»So ver­blö­det kann man ja nicht sein«

Kanz­ler Chris­ti­an Kern är­gert sich noch im­mer über die »Trot­te­lei­en« in sei­nem Kam­pa­gnen­team, will nach der Wahl­nie­der­la­ge aber wei­ter­ma­chen, um die SPÖ in der Op­po­si­ti­on neu aus­zu­rich­ten – durch­aus in Rich­tung Ka­pi­ta­lis­mus­kri­tik.

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON THO­MAS PRIOR

Ha­ben Sie sich schon mit der Op­po­si­ti­on ab­ge­fun­den? Chris­ti­an Kern: Wir wer­den un­se­ren Weg in die Op­po­si­ti­on an­tre­ten. Die­ses schwarz-blaue Pro­jekt ist ja nicht erst mit dem Wahl­tag be­gon­nen wor­den, son­dern schon vor län­ge­rer Zeit. Al­ler­dings hat­ten auch Sie nach der Wahl ein Ge­spräch mit Heinz-Chris­ti­an Stra­che. Es war ein höf­li­ches Ge­spräch, aber in­halt­lich war klar, dass das nicht zu ei­ner Ver­tie­fung füh­ren wird. Und das Ge­spräch mit Sebastian Kurz? Wir hat­ten zwei – und die wa­ren völ­lig in­halts­los. Das Des­in­ter­es­se an ei­ner Zu­sam­men­ar­beit mit der SPÖ war groß. Um Schwarz-Blau zu ver­hin­dern, ha­be ich Kurz so­gar an­ge­bo­ten, dass wir ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung der ÖVP un­ter­stüt­zen, oh­ne An­spruch auf ei­nen Mi­nis­ter­pos­ten zu er­he­ben. Auch das hat ihn nicht in­ter­es­siert. Gut, ab­ge­hakt. Aber al­les, was da­nach er­zählt wur­de – die SPÖ wä­re nicht be­reit ge­we­sen oder so – stimmt nicht. Ganz ehr­lich: Ha­ben Sie Kurz un­ter­schätzt? Nein, in kei­ner Wei­se. Aber ei­nes ha­be ich ge­lernt: Die­se gan­ze Ve­rän­de­rungs­num­mer ist ja, mit Ver­laub, nur ei­ne Schi­mä­re. Die SPÖ hat die Macht als Mit­tel ge­se­hen, um Ve­rän­de­run­gen her­bei­füh­ren zu kön­nen. Das Pro­jekt der ÖVP da­ge­gen war, über Ve­rän­de­rung zu re­den, um an die Macht zu kom­men. Da­für war Kurz je­des Mit­tel recht. Das ha­ben wir wahr­schein­lich un­ter­schätzt. Weil ich nach der Un­ter­schrift im Jän­ner da­von aus­ge­gan­gen bin, dass wir das über­ar­bei­te­te Re­gie­rungs­pro­gramm bis zum Herbst 2018 ver­läss­lich um­set­zen. Was wol­len Sie da­mit sa­gen? Dass Rein­hold Mit­ter­leh­ner im Ge­gen­satz zu Sebastian Kurz Hand­schlag­qua­li­tät hat­te? Das ist lei­der sehr prä­zi­se mei­ne Er­fah­rung mit den bei­den ge­we­sen. Wenn Sie noch ei­ne Chan­ce hät­ten, was wür­den Sie im Wahl­kampf an­ders ma­chen? Wahl­stra­te­gisch wä­re es ge­schei­ter für uns ge­we­sen, wenn wir im Jän­ner ei­ne Neu­wahl vom Zaun ge­bro­chen hät­ten. Aber das wä­re nicht se­ri­ös ge­we­sen. Der ehe­ma­li­ge SPD-Chef Sig­mar Ga­b­ri­el hat in der „Zeit“ge­meint, sei­ne Par­tei hät­te sich im Wahl­kampf zu sehr auf das The­ma so­zia­le Ge­rech­tig­keit kon­zen­triert. Hat auch die SPÖ Feh­ler in der The­men­set­zung ge­macht? Ich ha­be mich in­ten­siv mit Sig­mar Ga­b­ri­el und sei­nem Nach­fol­ger Mar­tin Schulz aus­ge­tauscht. Das Pro­blem bei all die­sen Ana­ly­sen ist: wenn es so ein­fach wä­re, hät­te es die SPD an­ders ge­macht. Der The­se, man hät­te die Zu­wan­de­rungs­ängs­te nicht ernst ge­nug ge­nom­men, steht