Wenn kei­ner mehr glaubt, der Ge­sell­schaft

Die Rei­chen kap­seln sich ab und ver­su­chen, sich un­sicht­bar zu ma­chen. Die Mit­tel­schicht emp­fin­det den So­zi­al­staat als Be­dro­hung und die Ar­mut be­geg­net uns als 300 Jah­re al­tes Ske­lett auf dem Ste­phans­platz. Was pas­siert mit ei­ner Ge­sell­schaft, in der im­mer

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON GER­HARD HO­FER

Das al­so sind die Su­per­rei­chen?“fragt mein Sohn und schaut fas­zi­niert hin­über zu den tan­zen­den, la­chen­den, fe­schen Men­schen auf der an­de­ren Sei­te des wei­ßen Zauns. Pool­par­ty im Nik­ki-Beach-Club. In den Küh­lern zwi­schen den Lie­gen schwim­men Cham­pa­gner­fla­schen im Eis­was­ser, Fit­ness­stu­dio-ge­stähl­te Bur­schen und ver­füh­re­ri­sche Gra­zi­en tan­zen aus­ge­las­sen zur lau­ten Hip-Hop-Mu­sik. „Da fährt ei­ner mit dem Jet­ski im Pool“, ruft mein Acht­jäh­ri­ger und hüpft vor Be­geis­te­rung.

Kann schon sein, dass ein paar Rei­che dar­un­ter sind, aber die wirk­lich Su­per­rei­chen, die sieht man auch auf Ibi­za nicht. „Die Su­per­rei­chen sind dort drü­ben“, sa­ge ich und zei­ge hin­aus aufs Meer, wo ein paar hun­dert Me­ter vor der Küs­te zwei Lu­xus­jach­ten an­kern.

„Die blei­ben un­ter sich“, sagt Tauch­leh­rer Jo­gi, wäh­rend er die Tou­ris­ten mit sei­nem Boot zu den Tauch­plät­zen bringt. Vor der klei­nen In­sel Ta­gom­a­go wirft er den An­ker aus. „Die da oben freu­en sich be­stimmt, wenn wir hier ein we­nig Lärm ma­chen“, sagt der braun­ge­gerb­te Deut­sche ver­schmitzt. Ta­gom­a­go ist ei­ne be­son­de­re In­sel. Mann kann sie samt feu­da­lem An­we­sen und Die­n­er­schaft mie­ten. „Um 250.000 Eu­ro pro Wo­che“, er­zählt Jo­gi, „da­für holt ei­nem aber der Hub­schrau­ber vom Flug­ha­fen ab.“

Auf dem Weg vom Tauch­gang zu­rück zum Tou­ris­ten­strand Ca­la Pa­da zeigt Jo­gi auf schmu­cke Vil­len. „Die ge­hört ei­nem von Ber­tels­mann, die da drü­ben ei­nem spa­ni­schen Mi­nis­ter“, er­zählt er. All die­se Lu­xus­im­mo­bi­li­en ha­ben ei­nes ge­mein­sam: „Du kommst dort als Nor­mal­sterb­li­cher nicht hin.“Sie be­fin­den sich am En­de von teils ki­lo­me­ter­lan­gen Pri­vat­stra­ßen, her­me­tisch ab­ge­rie­gelt von der Au­ßen­welt. Un­sicht­ba­rer Reich­tum. Was man auf Ibi­za be­ob­ach­tet – oder ei­gent­lich: nicht be­ob­ach­tet –, ist ein Phä­no­men un­se­rer Zeit. Die Rei­chen wol­len sich tun­lichst un­sicht­bar ma­chen. Man sieht wie we­der auf Ibi­za noch in Mia­mi oder St. Tro­pez. Sie le­ben un­ter sich. „Man weiß fast nichts über sie“, schrieb kürz­lich die „Zeit“und be­such­te „Die da oben“auf der In­sel Sylt, wo sie am Ho­boo­ken­weg bei Qua­drat­me­ter­prei­sen jen­seits der 30.000 Eu­ro un­ter sich sind. Dort la­den sie sich ge­gen­sei­tig zur Grill­par­ty ein, hü­ten ih­re Pri­vat­sphä­re und ver­hei­ra­ten die Kin­der un­ter­ein­an­der. Die Ge­sell­schaft da drau­ßen wird zu­se­hends als Be­dro­hung emp­fun­den. Die wol­len sie be­steh­len oder gar ent­eig­nen.

Die Zei­ten sind lang vor­bei, als wil­de Par­ties ge­fei­ert wur­den, Mil­lio­nen- er­ben wie Gun­ter Sachs die Pup­pen tan­zen lie­ßen. Heu­te ver­steckt man sei­nen Reich­tum. Auch bei uns in Ös­ter­reich. Frü­her füll­te das Trei­ben am Wör­t­her­see im Som­mer die Klatsch­spal­ten. Jüngst muss­te so­gar der 2014 ver­stor­be­ne Udo Jür­gens im „Sei­ten­bli­cke-Ma­ga­zin“für ei­ne Dop­pel­sei­te her­hal­ten. Und La­dy Di so­wie­so. Har­te Zei­ten für So­cie­ty-Ma­ga­zi­ne und Pro­mi-TV-Shows.

