Wie wä­re es mit ei­ner Ent­schul­di­gung?

Ös­ter­reich hat sei­nen ers­ten pro­mi­nen­ten Me­too-Fall. Pe­ter Pilz geht – und zwar zu Recht. Bei­fall soll man ihm bit­te nicht zol­len. Trotz­dem hat er Maß­stä­be für an­de­re ge­setzt.

Die Presse am Sonntag - - Seit - LEITARTIKEL VON ULRIKE WEISER

Wenn Pilz das Wort Ent­schul­di­gung be­nutzt hat, dann war es nicht sehr laut zu hö­ren. Viel­mehr gab Pilz bei sei­nem letz­ten Auf­tritt das ers­te Op­fer – von rach­süch­ti­gen Grü­nen und ei­ner kar­rie­re­gei­len Mit­ar­bei­te­rin – und in­sze­nier­te sich dann als Sau­ber­mann. Ei­ner, der so streng zu sich ist, dass er so­gar we­gen ei­nes Vor­falls geht, an den er sich nicht er­in­nern kann, ei­ner, der ma­xi­mal miss­ver­stan­den wur­de – wie es den „ äl­te­ren – gera­de noch – mäch­ti­gen Män­nern“eben pas­siert. Wenn Pilz die­sen rät, sie müss­ten be­den­ken, wie ih­re Hand­lun­gen bei Schwä­che­ren, oft Frau­en, an­kä­men, klingt das nach Ein­sicht. Heißt aber: Al­les sub­jek­tiv, halt ei­ne Fra­ge der Emp­find­lich­keit.

An­ge­sichts der plas­ti­schen Vor­wür­fe ist der eins­ti­ge Chef­an­klä­ger da zu sich sehr mil­de. Kon­kret sind es zwei. Laut „Fal­ter“hat Pilz 2013 beim Eu­ro­päi­schen Fo­rum Alp­bach ei­ne Frau ag­gres­siv be­grapscht. Pilz selbst will sich dar­an nicht er­in­nern. Da­vor be­rich­te­te „Die Pres­se“vom Vor­wurf, dass er ei­ne Mit­ar­bei­te­rin in sei­ner Funk­ti­on als ge­wähl­ter Volks­ver­tre­ter be­harr­lich be­läs­tigt ha­ben soll. De­tail­liert do­ku­men­tiert wur­de das bei der Gleich­be­hand­lungs­an­walt­schaft, laut Grü­nen lie­gen Be­wei­se vor. Pilz be­strei­tet das. Weil die Frau – wie so vie­le in ähn­li­cher La­ge – kein Ver­fah­ren woll­te, konn­ten die Vor­wür­fe ge­richt­lich nicht ge­klärt wer­den. Das ist är­ger­lich, aber aus ih­rer Sicht nicht gänz­lich un­ver­ständ­lich. Ein Pro­zess ge­gen Pe­ter Pilz ist kein Zu­cker­schle­cken.

Auch die Grü­nen ha­ben auf Wunsch der Frau die Sa­che nicht ak­tiv öf­fent­lich ge­macht – we­der im Wahl­kampf noch jetzt (auch wenn die Im­plo­si­on der Lis­te Pilz wohl kein un­will­kom­me­ner Ne­ben­ef­fekt ist). Denn wie Pilz auch rich­tig an­merk­te, bringt all das auch die Grü­nen in ein stra­te­gi­sches Di­lem­ma. Kann­te man die Vor­wür­fe und hielt sie für wahr, war­um ver­such­te man dann, Pilz zu hal­ten und so­gar zu ei­nem Vor­zugs­stim­men­wahl­kampf zu be­we­gen? Und auch wenn nun plötz­lich kryp­ti­sche Me­too-Pos­tings von Grün-Po­li­ti­ke­rin­nen auf Twit­ter auf­pop­pen, hat das ei­nen selt­sa­men Bei­ge­schmack. Denn das kommt et­was spät.

Wo­bei: Wenn es da et­was zu sa­gen gibt, soll­te man das spät, aber doch of­fen tun – und sich nicht län­ger hin­ter Ge­rüch­ten ver­ste­cken. Bit­te kein Scha­de-Chor. Apro­pos Nä­gel mit Köp­fen ma­chen: Pilz hat – be­ab­sich­tigt oder nicht – so et­was wie ei­nen Prä­ze­denz­fall ge­schaf­fen. Wer se­xu­ell be­läs­tigt, wird künf­tig ge­hen müs­sen – und zwar nicht nur Ex-Grü­ne, die sich selbst zum Pro­gramm ge­macht ha­ben. Und das ist gut so, denn nur wenn die Fol­gen un­an­ge­nehm ge­nug sind, än­dert sich lang to­le­rier­tes Ver­hal­ten. Wir al­le, egal, ob Tä­ter oder Op­fer, stel­len Kos­ten-Nut­zen­Ana­ly­sen an. Bis­lang war bei se­xu­el­ler Be­läs­ti­gung das Ri­si­ko un­fair ver­teilt: Die Op­fer schwie­gen aus Angst vor den Re­ak­tio­nen meist pein­lich be­rührt. Die Tä­ter konn­ten sich dar­auf ver­las­sen.

Und da wir so­zu­sa­gen gera­de bei den Ver­diens­ten von Pilz sind. Ein Scha­de-Scha­de-Chor zum Rück­zug ist un­an­ge­bracht: Ja, Pilz war po­li­tisch wich­tig und hat­te gro­ße Er­fol­ge. Aber, nein, Ta­lent ist kei­ne Ent­schul­di­gung. We­der in Hol­ly­wood noch in Wi­en.

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