Die Spu­ren der Re­vo­lu­ti­on in Wi­en

Vor dem Um­sturz in Russ­land war die Do­nau­me­tro­po­le für die Prot­ago­nis­ten ein zen­tra­ler Dreh­punkt. Man konn­te sie bis­wei­len in Kaf­fee­häu­sern an­tref­fen.

Die Presse am Sonntag - - Wien - VON DUY­GU ÖZ­KAN

Die Haupt­stadt der Do­nau­mon­ar­chie war um die Jahr­hun­dert­wen­de ein be­lieb­ter Auf­ent­halts- und Wohn­ort, für Künst­ler, für Schrift­stel­ler, für Re­vo­lu­tio­nä­re, man konn­te sich ver­hält­nis­mä­ßig frei be­we­gen, man konn­te auf Netz­wer­ke und Be­kannt­schaf­ten zu­rück­grei­fen. So ist es nicht un­ge­wöhn­lich, dass sich die spä­te­ren Prot­ago­nis­ten der Rus­si­schen Re­vo­lu­ti­on öf­ters in Wi­en auf­hiel­ten – ob nun auf Durch­rei­se oder als Ort des Exils. Sie ha­ben ih­re Spu­ren hin­ter­las­sen – und ei­ni­ge An­ek­do­ten. Aus­ge­rech­net die bür­ger­li­che „Neue Freie Pres­se“! In ih­re Re­dak­ti­ons­räu­me in der Fich­te­gas­se 10 stürm­ten am 12. No­vem­ber 1918 meh­re­re Auf­stän­di­sche und Mit­glie­der der neu ge­grün­de­ten Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei und mach­ten sich so­gleich die tech­ni­schen Ge­rä­te zu ei­gen. Denn die am sel­ben Tag aus­ge­ru­fe­ne Re­pu­blik Deutsch­ös­ter­reich soll­te den Kom­mu­nis­ten zu­fol­ge zu ei­ner Rä­te­re­pu­blik wer­den, und um das zu ver­kün­den, brauch­te es die Me­di­en. Die ei­ge­ne Pu­bli­ka­ti­on „Weck­ruf“soll­te nach der Be­set­zung hier ent­ste­hen, und in der „Neu­en Frei­en Pres­se“selbst stand am sel­ben Tag in der Aus­ga­be um „6 Uhr nach­mit­tags“zu le­sen: „Die ,Neue Freie Pres­se‘ wird bis auf Wei­te­res un­ter der Kon­trol­le kom­mu­nis­ti­scher Re­dak­teu­re er­schei­nen. Für voll­kom­me­ne Ru­he wird ver­bürgt.“

