»Die Men­schen sind ja ver­rückt«

In­ter­view. Det­lev Buck über „Ma­gi­cal Mys­te­ry“, ei­nen neu­en Film aus dem „Herr Leh­mann“Uni­ver­sum, über die Ra­ves der Neun­zi­ger und das dunk­le Ber­lin nach der Wen­de, sein Le­ben am Bau­ern­hof und war­um er von „Film­fuz­zis“ei­nen „Rap­pel“kriegt.

Die Presse am Sonntag - - Menschen - VON CHRISTINE IMLINGER

Die Tech­no-Hip­pies der Neun­zi­ger sind zu­rück. Mit wil­den Ra­ves in rie­si­gen Hal­len, ei­ner schrä­gen Trup­pe aus al­tern­den Tech­nostars und der Idee, wie da­mals die Beat­les auf ei­ne „Ma­gi­cal Mys­te­ry Tour“zu ge­hen. In „Ma­gi­cal Mys­te­ry oder Die Rück­kehr des Karl Schmid“geht ei­ne bun­te Hor­de aus Tech­no-DJs und ei­nem Ex­künst­ler, der ge­ra­de aus der Dro­gen­the­ra­pie-WG kommt, auf ei­nen Roadtrip durch das Deutsch­land der Neun­zi­ger­jah­re – und zugleich ei­ne mu­si­ka­li­sche Zei­t­rei­se, et­wa mit West­bam oder Whirl­pool Pro­duc­tions.

Ma­gi­cal Mys­te­ry (nach dem gleich­na­mi­gen Ro­man von Sven Re­ge­ner, der auch das Dreh­buch ver­fasst hat) ist ein wei­te­rer Film aus dem „Herr Leh­mann“-Uni­ver­sum. Mit den ty­pisch wahn­wit­zi­gen Mo­no­lo­gen, da­da­is­tisch-ab­sur­den bis tief­grün­di­gen Dia­lo­gen und je­der Men­ge lie­bens­wer­ter Freaks.

Re­gis­seur Ar­ne Feld­hu­sen (ihn kennt man als Re­gis­seur von Strom­berg oder Der Tat­or­t­rei­ni­ger) nimmt die Zu­schau­er mit auf ei­ne ra­san­te Zei­t­rei­se in rie­si­ge Hal­len, be­glei­tet von Tech­no­beats und dem Wunsch nach Lie­be, Frie­den und Ge­mein­schaft. Char­ly Hüb­ner spielt dies­mal Karl Schmidt. In „Herr Leh­mann“war einst Det­lev Buck der Karl, nun, so der Schau­spie­ler beim In­ter­view in Ber­lin, sei er für die­se Rol­le zu alt. Al­so ist Buck als Fer­di, ei­ne Art Mas­ter­mind der Trup­pe in ei­ner wei­te­ren Haupt­rol­le in Ma­gi­cal Mys­te­ry da­bei. Im In­ter­view er­zählt Buck vom Hip­pe-Geist der Ra­ver, von Dreh­ar­bei­ten am brach­lie­gen­den Flug­ha­fen BER, und war­um er pri­vat aus der Ber­li­ner Film­welt im­mer wie­der weit weg flüch­ten muss. Im Film geht es zu­rück in die Neun­zi­ger­jah­re, das Ber­lin nach der Wen­de, die Ra­ve Sze­ne. Wie ha­ben Sie die­se Zeit er­lebt? Det­lev Buck: Die Neun­zi­ger, Ber­lin und die Ra­ve-Sze­ne sind ja ver­schie­de­ne Punk­te. Letzt­lich ist das hier in Ber­lin zu­sam­men­ge­lau­fen. Ber­lin war An­fang der Neun­zi­ger ei­ne dunk­le Stadt. Da gab es Stra­ßen, da war gar nichts, Ber­lin war so über­haupt nicht gen­tri­fi­ziert, nichts war ge­stylt, loun­gig, es war ein­fach rough. Aber das hat es dann auch aus­ge­macht. Wa­ren Sie da­mals un­ter­wegs in der Ra­veSze­ne, bei die­sen Me­ga­par­ties? Ich bin gern Be­ob­ach­ter und gu­cke mir so et­was an. Ich ha­be mich dar­an ge­freut und sag­te: Wow, das ha­be ich ver­stan­den. Auch mei­ne Fi­gur, Fer­di, den gab es ja wirk­lich, Wil­li­am Rött­ger, der war so­zu­sa­gen ein Chef­ideo­lo­ge. Der war Hip­pie, da­durch kam auch die­se Flo­wer-Po­wer in die Be­we­gung, die­ses Lo­ve-Pa­ra­de, die­ses Al­le-kön­nen-Mit­ma­chen, es gab kei­ne Be­gren­zun­gen im Al­ter, nach der Klei­dung oder sonst ir­gend­et­was. Es geht um Lo­ve! Das hat der da rein­ge­tra­gen, da­durch hat es so et­was be­frei­tes und sim­ples, auch in der Mu­sik sim­ples, das moch­te ich. War das Auf­le­ben die­ser Sze­ne ty­pisch für Ber­lin? Hat das nur in die­ser Stadt und zu die­ser spe­zi­el­len Zeit pas­sie­ren kön­nen? Ja, ich glau­be schon. Da war zu­vor Os­tWest, die Tren­nung, das ma­xi­ma­le Plus-Mi­nus. Dann ist plötz­lich die Trenn­wand weg, al­les ver­mischt sich, es gibt ei­nen Raum, der neu ge­nutzt wird. In Ber­lin war mehr oder we­ni­ger al­les im Um­bruch und al­les of­fen, auch in der elek­tro­ni­schen Mu­sik, da ist Ber­lin ja noch im­mer ein Mit­tel­punkt, bis heu­te. Aber da­mals war es so ein Frei­raum. Letzt­end­lich ist durch die Wen­de ein gro­ßer Frei­raum ent­stan­den. Wie war es, die­se Welt auf­er­ste­hen zu las­sen? Die Mo­de, die Par­ties...

