Die Schlaf­wand­ler tau­meln in den nächs­ten Krieg

Im Li­ba­non zeich­net sich ein neu­er Stell­ver­tre­ter­krieg zwi­schen Sau­dia­ra­bi­en und dem Iran ab. Eu­ro­pa schläft wie­der ein­mal. Es wird sich dann mit den Fol­gen her­um­zu­schla­gen ha­ben.

Die Presse am Sonntag - - Seit - LEIT­AR­TI­KEL VON CHRIS­TI­AN ULTSCH

Im Na­hen Os­ten braut sich der nächs­te Krieg zu­sam­men. Die Mit­tel­meer­in­sel Zy­pern be­rei­tet sich schon auf ei­ne Flücht­lings­wel­le aus dem nur 290 Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Li­ba­non vor. Der Rest Eu­ro­pas schläft tief und fest – mit Aus­nah­me des fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten Ma­cron, der sich we­nigs­tens zu ei­ner Blitz­vi­si­te in Ri­ad auf­raff­te. Es bahnt sich ein neu­er Stell­ver­tre­ter­krieg zwi­schen Sau­dia­ra­bi­en und dem Iran an. Über ih­re ver­bün­de­ten Mi­li­zen kreu­zen die bei­den Groß­mäch­te der Sun­ni­ten und Schii­ten be­reits in Sy­ri­en und im Je­men die Klin­gen. Nun pflü­gen sie ein alt­be­kann­tes Schlacht­feld um: den Li­ba­non. Und mit­ten­drin im Ge­wim­mel wä­re Is­ra­el.

Der li­ba­ne­si­sche Pre­mier ist aus dem Spiel. Saad Har­i­ri dürf­te sich noch in der sau­di­schen Haupt­stadt Ri­ad auf­hal­ten, wo er neu­lich sei­nen Rück­tritt be­kannt gab. Er wol­le nicht das­sel­be Schick­sal wie sein Va­ter er­lei­den, rich­te­te Li­ba­nons Re­gie­rungs­chef aus. Har­i­ri se­ni­or starb 2005 durch ein At­ten­tat, des­sen Spu­ren zu zwei Schutz­be­foh­le­nen des Iran führ­ten: zu den li­ba­ne­si­schen His­bol­lah-Mi­li­zen und zum As­sad-Re­gime.

Die Zünd­schnü­re sind quer über den Na­hen Os­ten ver­legt. Dies­mal kam der Fun­ke, der die Lun­te in Brand setz­te, aus dem Je­men an­ge­flo­gen. Am Wo­che­n­en­de fing die sau­di­sche Luft­ab­wehr ei­ne Ra­ke­te ab, die von schii­ti­schen Hut­his ab­ge­feu­ert wor­den war. Post­wen­dend ließ Sau­di-Kron­prinz Mo­ham­med bin Sal­man die Kriegs­rhe­to­rik ge­gen die Waf­fen­lie­fe­ran­ten der Hut­his hoch­zün­geln: die His­bol­lah und den Iran. Zau­ber­lehr­ling. Der neue star­ke Mann in Ri­ad hat sein Land vor zwei Jah­ren schon in ein de­sas­trö­ses Mi­li­tär­aben­teu­er im Je­men ge­stürzt. Er scheint da­von be­seelt zu sein, dem Iran die Stirn zu bie­ten, und nur auf ei­nen An­lass für die ul­ti­ma­ti­ve Kon­fron­ta­ti­on zu war­ten. Gleich­zei­tig will der 32-Jäh­ri­ge sein Land um­krem­peln. Elf Prin­zen ließ der Heiß­sporn jüngst ein­sper­ren. Da­vor hat­te er sich in gro­ßer Re­for­mer­ges­te mit dem is­la­mis­ti­schen Esta­blish­ment an­ge­legt. Der Thron­fol­ger will al­les auf ein­mal er­le­di­gen.

Er rüt­telt am Fun­da­ment Sau­di­ara­bi­ens und am Gleich­ge­wicht der Re­gi­on. Soll­te er sich als Zau­ber­lehr­ling er­wei­sen, fliegt ihm bin­nen kür­zes­ter Zeit Sau­dia­ra­bi­en um die Oh­ren und der gan­ze Na­he Os­ten gleich mit.

Wä­ren die Zei­ten nor­ma­ler, ge­bö­ten dem Protz die US-Ver­bün­de­ten Ein­halt. Doch im Wei­ßen Haus sitzt ei­ner, der selbst Kraft­meie­rei­en liebt und gern Öl ins Feu­er gießt. Zur Freu­de der Sau­dis un­ter­gräbt Trump mit al­ler Macht das Atom­ab­kom­men mit dem Iran. Das wird die Zu­rück­hal­tung der Ira­ner nicht för­dern, die ih­ren Ein­fluss in der Re­gi­on seit Jah­ren ei­sen­hart aus­bau­en.

Sta­bil kann der Na­he Os­ten nur wer­den, wenn Sau­dia­ra­bi­en und der Iran auf dem Ver­hand­lungs­tisch ei­nen Aus­gleich fin­den. Der gro­ße Krieg, der sich zwi­schen Schii­ten und Sun­ni­ten ab­zeich­net, schreit nach ei­nem West­fä­li­schen Frie­den, aber nicht erst nach 30 Jah­ren. Die EU wä­re ein idea­ler Ver­mitt­ler. Auch Ös­ter­reich könn­te da­bei ei­ne Rol­le spie­len. Doch lei­der sind zwi­schen Wi­en, Ber­lin und Lon­don wie­der ein­mal al­le mit sich selbst be­schäf­tigt. Eu­ro­pa wird die Fol­gen sei­ner Un­tä­tig­keit bald zu spü­ren be­kom­men. Es wä­re nicht das ers­te Mal.

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