­se Bom­be noch ein we­nig lau­ter ti­cken las­sen. Rund 44 Mil­lio­nen Ame­ri­ka­ner schlep­pen zum Teil sehr ho­he Schul­den aus ih­rer Stu­di­en­zeit mit sich her­um.

Ins­ge­samt be­lau­fen sich die Ver­bind­lich­kei­ten auf 1,4 Bil­lio­nen Dol­lar, das ent­spricht der jähr­li­chen Wirt­schafts­leis­tung von Süd­ko­rea, der elft­größ­ten Volks­wirt­schaft der Welt. Et­wa je­der fünf­te ver­schul­de­te Ex-Stu­dent in den USA kann sei­ne Kre­di­te nicht mehr be­die­nen, weil er nicht ge­nug ver­dient. Selbst wenn nach der Uni ein gut do­tier­ter Job her­aus­springt, muss man mit­un­ter lan­ge auf das En­de der fi­nan­zi­el­len Sor­gen war­ten, denn es kann Jahr­zehn­te dau­ern, bis der Schul­den­berg ab­ge­tra­gen ist.

Dass in vie­len eu­ro­päi­schen Staa­ten kei­ne oder ver­gleichs­wei­se ge­rin­ge Ge­büh­ren für das Stu­di­um er­ho­ben wer­den, hö­ren Har­ry und Lin­da mit un­gläu­bi­gem Stau­nen. In den USA herrscht nach wie vor weit­ge­hend ein Kon­sens dar­über, dass die Fi­nan­zie­rung der Hoch­schul­bil­dung nicht Sa­che des Staa­tes, son­dern des Ein­zel­nen ist. So gibt es nur in vier Bun­des­staa­ten öf­fent­li­che Hoch­schu­len, die kei­ne Ge­büh­ren er­he­ben. An die­sen so­ge­nann­ten Com­mu­ni­ty Col­le­ges kann nur ein Grund­stu­di­um ab­sol­viert wer­den – für ei­nen Ab­schluss müs­sen min­des­tens vier wei­te­re Se­mes­ter an ei­ner an­de­ren Hoch­schu­le fol­gen. Oh­ne Kost und Lo­gis. Lan­ge fuh­ren die Ame­ri­ka­ner mit ih­rem Sys­tem recht gut. In den 1970er-Jah­ren kos­te­te das Stu­di­um an der Eli­te-Uni Har­vard jähr­lich 2600 Dol­lar, das war da­mals et­wa ein Vier­tel des Ein­kom­mens ei­ner Nor­mal-Fa­mi­lie. Heu­te müss­te die­sel­be Fa­mi­lie fast ihr ge­sam­tes Jah­res­ein­kom­men auf­wen­den, um ei­nem Kind die Har­vard-Ge­büh­ren von mehr als 45.000 Dol­lar zu be­zah­len. Kost und Lo­gis sind da­bei nicht mit­ge­rech­net. Die Stu­di­en­kos­ten in den USA sei­en in den ver­gan­ge­nen 30 Jah­ren um 400 Pro­zent ge­stie­gen, be­rich­te­te die Zeit­schrift „At­lan­tic“.

Knapp 33.500 Dol­lar im Jahr kos­tet der­zeit der Stu­di­en­platz an ei­ner pri­va­ten Hoch­schu­le in den USA – vor zehn Jah­ren wa­ren es noch 26.400 Dol­lar. Al­lein in den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren sind die Ge­büh­ren um 13 Pro­zent ge­stie­gen. Öf­fent­li­che Uni­ver­si­tä­ten sind mit knapp 10.000 Dol­lar im Jahr zwar we­sent­lich bil­li­ger, bie­ten aber schlech­te­re Chan­cen auf ei­nen gut be­zahl­ten Job nach dem Ab­schluss.

Die In­fla­ti­on und die Be­mü­hun­gen der Uni­ver­si­tä­ten um bes­se­re An­ge­bo­te an die Stu­den­ten – ei­ni­ge Hoch­schu­len lo­cken bei­spiels­wei­se mit Klet­ter­wän­den – sind ei­ni­ge der Grün­de für die Ent­wick­lung. We­sent­lich dras­ti­scher wirkt sich die glo­ba­le Fi­nanz­kri­se von 2008 aus. Da­mals fuh­ren die Bun­des­staa­ten ih­re Bil­dungs­bud­gets um durch­schnitt­lich 30 Pro­zent zu­rück, um ih­re Haus­hal­te zu sta­bi­li­sie­ren. Die re­du­zier­ten Sub­ven­tio­nen für die Uni­ver­si­tä­ten führ­ten zu hö­he­ren Kos­ten für die Stu­den­ten.

