Kös­tin­ger – ge­kom­men, um zu blei­ben

Die neue Na­tio­nal­rats­prä­si­den­tin Eli­sa­beth Kös­tin­ger meint zu Ge­rüch­ten, sie könn­te Mi­nis­te­rin wer­den: Sie wol­le »na­tür­lich« blei­ben, sonst wä­re sie nicht an­ge­tre­ten. Sie rech­net mit ei­nem Ab­schluss der Ko­ali­ti­ons­ge­sprä­che vor Weih­nach­ten.

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON DIET­MAR NEU­WIRTH

Sie ha­ben bei Ih­rer Wahl zur Na­tio­nal­rats­prä­si­den­tin, ob­wohl Sie die ein­zi­ge Kan­di­da­tin wa­ren, ge­ra­de ein­mal zwei Drit­tel der Ab­ge­ord­ne­ten­stim­men er­hal­ten. War die­ses Er­geb­nis ein Schock für Sie? Eli­sa­beth Kös­tin­ger: Nein. Es gab ja die De­bat­te im Par­la­ment da­vor, und es hat auch schon in den letz­ten Ta­gen öf­fent­lich ge­führ­te De­bat­ten ge­ge­ben. Ich bin schon län­ger im po­li­ti­schen Ge­schäft und ken­ne die­se Art der po­li­ti­schen De­bat­te, wie sie in Ös­ter­reich ge­führt wird, lei­der nur zu gut. Aber Sie ha­ben das his­to­risch schlech­tes­te Er­geb­nis bei der Wahl in die­ses Amt durch die Ab­ge­ord­ne­ten er­zielt. Ist das nicht ein ge­hö­ri­ger Miss­trau­ens­vor­schuss? Es war spür­bar, dass es noch ei­ni­ge Wun­den aus dem Wahl­kampf gab. Es ist nicht nur um ei­ne Per­son ge­gan­gen. Ich möch­te, wie ich auch bei mei­ner An­tritts­re­de am Don­ners­tag im Na­tio­nal­rat ge­sagt ha­be, ei­ne Prä­si­den­tin für al­le im Haus sein und mich als Ver­bin­de­rin se­hen. Kar­lheinz Kopf hat, ob­wohl er dies­mal gar nicht zur Wahl an­ge­tre­ten ist, den­noch er­staun­li­che 56 Stim­men er­hal­ten. War es ein Feh­ler, dass ÖVP-Chef Se­bas­ti­an Kurz den bis­he­ri­gen Zwei­ten Na­tio­nal­rats­prä­si­den­ten bei der No­mi­nie­rung über­gan­gen hat? Nein. Ich neh­me das Ab­stim­mungs­er­geb­nis zur Kennt­nis, dann ist es auch schon wie­der vor­bei. Es geht jetzt dar­um, sich an die Ar­beit zu ma­chen. Ich wer­de ei­ne Ein­la­dung aus­spre­chen an al­le Klub­ob­leu­te, um zu se­hen, wo wir den par­la­men­ta­ri­schen Pro­zess ver­bes­sern kön­nen, und wo wir Schnitt­stel­len und Ver­bin­den­des fin­den kön­nen, um in den nächs­ten Jah­ren gut zu