ja die An­ti­the­se, man hät­te sie zu ernst ge­nom­men, ent­ge­gen. Sie­he SPÖ Bur­gen­land und Hans Pe­ter Do­sko­zil, de­nen man jetzt vor­wirft, sie hät­ten zu viel über Mi­gra­ti­on ge­re­det. Wie lau­tet Ih­re The­se? Das Pro­blem ist ja nicht erst im Wahl­kampf 2017 ent­stan­den, son­dern in der Wahr­neh­mung des Jah­res 2015: dass die SPÖ da­mals je­ne Par­tei war, die die Gren­zen ge­öff­net hat. Was ein Blöd­sinn ist. Wer­ner Fay­mann hat nichts an­de­res als Kri­sen­ma­nage­ment ge­macht. Und er hat­te nicht gera­de vie­le Ent­schei­dungs­al­ter­na­ti­ven. Nur sind wir die­sen Ruf nicht mehr los­ge­wor­den. Die SPÖ hat­te aber auch kei­ne ein­heit­li­che Li­nie in Fra­gen der Mi­gra­ti­ons­po­li­tik. Das, was sub­stan­zi­ell pas­siert ist – vom Frem­den­recht bis zum In­te­gra­ti­ons­jahr – war ei­ne ganz kla­re Li­nie. Nur ha­ben wir als Par­tei kei­ne ein­heit­li­che In­ter­pre­ta­ti­on ge­schafft. Und so ist das Bild ei­ner un­kla­ren Li­nie ent­stan­den, das ein noch bes­se­res Er­geb­nis ver­hin­dert hat. Wie wol­len Sie die un­ter­schied­li­chen Flü­gel in der SPÖ wie­der zu­sam­men­füh­ren? Ge­mein­sa­me Ent­schei­dun­gen müs­sen auch ge­mein­sam ver­tre­ten wer­den. In der Fra­ge der Mi­gra­ti­on hat die EU er­heb­li­che Fort­schrit­te ge­macht. Im Lich­te die­ser Ent­wick­lung ar­bei­ten wir mit dem Ent­wick­lungs­hel­fer Ki­li­an Kleinschmidt an ei­ner Wei­ter­ent­wick­lung un­se­res Kon­zepts. Das wird ein Dis­kus­si­ons­pro­zess, an des­sen En­de wir al­le ein ge­mein­sa­mes Bild ha­ben wer­den. Sind im Wahl­kampf Feh­ler pas­siert? Es ist ziem­lich viel ziem­lich gut ge­lau­fen. Wir konn­ten vie­le Men­schen für un­se­re Sa­che mo­bi­li­sie­ren. Über 5000 neue Mit­glie­der seit mei­nem Amts­an­tritt. Wä­re mehr drin­nen ge­we­sen? Wo­mög­lich. Na­tür­lich wür­den wir jetzt nicht mehr mit ex­ter­nen Kam­pa­gnen­teams zu­sam­men­ar­bei­ten, nicht nur we­gen der ge­fälsch­ten Face­book-Sei­ten. Wahr­schein­lich hat Tal Sil­ber­stein nicht zu uns ge­passt, weil er in vie­len Punk­ten re­strik­ti­ver ist, als es so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei­en für an­ge­mes­sen hal­ten. Wenn wir au­then­tisch blei­ben, ge­win­nen wir, wenn wir uns der Um­fra­gen we­gen ver­bie­gen, über­zeugt das nie­man­den. Und war­um ha­ben Sie ihn dann en­ga­giert? Weil wir in der Par­tei­zen­tra­le über die Jah­re die tech­ni­schen Ka­pa­zi­tä­ten, um ei­nen er­folg­rei­chen Wahl­kampf zu füh­ren, ab­ge­baut ha­ben. Und er ei­ne Viel­zahl po­si­ti­ver Re­fe­ren­zen hat­te, zu­letzt den Wahl­kampf der Ne­os in Wi­en. Sil­ber­stein jetzt zu dä­mo­ni­sie­ren, ist falsch, der war für Da­ten­ana­ly­sen, De­bat­ten­vor­be­rei­tung und Ähn­li­ches en­ga­giert. Si­cher nicht für die bei­den Face­boo­kSei­ten, die 0,2 Pro­zent der Wahl­be­rech­tig­ten er­reicht ha­ben. Was de­fi­ni­tiv ab­seits des Auf­trags pas­siert ist. Wo­mit er uns enorm ge­scha­det hat. Von dem Sie nichts wuss­ten? Na­tür­lich nicht. So ver­blö­det kann man ja nicht sein, den