Det­lev Buck

ist Schau­spie­ler, Re­gis­seur, Pro­du­zent und Au­tor ei­ni­ger deut­scher Er­folgs­fil­me. Er wur­de am 1. De­zem­ber 1962 in Ba­de Se­gen­berg im Nor­den Deutsch­lands ge­bo­ren, wuchs dort in Schles­wig-Hol­stein, auf ei­nem Bau­ern­hof auf und ab­sol­vier­te zu­nächst ei­ne Leh­re als Land­wirt. In den 1980er-Jah­ren hat er an der Film- und Fern­seh­aka­de­mie Ber­lin stu­diert.

Be­kannt

wur­de er mit Fil­men wie Män­ner­pen­si­on, Sa­me Sa­me But Dif­fe­rent, Herr Leh­mann oder Son­nen­al­lee.

Der Film

„Ma­gi­cal Mys­te­ry oder Die Rück­kehr des Karl Schmidt“star­tet am 31. Au­gust in aus­ge­wähl­ten Ki­nos. Wir ha­ben ja auf die­ser May­day ge­dreht, die ma­chen das ja noch im­mer, aber es hat letzt­end­lich nicht mehr die­sen Dri­ve, es ist kom­mer­zia­li­siert. Aber es kom­men im­mer noch Träu­mer, die die­sem al­ten Traum hin­ter­her­hän­gen. Du kriegst es aber nicht mehr zu­rück­ge­dreht. So et­was, das da­mals ent­stan­den ist, das war im­pro­vi­siert, die ha­ben nicht be­rech­net und ge­mes­sen, was an­kommt, son­dern ein­fach ir­gend­was ver­sucht und dann ist et­was völ­lig Neu­es ent­stan­den. Sind die Neun­zi­ger­jah­re nun lan­ge ge­nug her, dass man Nost­al­gie-Fil­me dre­hen kann? Ja, das kann man schon. Wir hat­ten auch, wie bei „Herr Leh­mann“, das Pro­blem, dass zum Bei­spiel die Au­tos weg sind. Die Au­to­bahn­sze­nen konn­ten wir na­tür­lich nicht mit heu­ti­gen Au­tos dre­hen, mit so Elek­tro­din­gern, al­so ha­ben wir auf der Zu­lie­fer­au­to­bahn zum Flug­ha­fen BER, der liegt ja so schön dar­nie­der, ge­dreht, da sind wir um­ge­ben von 20 Au­tos aus die­ser Zeit im Kreis ge­gurkt. Da­durch hat das et­was Re­tro­haf­tes. Oder die­se Rie­sen­han­dys! Die sa­gen im Film: ,Ey, ist ja geil, mit­ten im Au­to ein­fach an­ge­ru­fen zu wer­den, ist das nicht ir­re?’ (lacht) Aber so war das da­mals eben. Sie füh­ren selbst auch Re­gie. Wie funk­tio­niert der Wech­sel vom Re­gis­seur zum Schau­spie­ler un­ter Re­gie ei­nes an­de­ren? Es ist ja ei­ne Kol­la­bo­ra­ti­on. Als Schau­spie­ler bist du auch froh, dass du nicht nach­räu­men musst, wie ein Re­gis­seur das muss. Das ist ja schreck­lich viel Ar­beit. Chris­toph Waltz hat ge­sagt, nach­dem der auch ei­nen Fern­seh­film ge­macht hat­te, das wür­de er nicht wie­der ma­chen, so viel Ar­beit, man ist der ers­te und letz­te zugleich, da ist er lie­ber Schau­spie­ler. Ja, siehs­te! Man kann sich als Schau­spie­ler auch er­freu­en, dass man Teil des En­sem­bles ist, die­ser Fa­mi­ly. Ich mag den Wech­sel, dann kann ich das eher als Spiel emp­fin­den, ich bin ja eher ver­spielt. Hat der Schau­spie­ler al­so den ein­fa­che­ren, den lus­ti­ge­ren Job am Set? Na­ja, man un­ter­schätzt das. Wenn die Klap­pe fällt