ar­bei­ten. Die Le­gis­la­tur­pe­ri­ode wird auch ent­schei­dend sein, was Um­welt-, Kli­ma­und Han­dels­ver­trä­ge be­trifft, die auf eu­ro­päi­scher Eben be­schlos­sen wur­den. Da wer­den wir für die Zu­kunft sehr weit­rei­chen­de Ent­schei­dun­gen zu tref­fen ha­ben. Hät­te man ei­ne der­ar­ti­ge Ein­la­dung an die Klub­chefs nicht schon aus­spre­chen kön­nen, be­vor man sich für die Wahl be­wirbt? Wir ha­ben uns an die Usan­cen des Hau­ses ge­hal­ten. Ich hat­te ei­ne Ein­la­dung von den Ne­os, von den an­de­ren Frak­tio­nen nicht. Nach­dem ein No­ta­ri­ats­akt ge­for­dert wur­de (dass sie nicht Mi­nis­te­rin wird; Anm. d. Red.), ha­be ich das eher als ei­ne po­li­ti­sche Show emp­fun­den als ei­ne ernst­haf­te Aus­ein­an­der­set­zung mit mir als Per­son. Was be­fä­higt Sie ei­gent­lich, im Prä­si­di­um des Na­tio­nal­rats ei­nen bes­se­ren Job als Kar­lheinz Kopf zu ma­chen? Es geht nicht um bes­ser oder schlech­ter. Ich brin­ge eu­ro­päi­sche Er­fah­rung mit. Ei­nes un­se­rer Her­zens­an­lie­gen als neue Volks­par­tei ist ei­ne pro­eu­ro­päi­sche Aus­rich­tung. Ös­ter­reich wird 2018 die EU-Rats­prä­si­dent­schaft in­ne­ha­ben. Das Zwei­te ist: Wir ste­hen für ei­ne neue Art der po­li­ti­schen Kul­tur und der po­li­ti­schen De­bat­te. Auch das ha­be ich be­wie­sen, dass das für mich im Vor­der­grund steht. Ich bin es ge­wohnt, bei un­ter­schied­lichs­ten In­ter­es­sen­la­gen Kom­pro­mis­se zu fin­den. Ist es ein Zei­chen die­ser von Ih­nen ge­nann­ten neu­en po­li­ti­schen Kul­tur, wenn als Re­tour­kut­sche für Ihr Er­geb­nis die SPÖKan­di­da­tin Do­ris Bu­res bei der Wahl zur Zwei­ten Na­tio­nal­rats­prä­si­den­tin plötz­lich ein ähn­lich schlech­tes Er­geb­nis ein­fährt wie Sie? Ich glau­be zu wis­sen, dass sehr, sehr vie­le in un­se­rem Par­la­ments­klub Do­ris Bu­res ge­wählt ha­ben. Das Er­geb­nis war der De­bat­te da­vor ge­schul­det. Das ist genau je­ne Art, die die Men­schen satt ha­ben, und die mit ein Grund war, war­um die letz­te Re­gie­rung nicht mehr zu­sam­men­ar­bei­ten konn­te. Wer ist dann für das Er­geb­nis von Do­ris Bu­res ver­ant­wort­lich? Die FPÖ?

