FAK­TEN

Die Presse am Sonntag - - Globus -

leh­ren: Kas­ti­lisch ist zwar ne­ben Ka­ta­la­nisch Amts­spra­che, Ka­ta­la­nisch aber al­lei­ni­ge Un­ter­richts­spra­che. In Schu­len wird auf Ka­ta­la­nisch un­ter­rich­tet, Spa­nisch ist nur ei­ni­ge St­un­den pro Wo­che vor­ge­se­hen. „In der Pau­se wird bei­des ge­spro­chen“, sagt Ori­ol. „Wir sind zwei­spra­chig, das soll so blei­ben.“

Se­pa­ra­tis­mus als Mei­nungs­main­stream in Ka­ta­lo­ni­en ist ei­ne neue Ent­wick­lung: „Im 19. und 20. Jahr­hun­dert streb­ten ka­ta­la­ni­sche Na­tio­na­lis­ten nach mehr Sprach­rech­ten und Au­to­no­mie, aber stets in­ner­halb Spa­ni­ens“, er­klärt Klaus-Jür­gen Na­gel, Po­li­to­lo­ge an der Pom­peu Fa­bra Uni­ver­si­tät in Bar­ce­lo­na. Als Wen­de­punkt sieht Na­gel das Jahr 2006. Da­mals klag­te die Volks­par­tei ge­gen Pas­sa­gen ei­nes er­wei­ter­ten Au­to­no­mie­sta­tuts, ob­wohl die Par­la­men­te in Ma­drid und Bar­ce­lo­na so­wie die Ka­ta­la­nen in ei­nem Re­fe­ren­dum grü­nes Licht da­für ge­ge­ben hat­ten. 2010 gab das Obers­te Ge­richt der Kla­ge statt. „Da­mals ent­stand bei vie­len Ka­ta­la­nen das Ge­fühl, Ver­hand­lun­gen mit Ma­drid er im Na­tio­nal­team ein­mal sei­nen Tri­ko­tär­mel so prä­pa­riert, dass die spa­ni­sche Flag­ge ver­deckt war. Doch es wa­ren die Bar­ca-¸Stars, die Spa­ni­en zum ein­zig­ar­ti­gen Ti­tel-Hattrick (EM 2008, WM 2010, EM 2012) ge­führt ha­ben. Im­mer­hin gibt es auch ei­ne (in­of­fi­zi­el­le) ka­ta­la­ni­sche Na­tio­nal­mann­schaft. Xa­vi, Inies­ta, Puyol, auch die Ex-Salz­bur­ger O´scar Garc´ıa und So­ria­no ha­ben schon für die Seleccio´ Ca­ta­la­na ge­spielt, Pi­que´ und Guar­dio­la so­wie­so. Te­am­chef war einst Jo­han Cruyff, mitt­ler­wei­le ist es Ger­ard Lopez,´ der Trai­ner der zwei­ten Mann­schaft von Bar­ce­lo­na. Das ka­ta­la­ni­sche Na­tio­nal­team. Der FC Bar­ce­lo­na gilt als Ka­ta­lo­ni­ens wah­re Na­tio­nal­mann­schaft – und als Speer­spit­ze im Un­ab­hän­gig­keits­kampf. Die Es­te­la­da, die Un­ab­hän­gig­keits­fah­ne, ge­hört zur Gr­und­aus­stat­tung je­des Bar­ca-¸ Fans. Das Camp Nou, mit 99.000 Plät­zen größ­te Fuß­ball­are­na Eu­ro­pas, ist ka­ta­la­ni­sches Na­tio­nal­hei­lig­tum. In je­dem Spiel, ex­akt 17 Mi­nu­ten und 14 Se­kun­den nach An­pfiff, skan­die­ren die An­hän­ger auf den Rän­gen „In­de­pen­den­cia“– im Ge­den­ken ans Jahr 1714, als Phil­ipp V. im Spa­ni­schen Erb­fol­ge- sei­en völ­lig sinn­los“, sagt er. Tat­säch­lich ver­drei­fach­te sich nach dem Rich­ter­spruch in Um­fra­gen die Zahl der Un­ab­hän­gig­keits­be­für­wor­ter, 2012 er­reich­te sie 57 Pro­zent. Seit­dem pro­tes­tie­ren jähr­lich Mil­lio­nen am Na­tio­nal­fei­er­tag für die Un­ab­hän­gig­keit, vor al­lem jun­ge Leu­te, so Na­gel. „Sie ha­ben die Fran­coZeit nicht mit­er­lebt und des­halb auch kei­ne Angst vor Ma­drid.“