Die­se Ent­wick­lung ist aber nicht nur schlecht für die Pa­pa­raz­zi, sie tut auch ei­ner Ge­sell­schaft nicht gut. Denn die­ses Aus­ein­an­der­drif­ten fin­det nicht nur phy­sisch statt. „Ich bin der Ge­sell­schaft nichts schul­dig. Ich ha­be ge­nug Steu­ern ge­zahlt“, sag­te der Groß­un­ter­neh­mer und Porr-Haupt­ak­tio­när Klaus Ort­ner jüngst zur „Pres­se“. Und er spricht da­mit of­fen aus, was vie­le Wohl­ha­ben­de in die­sem Land emp­fin­den. Sie füh­len sich nicht mehr als Teil die­ser Ge­sell­schaft. „Die Ge­sell­schaft“, das sind die an­de­ren.

Aber je we­ni­ger die Ge­sell­schaft mit de­nen da oben in Be­rüh­rung kommt, des­to grö­ßer wer­den die Vor­ur­tei­le, des­to schnel­ler wächst der Hass auf die Eli­ten, auf die neue Aris­to­kra­tie. „Die da oben“ge­hen Off­s­hore – so wie ihr Geld.

Und zu­dem ent­frem­den sich die Rei­chen un­ter sich. „Vie­len Jun­gen aus wohl­ha­ben­dem Hau­se ist nicht mehr be­wusst, dass die­ser Reich­tum vom Groß­va­ter oder Ur­groß­va­ter hart er­ar­bei­tet wor­den ist“, er­zählt ein Wie­ner Ver­mö­gens­ver­wal­ter. Die drit­te Ge­ne­ra­ti­on droht al­so nicht nur den Be­zug zur Welt da drau­ßen zu ver­lie­ren. Die Ge­schich­te zwi­schen Arm und Reich ist aber bei wei­tem nicht so ein­di­men­sio­nal, wie sie der süd­afri­ka­ni­sche Re­gis­seur und Dreh­buch­au­tor Neill Blom­kamp in sei­nem Hol­ly­woo­dB­lock­bus­ter „Ely­si­um“dar­stellt. In dem Sci­ence-Fic­tion-Rei­ßer aus dem Jahr 2013 le­ben die Rei­chen nicht mehr auf Long Is­land oder in Be­ver­ly Hills, son­dern re­si­die­ren ab­ge­ho­ben in ei­ner lu­xu­riö­sen Raum­ba­sis. Dort, auf der künst­li­chen In­sel der Se­li­gen, ver­sucht die von Jo­die Fos­ter ge­spiel­te In­nen­mi­nis­te­rin al­les, um läs­ti­ge Ein­dring­lin­ge auf­zu­grei­fen und auf die Er­de ab­zu­schie­ben. Brö­ckeln­der So­zi­al­staat. Die Ein­stel­lung, der Ge­sell­schaft nichts schul­dig zu sein, ist nicht nur un­ter Rei­chen ver­brei­tet. Auch die Mit­tel­schicht in Ös­ter­reich ist der Mei­nung: „Ich zah­le ge­nug ins Sys­tem ein.“Ist vom So­zi­al­staat die Re­de, wird die­ser nicht mehr als Er­run­gen­schaft an­ge­se­hen, die von den Groß­vä­tern und Ur­groß­vä­tern er­foch­ten wor­den ist. Der So­zi­al­staat gilt vie­len eher als ver­al­te­tes Ge­bil­de, bei dem nichts mehr so rich­tig funk­tio­niert.

Und seit Jahr­zehn­ten bläut uns die­ser Staat ein, dass oh­ne ihn nichts geht. Wir be­fin­den uns in sei­ner „Vor­mund­schafts­ge­walt“, wie es einst der fran­zö­si­sche Pu­bli­zist Al­exis de Toc­que­vil­le aus­ge­drückt hat. An­fang des 19. Jahr­hun­derts dia­gnos­ti­zier­te er be­reits in Frank­reich, dass der Sou­ve­rän „sei­ne Ar­me über die Ge­sell­schaft als Gan­zes“legt, sie ab­hän­gig macht und je­dem Bür­ger ein schlech­tes Ge­wis­sen ein­impft. Das mie­se Ge­fühl näm­lich, dem Staat - und so­mit der Ge­sell­schaft – et­was schul­dig zu sein. „Toc­que­vil­le hat­te selbst­ver­ständ­lich recht. Nicht die Tech­no­lo­gie, son­dern der Staat – mit sei­nem ver­füh­re­ri­schen Ver­spre­chen von Si­cher­heit von der Wie­ge bis

Wir be­fin­den uns in der »Vor­mund­schafts­ge­walt« des Staa­tes, schrieb Toc­que­vil­le.

Die Rei­chen wol­len nicht er­kannt wer­den. Sie zie­hen sich zu­rück – wie hier im Lu­xus­ho­tel Le Bris­tol in

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