Ver­zich­ten könn­te

Die Presse am Sonntag - - Ausland -

Die Zeit der „Wir­ren“. Wenn sich die Re­vo­lu­ti­on schon nicht po­si­tiv deu­ten lässt, so lässt sie sich zu­min­dest um­deu­ten. In der of­fi­zi­el­len Darstel­lung, die 2015 von Kul­tur­mi­nis­ter Wla­di­mir Med­ins­kij an­ge­regt wur­de, spricht man mitt­ler­wei­le von ei­ner län­ge­ren „Zeit der Wir­ren“, wie Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Schmid her­aus­ge­ar­bei­tet hat. So ge­se­hen wur­de die Kon­ti­nui­tät des rus­si­schen Staa­tes mehr­mals in der Ge­schich­te be­droht. Im 17. Jahr­hun­dert beim schwie­ri­gen Über­gang der Ru­rik­iden-Dy­nas­tie zu den Ro­ma­nows, zur Pha­se der Gro­ßen Russ­län­di­schen Re­vo­lu­ti­on, die man nun von 1917 bis 1922 aus­dehnt, und in der in­sta­bi­len Jel­zin-Zeit in den 1990er-Jah­ren. Im­mer folg­te auf die­se Pha­se der Un­si­cher­heit ei­ne staat­li­che Kon­so­li­die­rung, die ein über­ge­ord­ne­tes Ziel – den Er­halt der rus­si­schen Staat­lich­keit, der im­pe­ria­len Macht – ver­folg­te. Nach der Re­vo­lu­ti­on si­cher­te So­wjet­füh­rer Sta­lin das Reich, auf Jel­zin folg­te Pu­tin.

Mit ähn­li­cher Ver­ach­tung wie für Le­nin hat Pu­tin üb­ri­gens über den letz­ten Za­ren, Ni­ko­laus II., ge­spro­chen. „Die größ­ten Ver­bre­cher un­se­rer Ge­schich­te wa­ren je­ne Schwäch­lin­ge, die die Macht ein­fach aus der Hand ga­ben – Ni­ko­laus II. und Mich­ail Gor­bat­schow – und zu­lie­ßen, dass sie von Hys­te­ri­kern und Ver­rück­ten er­grif­fen wur­de“, sag­te er in ei­nem In­ter­view mit „News­week“. Die Ver­ant­wor­tung des Za­ren an der Re­vo­lu­ti­on, als er schon im März 1917 auf den Thron ver­zich­tet hat, be­schäf­tigt noch heu­te rus­si­sche His­to­ri­ker. Ni­ko­laus II. wird auch ak­tu­ell in ei­nem opu­len­ten His­to­ri­en­film des rus­si­schen Re­gis­seurs Ale­xej Utsch­ti­tel als ent­schei­dungs­schwa­cher Herr­scher por­trä­tiert wird – je­doch war es sein Ver­hält­nis mit ei­ner Bal­le­ri­na, das für De­bat­ten sorg­te.

Da die Ära der Re­vo­lu­ti­on kei­ne pas­sen­den Hel­den zu bie­ten hat, sucht das ge­gen­wär­ti­ge Russ­land sie in an­de­ren Epo­chen. Groß­fürst Wla­di­mir, der die Kie­wer Rus im zehn­ten Jahr­hun- dert ins Chris­ten­tum führ­te, setz­te man et­wa im Vor­jahr am Ran­de des Kreml ein rie­si­ges Denk­mal – auch wenn Wla­di­mir nie in Moskau war, wie Schmid an­führt, „weil es die Stadt da­mals noch gar nicht gab“. In der Al­lee der Staats­len­ker. Auch Jo­sif Sta­lin wird seit ge­rau­mer Zeit re­ak­ti­viert, so­dass Ver­ur­tei­lung und Ver­eh­rung in ei­nem ge­wis­sen Span­nungs­ver­hält­nis ste­hen. „In Russ­land scheint ei­ne , chi­ne­si­sche Sprach­re­ge­lung‘ zu herr­schen“, sagt Schmid. „Sta­lin war – wie Mao in der of­fi­zi­el­len Sicht Pe­kings – zu 30 Pro­zent schlecht und zu 70 Pro­zent gut.“Die bru­ta­le Re­pres­si­on wird mit der In­dus­tria­li­sie­rung, dem Sieg über Hit­ler-Deutsch­land und der Ero­be­rung des Kos­mos über­blen­det.

In den letz­ten Jah­ren sind Denk­mä­ler ent­stan­den, die den So­wjet­füh­rer zwar nicht al­lein ver­eh­ren, ihn aber in ei­ne Rei­he gro­ßer Staats­män­ner stel­len. Auf der an­nek­tier­ten Krim wur­de 2015

»Sta­lin war nicht nur schlecht.« Sät­ze wie die­se kann man heu­te wie­der häu­fig hö­ren.

APA

Sie mar­schie­ren für ihr Idol: Kom­mu­nis­ti­sche Ak­ti­vis­ten vor dem Le­nin-Mau­so­le­um auf dem Ro­ten Platz.

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