Kanz­ler mit her­un­ter­ge­las­se­ner Ho­se auf der Toi­let­te zu zei­gen – noch da­zu vom ei­ge­nen Wahl­kampf­hel­fer. Es macht mich bis heu­te rat­los, wie man auf so was kom­men kann. Aber die­se Face­book-Ak­ti­vi­tä­ten wa­ren so we­nig ent­schei­dend für den Wahl­aus­gang wie das Dir­ty Cam­pai­gning aus dem ÖVP-Um­feld ge­gen mich. Gab es Mo­men­te, in de­nen Sie Ih­re Rück­kehr in die Po­li­tik be­reut ha­ben? Man­ches war hef­tig. Wenn mei­ne Mut­ter mich auf­ge­löst an­ruft, weil sie glaubt, dass ich ein­ge­sperrt wer­de, nach­dem sie „Ös­ter­reich“durch­ge­blät­tert hat, ist das ei­ne neue Qua­li­tät. Aber wenn du ein Mensch bist, der in sich ruht, wirft es dich nicht aus der Bahn. Dann siehst du das Gan­ze als Zir­kus, in dem Schein­rea­li­tä­ten pro­du­ziert wer­den. Geht das so spur­los an ei­nem vor­über? Ich ha­be To­ny Blair ein­mal ge­fragt, war­um er sich aus­ge­rech­net mit Ge­or­ge W. Bush so gut ver­stan­den hat. Er hat ge­ant­wor­tet: Es war ei­ne Art So­li­da­ri­tät, zu wis­sen, dass man in man­chen Si­tua­tio­nen al­lein steht und Ent­schei­dun­gen tref­fen muss, für die man hin­ter­her be­schimpft wird. Sein Rat war: Lass dich nicht be­ein­dru­cken, schau nach vorn und mach wei­ter. Es war ein gu­ter Rat. Wann und war­um hat die SPÖ den Kon­takt zu ih­rer Kernk­li­en­tel ver­lo­ren? Im eu­ro­päi­schen Ver­gleich ist un­ser Er­geb­nis ein sehr re­spek­ta­bles. Wir ha­ben 103.000 Stim­men da­zu­ge­won­nen – ob­wohl es mit der Flücht­lings­kri­se ei­nen mas­si­ven Rechts­rutsch im po­li­ti­schen Kos­mos ge­ge­ben hat. Wir ha­ben ei­ne Viel­zahl gut ge­bil­de­ter, städ­ti­scher und klein­städ­ti­scher Wäh­ler da­zu­ge­won­nen. Aber das Grund­pro­blem ist evi­dent. Ha­ben Sie ei­ne Er­klä­rung da­für? Das Pro­blem in Ös­ter­reich war, dass al­le so­zia­len Kon­flik­te eth­nisch auf­ge­la­den wur­den. Man hat er­folg­reich ein Feind­bild – die Aus­län­der, die Asy­lan­ten – auf­ge­baut. Egal, ob das die Zu­kunft der Bil­dung, der Pen­sio­nen, des Ge­sund­heits­sys­tems ist, al­le Pro­ble­me wur­den am Asyl­be­rech­tig­ten fest­ge­macht, der Min­dest­si­che­rung be­kommt. Bei al­len zwei­fel­los vor­han­de­nen Pro­ble­men mit der Zu­wan­de­rung: Da wur­de ei­ne rie­si­ge Ne­bel­wand pro­du­ziert, hin­ter der al­les an­de­re ver­schwun­den ist. Ich hal­te das für ge­fähr­lich, weil es un­se­re Ge­sell­schaft spal­ten kann. Und dass sich die ÖVP zu ei­ner rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­tei ent­wi­ckelt, hät­ten ih­re Grün­der­vä­ter auch nicht für mög­lich ge­hal­ten. Wo­hin muss sich die SPÖ ent­wi­ckeln? Wir müs­sen wie­der at­trak­ti­ver, in­tel­lek­tu­ell re­ger, span­nen­der wer­den. So ei­ne Pha­se mit we­ni­ger Re­gie­rungs­prag­ma­tis­mus tut uns vi­el­leicht wirk­lich gut.

Akos Burg

Die letz­ten Wo­chen im Kanz­ler­amt? Chris­ti­an Kern stimmt die SPÖ be­reits auf die Op­po­si­ti­on ein: „Vi­el­leicht tut uns we­ni­ger Re­gie­rungs­prag­ma­tis­mus gut.“

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