Es ist aber wohl kein Zu­fall, dass der Se­pa­ra­tis­mus in Zei­ten der Fi­nanz­kri­se auf­blüh­te. Das wirt­schafts­star­ke Ka­ta­lo­ni­en wur­de schwer ge­trof­fen, die Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit schnell­te auf mehr als 40 Pro­zent em­por. Ei­ne vom US-Ma­ga­zin „At­lan­tic“ver­öf­fent­lich­te Stu­die zeigt, wie die Un­ter­stüt­zung für die Un­ab­hän­gig­keit par­al­lel zur Ar­beits­lo­sig­keit stieg. Da­mals be­kann­te sich auch die – da­vor stets fö­de­ra­lis­tisch ori­en­tier­te – re­gie­ren­de Zen­trums­par­tei in Bar­ce­lo­na zum Se­pa­ra­tis­mus. Sie punk­te­te da­mit: Un­fai­re, ho­he Trans­fer­zah­lun­gen an das „kor­rup­te“Ma­drid wur­den für die wirt­schaft­li­che Mi­se­re ver­ant- krieg Ka­ta­lo­ni­ens Schick­sal be­sie­gel­te. In der Nä­he Bar­ce­lo­nas er­lit­ten ka­ta­la­ni­sche Trup­pen ei­ne Nie­der­la­ge ge­gen die Bour­bo­nen. Ma­nu­el Vaz­quez´ Mon­tal­ban,´ der gro­ße ka­ta­la­ni­sche Kri­mi­au­tor, pries den FC Bar­ce­lo­na ein­mal als die „un­be­waff­ne­te Ar­mee Ka­ta­lo­ni­ens“.

Dar­aus be­zie­hen die Ka­ta­la­nen ihr Selbst­ver­ständ­nis. „Mes´ que un club“, mehr als ein Klub, so lau­tet das stol­ze Cre­do. Selbst der ar­gen­ti­ni­sche Su­per­star Lio­nel Mes­si ist ein Her­zens-Ka­ta­la­ne – wie es auch der hol­län­di­sche Welt­star Cruyff war, der Pro­pa­gan­dist des Of­fen­siv-Fuß­balls, der sei­nem Sohn den ka­ta­la­ni­schen Na­men Jor­di gab.

Zwei wei­te­re Ver­ei­ne aus der Re­gi­on spie­len in der spa­ni­schen Pri­me­ra Di­vi­si­on.´ Das roya­lis­tisch-zen­tris­ti­sche Espan­yol Bar­ce­lo­na wird we­gen Er­folg­lo­sig­keit von den Ka­ta­la­nen nicht ernst ge­nom­men, den Der­bys fehlt es an Bri­sanz. Beim Auf­stei­ger FC Gi­ro­na zieht

Ka­ta­lo­ni­en

hat 7,5 Mil­lio­nen Ein­woh­ner. Amts­spra­chen sind Ka­ta­la­nisch, Spa­nisch so­wie Ara­ne­sisch.

Un­ab­hän­gig­keit.