Eli­sa­beth Kös­tin­ger

wur­de 1978 in Wolfs­berg (Kärn­ten) ge­bo­ren. Sie stu­dier­te Po­li­tik­wis­sen­schaf­ten und Pu­bli­zis­tik, brach das Stu­di­um aber zu­guns­ten der po­li­ti­schen Kar­rie­re ab.

Die Bau­ern­toch­ter

en­ga­gier­te sich in der Land­ju­gend, 2007 bis 2012 war sie Ob­frau der Bau­ern­bund Ju­gend. 2009 ge­lang ihr der Ein­zug ins Eu­ro­pa­par­la­ment.

In der Par­tei

üb­te Kös­tin­ger eben­falls hoch­ran­gi­ge Funk­tio­nen aus. Sie war ei­ne der Stell­ver­tre­te­rin­nen von Par­tei­chef Rein­hold Mit­ter­leh­ner.

Se­bas­ti­an Kurz,

zu des­sen engs­tem Kreis sie zählt, hol­te Kös­tin­ger im Mai als Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin in die Par­tei­zen­tra­le. Seit ver­gan­ge­ner Wo­che ist sie ers­te Na­tio­nal­rats­prä­si­den­tin. Die FPÖ hat über­haupt nichts da­mit zu tun ge­habt. Es wird ein sehr, sehr har­ter und stei­ni­ger Weg, ei­ne neue De­bat­ten­kul­tur auf­zu­prä­gen. Und un­ter ei­nem neu­en Par­tei­ob­mann, der ja auch ei­nen neu­en po­li­ti­schen Stil ver­spro­chen hat, fällt man in der ers­ten Na­tio­nal­rats­sit­zung bei der ers­ten Ge­le­gen­heit in ur­al­te Mus­ter zu­rück. Se­bas­ti­an Kurz und un­se­re wei­te­ren Red­ner ha­ben sich dem neu­en Stil auch ver­pflich­tet ge­fühlt. Aber ich spre­che ja das Wahl­ver­hal­ten ge­gen­über Do­ris Bu­res an. Auch die­ses Er­geb­nis ist zu re­spek­tie­ren. Ich hei­ße das aber auch nicht gut. Zu­rück zur von Ih­nen be­reits an­ge­spro­che­nen EU-Rats­prä­si­dent­schaft Ös­ter­reichs: Ich neh­me an, da wer­den Sie noch Na­tio­nal­rats­prä­si­den­tin sein. Ich ge­he da­von aus, ja. Zu­letzt ha­ben Sie of­fen ge­las­sen, ob Sie al­len­falls Mi­nis­te­rin in ei­ner neu­en Re­gie­rung wer­den könn­ten. Ich ha­be ge­sagt: Ich be­tei­li­ge mich nicht an Spe­ku­la­tio­nen. Die­se Art von Spe­ku­la­tio­nen bringt nie­man­den wei­ter. Die ers­te Per­so­nal­ent­schei­dung, die nach der Wahl zu tref­fen war, war die Be­set­zung des Na­tio­nal­rats­prä­si­den­ten. Da ist die Wahl aus meh­re­ren Grün­den auf mich ge­fal­len. Sie könn­ten ja ein­fach sa­gen: Lasst mich in Ru­he, ich bin die ge­wähl­te neue Na­tio­nal­rats­prä­si­den­tin, und ich möch­te das auch blei­ben. Das sa­ge ich ja auch. Ich un­ter­zeich­ne aber kei­ne ei­des­statt­li­chen Er­klä­run­gen. Die­se De­bat­te wird mas­siv ge­steu­ert. Ich weiß nicht, ob das wirk­lich für die Zu­kunft ziel­füh­rend ist. Ich bin Na­tio­nal­rats­prä­si­den­tin. Und das wol­len Sie auch blei­ben? Das ist ei­ne der eh­ren­volls­ten Auf­ga­ben, die man in die­ser Re­pu­blik ha­ben kann. Und Sie wol­len auch Na­tio­nal­rats­prä­si­den­tin blei­ben. Na­tür­lich, sonst hät­te ich mich nicht zur Wahl ge­stellt. Se­bas­ti­an Kurz hat nach der Na­tio­nal­rats­wahl re­la­tiv flott Son­die­rungs­ge­sprä­che mit den an­de­ren Par­tei­en ge­führt und sich dann für Ko­ali­ti­ons­ge­sprä­che mit der FPÖ ent­schie­den. Jetzt scheint das Tem­po ver­rin­gert. Ist tat­säch­lich noch vor Weih­nach­ten mit ei­ner neu­en Re­gie­rung zu rech­nen? Wir ha­ben uns den Zeit­plan ge­setzt, noch heu­er fer­tig zu wer­den. Und da be­fin­den sich die Ver­hand­lun­gen auf gu­tem Weg? Ja. Das Er­geb­nis der Na­tio­nal­rats­wahl kann als Auf­trag für Ve­rän­de­rung ge­le­sen wer­den. Die Fra­ge ist nur: Wel­che Ve­rän­de­rung? Wo se­hen Sie als ei­ne der Chef­ver­hand­le­rin­nen ei­ner neu­en