Hin­zu kommt, dass zwar die an­ge­se­he­nen Unis auf rei­che Geld­ge­ber ver­wei­sen kön­nen, Al­ler­welts­hoch­schu­len aber nicht. Har­vard er­hielt kürz­lich ei­ne Spen­de von 400 Mil­lio­nen Dol­lar von ei­nem wohl­ha­ben­den Un­ter­neh­mer, der sich auf die­se Wei­se für sei­ne vor­züg­li­che Aus­bil­dung be­dan­ken woll­te. Vie­le an­de­re Unis oh­ne zah­lungs­kräf­ti­ge Spon­so­ren müs­sen bis zu 80 Pro­zent ih­rer Kos­ten über Stu­di­en­ge­büh­ren de­cken.

Kre­di­te, die meist bei der US-Bun­des­re­gie­rung auf­ge­nom­men wer­den, sind des­halb für vie­le jun­ge Leu­te der ein­zi­ge Weg zu ei­nem Hoch­schul­ab­schluss. Wenn nach dem Stu­di­um ein Pos­ten mit at­trak­ti­vem Ge­halt winkt, ist dies ein kal­ku­lier­ba­res Ri­si­ko, auch wenn vie­le Ab­sol­ven­ten trotz gu­ter Jobs je­den Cent zwei­mal um­dre­hen müs­sen. Das hat Aus­wir­kun­gen auf die gan­ze ame­ri­ka­ni­sche Wirt­schaft: Statt sich neue Au­tos, Fern­se­her und Woh­nun­gen zu kau­fen, schnal­len Mil­lio­nen von US-Bür­gern über Jah­re den Gür­tel erst ein­mal en­ger.

Ge­schich­ten wie die von Me­lis­sa Ce­fa­lu und ih­rem Mann And­rew sind ty­pisch. Mit ih­rer Hoch­schul­aus­bil­dung und ih­ren Jobs ge­hö­ren Ce­fa­lu, ei­ne Tier­ärz­tin, und And­rew, ein Chi­ro­prak­ti­ker, in ih­rer Hei­mat im Bun­des­staat Mis­sis­sip­pi zur obe­ren Mit­tel- schicht – zu­min­dest theo­re­tisch. Prak­tisch schla­gen sie sich seit dem Stu­di­um mit ei­ner Schul­den­last von ins­ge­samt 365.000 Dol­lar her­um, wie Me­lis­sa der Zei­tung „USA To­day“sag­te: Das Ehe­paar ver­dient zu­sam­men zwar 125.000 Dol­lar im Jahr, fährt aber ein 13 Jah­re al­tes Au­to und macht nie Ur­laub. Ce­fa­lu trägt die ab­ge­leg­te Klei­dung ih­rer Schwes­ter und zwei­felt dar­an, dass sich all die Mü­hen des Stu­di­ums ge­lohnt ha­ben. „Ich glau­be nicht, dass mein Ab­schluss die täg­li­chen Op­fer wert war“, so Me­lis­sa. In jun­gen Jah­ren Bank­rot­teur. Da­bei ge­hö­ren die Ce­fa­lus noch zu den Glück­li­chen, denn im­mer­hin ha­ben sie ein Ein­kom­men. Al­lein im ver­gan­ge­nen Jahr konn­ten sich rund acht Mil­lio­nen Uni-Ab­sol­ven­ten die Rück­zah­lung ih­rer Dar­le­hen in ei­ner Ge­samt­hö­he von 137 Mil­li­ar­den Dol­lar nicht mehr leis­ten – ei­ne Zu­nah­me von 14 Pro­zent im Ver­gleich zu 2015. Die Fol­gen kön­nen dra­ma­tisch sein. Die Kre­dit­ge­ber kön­nen Si­cher­hei­ten wie Au­tos oder Woh-

Die Stu­di­en­kos­ten sind in den ver­gan­ge­nen 30 Jah­ren um 400 Pro­zent ge­stie­gen.

Reu­ters

Ya­le? Har­vard? Die Fi­nan­zie­rung des Stu­di­ums an ei­ner Eli­te-Uni wird im­mer teu­rer.

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