Ka­ta­lo­ni­en ist ei­ne der 17 Au­to­no­men Ge­mein­schaf­ten Spa­ni­ens und ver­fügt im Bil­dungs-, Ge­sund­heits- und Wirt­schafts­be­reich über ei­ge­ne Kom­pe­ten­zen. Nach dem ver­fas­sungs­wid­ri­gen Un­ab­hän­gig­keits­vo­tum am 1. 10. will sich die Re­gio­nal­re­gie­rung ab­spal­ten. dig­keit ver­lor. Hin­zu kommt das noch fri­sche Trau­ma der Fran­co-Zeit, als ka­ta­la­ni­sche Spra­che und Kul­tur ver­bo­ten wur­den. Im Bür­ger­krieg (1936-1939) stan­den die Ka­ta­la­nen auf re­pu­bli­ka­ni­scher Sei­te, Bar­ce­lo­na war ei­ne Wi­der­stands­bas­ti­on ge­gen Fran­co. Laut vie­len Ka­ta­la­nen sit­zen Fran­cos ideo­lo­gi­sche Er­ben wei­ter in spa­ni­schen Macht­po­si­tio­nen. Die­se Vor­wür­fe wer­den laut, so­bald Ma­drid ka­ta­la­ni­sche Ge­set­ze blo­ckiert – vom Re­fe­ren­dum bis zum Stier­kampf­ver­bot, weil „Stier­kampf zu Spa­ni­ens Kul­tur­er­be ge­hört“. Pro-Spa­ni­en-De­mos. Doch vie­le Ka­ta­la­nen lehn­ten von An­fang an die­se Schei­dungs­feh­de mit Ma­drid ab. Ihr Sprach­rohr ist Ma­ria­no Gom`a (65), Prä­si­dent der pro­s­pa­ni­schen So­cie­dad Ci­vil Ca­ta­la­na. Sei­ne Fa­mi­lie sei seit acht Ge­ne­ra­tio­nen ka­ta­la­nisch – und spa­nisch, be­tont stolz der Ar­chi­tekt. Seit Jah­ren sei­en die Ka­ta­la­nen der „se­pa­ra­tis­ti­schen Pro­pa­gan­da der Re­gie­rung aus­ge­setzt, die mit Steu­er­gel­dern fi­nan­ziert wird“. Als Bei­spiel führt er den Schul­un­ter­richt an: „Kin­dern wird bei­ge­bracht, dass die Spa­nier die Ka­ta­la­nen seit 300 Jah­ren un­ter­drü­cken.“Trotz­dem ist er da­von über­zeugt, dass in Ka­ta­lo­ni­en „Pro­s­pa­ni­er die schwei­gen­de Mehr­heit sind“. In ganz Spa­ni­en gab es ges­tern Groß­kund­ge­bun­gen für die Ein­heit des Lan­des. Heu­te will die So­cie­dad Ci­vil in Bar­ce­lo­na mit ei­ner Rie­sen­de­mo ein Zei­chen set­zen: „Es kom­men Men­schen aus dem gan­zen Land“, sagt Gom`a. neu­er­dings ein ge­wis­ser Pep Guar­dio­la die Fä­den. Er hat sich mit sei­nem jün­ge­ren Bru­der Pe­re beim Pro­vinz­klub ein­ge­kauft. Guar­dio­la, Trai­ner des eng­li­schen Ta­bel­len­füh­rers Man­ches­ter Ci­ty, rich­te­te nach dem Re­fe­ren­dum har­sche Kri­tik an die Re­gie­rung in Ma­drid und den kon­ser­va­ti­ven Pre­mier Ra­joy. Auch Xa­vi war wü­tend: „Was in Ka­ta­lo­ni­en pas­siert, ist ei­ne Schan­de.“Der FC Bar­ce­lo­na, als glo­ba­li­sier­ter Fuß­ball­kon­zern ei­ne Welt­mar­ke, leg­te aus Pro­test so­gar ei­nen Streik­tag ein.

In der Ro­ja ru­mor­te es in­des­sen vor den Spie­len ge­gen Al­ba­ni­en und Is­ra­el. Vie­le gin­gen auf Dis­tanz zu Pi­que.´ Ser­gio Ra­mos, der Ka­pi­tän von Re­al Ma­drid, be­grub schließ­lich die Kon­tro­ver­se mit sei­nem kon­ge­nia­len Kom­pa­gnon in der In­nen­ver­tei­di­gung. Der Ka­ta­la­ne und der An­da­lu­si­er ver­kör­pern die Ge­gen­sät­ze zwi­schen den Erz­ri­va­len Bar­ca¸ und Re­al. Die Kö­nig­li­chen, ver­se­hen mit dem roya­len Wap­pen, sind in Bar­ce­lo­na ver­hasst – als Leib­klub des Dik­ta­tors Fran­co und des ab­ge­dank­ten Kö­nigs Juan Car­los, mit­hin als Sym­bol des Zen­tral­staats. Doch was wä­re Re­al oh­ne Bar­ca¸ – und Spa­ni­en oh­ne den Cla­si­co,´ das Du­ell zwi­schen Re­al und Bar­ca?¸

»Mehr als ein Klub«, so lau­tet das Bar¸ca-Cre­do, das über den Fuß­ball hin­aus­weist.

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