und man dran ist, muss man et­was den­ken, man muss et­was füh­len, da­mit man das ma­chen kann. Wenn man nur rum­dad­delt, das geht nicht. Und man ist teil­wei­se, was mich schon im­mer wie­der wun­dert, als Schau­spie­ler ge­nau­so mü­de wie als Re­gis­seur. Pri­vat le­ben Sie ja teils in ei­ner ganz an­de­ren Welt, in ei­nem Dorf, auf ei­nem Bau­ern­hof. Wie funk­tio­niert der Switch zwi­schen Land­le­ben und Film­welt? Das funk­tio­niert gut. Wir ha­ben ja auch in der Nä­he von dort, wo ich ge­bo­ren bin, ge­dreht. In die­ser tiefs­ten Dorf­dis­co-Pro­vinz. Ich lie­be Dorf­dis­cos und fin­de das toll. Aber ich krieg im­mer ei­nen Rap­pel, in je­der Ge­sell­schaft, in der Land­ge­sell­schaft, auf dem Dorf, und ich krie­ge auch ei­nen Rap­pel bei den Film­fuz­zis. Ir­gend­wann nervt mich das, dann muss ich weg, das geht fast im Ta­ges­rhyth­mus bei mir. Beim Dre­hen muss ich na­tür­lich län­ger durch­hal­ten, das geht, weil et­was Neu­es ent­steht. Aber wenn es sich nur um sich sel­ber dreht, das ist irr­sin­nig an­stren­gend. Was ha­ben Sie für ei­nen Sta­tus im Dorf? Der ex­zen­tri­sche Schau­spie­ler? Das hat sich jetzt ge­legt, das war vi­el­leicht frü­her so, aber jetzt nicht mehr. Das ist de­nen jetzt wurscht. Hof oder Film, was ist das ech­te­re Le­ben? Ich fin­de, der Wech­sel ist das ech­te­re Le­ben. Es ist der Per­spek­ti­ven­wech­sel, der mir ge­fällt, weil ich bei­des dann wert­schät­ze. Im Dorf ist ei­ne Art von Rhyth­mus, der nicht auf­ge­regt ist. In Ber­lin hast du ei­ne Art Ner­vo­si­tät, die ei­nen zer­mür­ben kann. Vie­le sind da auch, be­son­ders in den Clubs, hän­gen­ge­blie­ben und kom­men nicht mehr in ei­nen an­de­ren Rhyth­mus rein und sind nur noch auf Speed oder was auch im­mer. Das zu be­trach­ten, auch aus an­de­rer Per­spek­ti­ve, das ist wich­tig, dann guckt man mehr über den Tel­ler­rand.

Ge­nau­so wie der Per­spek­tiv­wech­sel, wenn man ein Land ver­lässt. In Eu­ro­pa, oder im asia­ti­schen Raum, wo sie sa­gen: Eu­ro­pa ist egal. Fil­me in sol­chen Län­dern zu ma­chen, „Sa­me sa­me but dif­fe­rent“in Kam­bo­dscha zum Bei­spiel, das hat mir im­mer am bes­ten ge­fal­len. So ent­stand auch mei­ne Freund­schaft zu Micha­el Gla­wog­ger, der ja auch im­mer die­se Welt­läu­fig­keit, die­se an­de­re Per­spek­ti­ve auf die Welt hat­te. Das ist das Schöns­te, was man ha­ben kann, ei­ne an­de­re Per­spek­ti­ve auf die­se gan­ze ver­rück­te Welt. Die ist ja doch ver­rückt! Die Men­schen sind ja auch ver­rückt.

Im­a­go/Fu­ture Image

der­zeit Le­an­der se­hen. Au­ßer­dem läuft in „Ma­gi­cal Mys­te­ry“zu Det­lev Buck ist ab 31. Au­gust Buck ei­nen Kriegs­re­por­ter. in den Ki­nos, da­rin spielt Hauß­manns „Pu­ber­tier“

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