Ko­ali­ti­on den größ­ten Ve­rän­de­rungs­be­darf in Ös­ter­reich? Der Wunsch nach steu­er­li­cher Ent­las­tung ist groß. Was wir auch im­mer wie­der hö­ren: Es soll­te Ver­ein­fa­chun­gen ge­ben, was die Bü­ro­kra­tie be­trifft, für Bür­ger und für Un­ter­neh­men. Das Drit­te ist das The­ma Si­cher­heit. Ihr mög­li­cher Ko­ali­ti­ons­part­ner FPÖ drängt auch auf Ve­rän­de­run­gen der Kam­mern und ein En­de der Pflicht­mit­glied­schaft. Kön­nen Se sich das vor­stel­len? Der de­si­gnier­te Wirt­schafts­kam­mer­prä­si­dent Mah­rer hat ei­ne Re­form der Kam­mer an­ge­kün­digt. Die Ar­bei­ter­kam­mer ist ein­ge­la­den, dem Bei­spiel zu fol­gen. Im Vor­der­grund muss die Ser­vice­ori­en­tiert­heit ste­hen. Braucht es da­für die Pflicht­mit­glied­schaft? Für uns ist sehr klar, dass man im Zu­ge ei­ner Re­form auch über die Hö­he der Bei­trä­ge dis­ku­tiert. Ob sich das Sys­tem be­währt hat, wird man in den Ver­hand­lun­gen be­spre­chen. Ist die Pflicht­mit­glied­schaft ei­ne ro­te Li­nie? Wir ver­han­deln das nicht über die Me­di­en. Soll­ten die Ös­ter­rei­cher bei­spiels­wei­se in ei­ner Volks­be­fra­gung über die Pflicht­mit- glied­schaft zu den Kam­mern ent­schei­den, wie das die FPÖ zu­min­dest frü­her ver­langt hat? Wir wer­den all die­se Din­ge in den Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen dis­ku­tie­ren und auch zu ei­nem Er­geb­nis kom­men. Ist für Sie vor­stell­bar, dass wäh­rend der EU-Prä­si­dent­schaft ein FPÖ-Po­li­ti­ker als Au­ßen­mi­nis­ter im Amt ist? Dass wir uns zu ei­nem kla­ren eu­ro­pa­po­li­ti­schen Kurs ver­stän­digt ha­ben, ist über­all hör- und spür­bar. Pos­ten und Res­sorts sind der­zeit noch nicht Ge­gen­stand der Ver­hand­lun­gen. Zu­erst kom­men die In­hal­te. Ge­ra­de bei der größ­ten Ve­rän­de­rung für die Eu­ro­päi­sche Uni­on seit de­ren Grün­dung, dem Br­ex­it, könn­te auch das ös­ter­rei­chi­sche Par­la­ment un­ter­stüt­zend und ver­mit­telnd ei­ne Brü­cken­funk­ti­on wahr­neh­men. Ist es da hilf­reich, wenn die FPÖ im Eu­ro­pa­par­la­ment ei­ner Frak­ti­on mit de­zi­dier­ten EUGeg­nern an­ge­hört? In ei­nem Ko­ali­ti­ons­ver­trag muss die Li­nie, zu der man sich ver­pflich­tet fühlt, nie­der­ge­schrie­ben wer­den. Die­ser Ver­ant­wor­tung ist sich auch die FPÖ be­wusst. Die Fra­ge war, ob es hilf­reich ist, wenn die FPÖ ei­ner Frak­ti­on an­ge­hört, in der Ma­ri­ne Le Pen die Zer­schla­gung der EU an­strebt. Man kann sich auch wei­ter­ent­wi­ckeln. Wen mei­nen Sie? Le Pen oder die FPÖ? Auch Le Pen, zum Teil. Ha­ben Sie Ver­ständ­nis für Be­den­ken, die, wie man hört, Bun­des­prä­si­dent Alex­an­der Van der Bel­len ha­ben soll, die aber auch in der ÖVP ge­gen FPÖ-Po­li­ti­ker als In­nen- und Au­ßen­mi­nis­ter ge­äu­ßert wer­den? Man darf das nicht an ei­ner Par­tei fest­ma­chen, weil die ja auch de­mo­kra­tisch ge­wählt ist, son­dern ma­xi­mal an Per­so­nen. Dass wir als neue Volks­par­tei die bes­ten Köp­fe in ei­ne Re­gie­rungs­mann­schaft schi­cken wer­den, ist klar. Das er­war­ten wir uns auch von der FPÖ. Im End­ef­fekt müs­sen das wirk­lich in­te­gre und kom­pe­ten­te Per­so­nen sein, die in Äm­ter kom­men.

Cle­mens Fa­b­ry

Na­tio­nal­rats­prä­si­den­tin Eli­sa­beth Kös­tin­ger (ÖVP), mit 38 Jah­ren bis­her jüngs­te Amts­in­ha­be­rin, im Aus­weich­quar­tier des Par­la­ments in der Hof­burg.

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