Nun, die Grün­dung ei­ner Rä­te­re­pu­blik schei­ter­te be­kannt­lich. Die Ge­schich­te der Kom­mu­nis­ten in Ös­ter­reich hat eben­falls kei­ne tief grei­fen­den Spu­ren in der ös­ter­rei­chi­schen Ge­schich­te hin­ter­las­sen, Fakt ist aber: Sie wur­de als die äl­tes­te kom­mu­nis­ti­sche Par­tei in Eu­ro­pa nach Russ­land ge­grün­det. We­ni­ge Ta­ge vor Aus­ru­fung der Re­pu­blik, am 3. No­vem­ber, fan­den sich, be­ein­flusst von der Rus­si­schen Re­vo­lu­ti­on, schät­zungs­wei­se 50 Per­so­nen in den Ei­chen­sä­len in Wi­en Fa­vo­ri­ten (heu­te: Fa­vo­ri­ten­stra­ße 71) ein, um die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Deutsch­ös­ter­reichs zu grün­den. Die neue Par­tei woll­te Auf­räu­men mit dem „po­li­ti­schen Pri­ma­don­nen­we­sen“, wie es im Sit­zungs­pro­to­koll heißt. Man woll­te das, „was die So­zi­al­de­mo­kra­tie in ih­rer Ju­gend woll­te“. Zeit­wei­se stieg die Zahl der Mit­glie­der auf 40.000 an, ins­be­son­de­re mit der Rück­kehr der Front­sol­da­ten aus Russ­land. Aber rich­tig Fuß fas­sen konn­te die Par­tei in der Ar­bei­ter­schaft nicht, zu­mal sie nach den Er­eig­nis­sen am 12. No­vem­ber das Put­schI­mage nicht los­wer­den konn­te. „Er­ho­be­ner Zei­ge­fin­ger“. Aus rus­si­scher Sicht war es ei­ne „sehr ver­früh­te und ent­täu­schen­de Par­tei­grün­dung“, sagt der His­to­ri­ker Han­nes Lei­din­ger. Denn nicht al­le Links­ra­di­ka­len tra­ten der neu­en Par­tei bei, die So­zi­al­de­mo­kra­ten konn­ten die Ar­bei­ter­schaft di­rek­ter und über­zeu­gen­der er­rei­chen. Die Lö­sung des gro­ßen Jän­ner­streiks im Jahr 1918 ha­ben eben­falls die So­zi­al­de­mo­kra­ten in die Hand ge­nom­men, was die Bol­sche­wi­ki sehr ent­täusch­te – denn sie hat­ten sich die Ent­ste­hung ei­ner gro­ßen Re­vo­lu­ti­on wie in Russ­land er­hofft. Ab­ge­se­hen von der Grün­dung der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei war die Ok­to­ber­re­vo­lu­ti­on als wei­te­rer Wen­de­punkt der im Fe­bru­ar be­gon­ne­nen Um­wäl­zun­gen in Russ­land ein viel de­bat­tier­tes The­ma in Ös­ter­reichs Stra­ßen, Zei­tun­gen, Kaf­fee­häu­sern, Par­tei­en und selbst am Hof. „Nach der Fe­bru­ar­re­vo­lu­ti­on kam die Si­gnal­wir­kung“, sagt die His­to­ri­ke­rin Ve­re­na Mo­ritz, „die Selbst­be­stim­mung der Na­tio­na­li­tä­ten, der Acht-St­un­denTag, das Frau­en­wahl­recht und vor al­lem der Frie­den. Da sind al­le mög­li­chen Din­ge aus­ge­spro­chen wor­den, die frü­her nicht mög­lich wa­ren.“

En­de Mai 1917 be­rief Kai­ser Karl I. das Par­la­ment in Wi­en wie­der ein, und die Ab­ge­ord­ne­ten ha­ben, be­ein­flusst von der Fe­bru­ar­re­vo­lu­ti­on, so­zia­le The­men of­fen­siv und an der Zen­sur vor­bei an die Öf­fent­lich­keit ge­bracht. In den Zei­tun­gen hieß es, aus den Er­eig­nis­sen soll­ten die rich­ti­gen Leh­ren Im Caf´e Cen­tral wa­ren sie al­le – auch die Aus­tromar­xis­ten und Leo Trotz­ki. ge­zo­gen wer­den: „Es war ein er­ho­be­ner Zei­ge­fin­ger an die ei­ge­ne Eli­te“, sagt Mo­ritz. Denn ei­nes schien für al­le Be­tei­lig­ten klar: Ös­ter­reich-Un­garn muss­te re­agie­ren, an­dern­falls droh­ten ähn­li­che Zu­stän­de auch hier.

Die Re­vo­lu­tio­nä­re im Os­ten woll­ten Re­for­men und die na­tio­na­le Selbst­stän­dig­keit, bei­des stell­te ei­ne exis­ten­zi­el­le Ge­fahr für die Habs­bur­ger­mon­ar­chie dar. „Man hat­te Angst vor der Re­vo­lu­ti­on“, sagt Lei­din­ger, „so wur­den ein­zel­ne Kom­mis­sio­nen in der So­zi­al- und Er­näh­rungs­ver­sor­gung ein­ge­setzt“. Selbst die So­zi­al­de­mo­kra­ten wa­ren in Gre­mi­en ver­tre­ten, es ent­stan­den ers­te so­zi­al­part­ner­schaft­li­che An­sät­ze. Im drit­ten Welt­kriegs­jahr lau­te­te die wich­tigs­te For­de­rung vie­ler ös­ter­rei­chi­scher Lin­ker: Frie­den. Die Re­vo­lu­tio­nä­re un­ter Le­nin, die Bol­sche­wi­ki, hat­ten die Frie­dens­for­de­rung ganz oben an ih­re Fah­nen ge­hef­tet, das fiel den Lin­ken hier­zu­lan­de po­si­tiv auf, sagt Mo­ritz. „Ler­net Rus­sisch!“, hieß es da et­wa am 1. Mai 1917 in Wi­en. Aber nach­hal­ti­ge und tief grei­fen­de Spu­ren ha­ben die Bol­sche­wi­ki in Ös­ter­reich nicht hin­ter­las­sen, und das hat zu­nächst mit Ot­to Bau­er zu tun.

Sei­ne äu­ßerst Le­nin-kri­ti­sche Aus­rich­tung hat der Doy­en der So­zi­al­de­mo­kra­tie par­tei­in­tern ver­tei­digt. Selbst ein hal­bes Jahr nach der Re­vo­lu­ti­on schick­te Le­nin Geld und Emis­sä­re nach Wi­en, um sich Ein­fluss bei Par­tei­gran­den wie Bau­er zu si­chern. Sie lehn­ten ab. Auch die Sym­bol­fi­gur der Ra­di­ka­len, Fried­rich Ad­ler, woll­ten die Bol­sche­wi­ki für sich ge­win­nen, und selbst er, Sohn des Par­tei­grün­ders und Mör­der des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Karl Stürg­kh, ließ sie ab­blit­zen. „Hier traf Ad­ler ei­ne wahr­schein­lich his­to­ri­sche Ent­schei­dung: Er blieb bei der So­zi­al­de­mo­kra­tie. Er band die links ste­hen­de Rä­te­be­we­gung, die es in Ös­ter­reich sehr wohl gab, an die Par­tei“, sagt Lei­din­ger. Die Spal­tung der Lin­ken, die Ent­ste­hung ei­ner ernst­haf­ten kom­mu­nis­ti­schen Be­we­gung, fand in Ös­ter­reich dem­zu­fol­ge nicht statt (sie­he auch Sei­te 46). Geld­nö­te plag­ten Leo Trotz­ki. Wäh­rend sei­nes Auf­ent­halts in Wi­en, mit Un­ter­bre­chun­gen zwi­schen 1907 und 1914, war der füh­ren­de Re­vo­lu­tio­när stets knapp bei Kas­se. Sei­ne Adres­se muss­te er vor al­lem des­we­gen oft wech­seln – un­ter an­de­rem wohn­te Trotz­ki mit sei­ner Fa­mi­lie in der Rod­ler­gas­se 25 in Dö­bling –, und die Wohn­ver­hält­nis­se wa­ren sehr be­schei­den. In Wi­en wirk­te Trotz­ki als Kor­re­spon­dent für ver­schie­de­ne Zei­tun­gen, er schrieb aber auch für die „Ar­bei­ter-Zei­tung“und gab hier ab 1909 die Pu­bli­ka­ti­on „Praw­da“her­aus (nicht zu ver­wech­seln mit der gleich­na­mi­gen rus­si­schen Ta­ges­zei­tung), die in der Ma­ri­an­nen­gas­se 17, Wi­en Al­ser­grund, ge­druckt wur­de.

Die Lin­de­rung sei­ner Geld­nö­te hat­te Trotz­ki, ge­bo­ren als Lew Bron­stein, sehr oft den So­zi­al­de­mo­kra­ten zu ver­dan­ken. Er schrieb von ei­ner An­ek­do­te be­reits aus dem Jahr 1902, als er sich kurz­zei­tig in Wi­en auf­hielt und mit lee­ren Ta­schen in der Re­dak­ti­on der „Ar­bei­ter-Zei­tung“in der Ma­ria­hil­fer Stra­ße 89a auf­kreuz­te. Dort woll­te er den Kon­takt zu Vic­tor Ad­ler, aber der Chef­re­dak­teur, Fried­rich Aus­ter­litz, wink­te ab. Es war schließ­lich Sonn­tag, und sonn­tags kön­ne man Dok­tor Ad­ler nicht se­hen. Was Trotz­ki auch auf­ge­führt ha­ben mag: Aus­ter­litz gab ihm schließ­lich Ad­lers Adres­se, und Ad­ler Trotz­ki Geld. In Wi­en be­schäf­tig­te

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