Mon­tes­quieus und Pilz’ Er­be

Al­f­red Noll, Rechts­an­walt und Schrift­stel­ler, ist die wohl schil­lernds­te Fi­gur der Lis­te Pilz. Der um­trie­bi­ge In­tel­lek­tu­el­le muss die Par­tei nun neu er­fin­den. Im­mer­hin hat er sie auch schon mit­er­fun­den.

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON OLI­VER PINK

Es scheint ihm zu ge­fal­len. Ein Scherz hier, ein Bon­mot da. Small Talk mit Kanz­ler Chris­ti­an Kern, mit FPÖ-Ob­mann Heinz-Chris­ti­an Stra­che, mit Neo­sChef Mat­thi­as Strolz, mit ÖVP-Ab­ge­ord­ne­tem Mar­tin En­gel­berg, wie er neu im Par­la­ment. Kurz zu­vor hat Al­f­red Noll an die­sem Don­ners­tag­vor­mit­tag, als er erst­mals das Plenum be­trat, nach sei­nem Platz im Na­tio­nal­rat ge­sucht. Er fand ihn hin­ten in der letz­ten Rei­he.

Al­f­red Noll – oder Al­f­red J. Noll, wie er sich selbst nennt – kennt hier vie­le. Und vie­le ken­nen ihn. Ob­wohl es sein ers­ter Tag im Ho­hen Haus ist. Noll ist nicht nur ein be­kann­ter An­walt, son­dern ei­ner der nam­haf­ten In­tel­lek­tu­el­len die­ses Lan­des. So­eben hat er ein 1200-Sei­ten-Buch über den fran­zö­si­schen Auf­klä­rer und Staats­recht­ler Charles de Mon­tes­quieu fer­tig­ge­stellt, zu­vor Mo­no­gra­fi­en und rechts­phi­lo­so­phi­sche Schrif­ten ver­fasst. Er malt, hält Vor­trä­ge, mischt sich in De­bat­ten ein. So führ­te er im Vor­jahr den ju­ris­tisch­pu­bli­zis­ti­schen Feld­zug ge­gen den Ver­fas­sungs­ge­richts­hof we­gen der Auf­he­bung der Prä­si­dent­schafts­wahl an.

Pe­ter Kol­ba ist nun zwar der in­te­ri­mis­ti­sche Klub­chef der Lis­te Pilz – wo­bei er das mehr auf Bit­ten sei­ner Kol­le­gen hin über­nahm –, Al­f­red Noll aber ist nach dem Man­dats­ver­zicht von Pe­ter Pilz die tra­gen­de Fi­gur der Par­tei. Oh­ne ihn gä­be es die­se viel­leicht gar nicht. Es war Al­f­red Noll, sein lang­jäh­ri­ger An­walt und Freund, der Pe­ter Pilz zu die­sem Aben­teu­er über­re­det und aus ei­ge­ner Ta­sche 100.000 Eu­ro in das Pro­jekt in­ves­tiert hat.

Schon län­ger, so heißt es, ha­be sich Noll mit dem Ge­dan­ken ge­tra­gen, ei­ne ei­ge­ne lin­ke Par­tei zu grün­den. Wo­bei er – wenn man das klas­si­sche Links­rechts-Ras­ter als Maß­stab nimmt – beim Kom­plex Mi­gra­ti­on und Is­lam eher rechts zu ver­or­ten ist.

Al­f­red Noll wird das ver­mut­lich an­ders se­hen. Er sieht sich als Ver­fech­ter der Auf­klä­rung. Und ist da­her an sich kein gro­ßer Freund der Re­li­gio­nen. Das gilt ins­be­son­de­re auch für den Is­lam, ei­ne Re­li­gi­on, die bis­her kei­ne Pha­se der Auf­klä­rung kann­te. Die Zu­nah­me der Mus­li­me in Ös­ter­reich stel­le auch ein „Kul­tur­pro­blem“dar, dem man sich „krea­tiv stel­len muss“, sag­te Noll im Wahl­kampf. Er ist auch für ein Bur­ka­ver­bot. Das ak­tu­el­le Ge­setz, aus­ge­dehnt auf al­le mög­li­chen Ge­sichts­ver­hül­lun­gen, hält er al­ler­dings ju­ris­tisch für Hum­bug. Das As­set ei­nes An­walts. Sei­ne rhe­to­ri­sche Stär­ke, ge­speist aus sei­ner lang­jäh­ri­gen Er­fah­rung als An­walt, spiel­te Noll ver­gan­ge­nen Sonn­tag in der ORFDis­kus­si­ons­sen­dung „Im Zen­trum“aus. Als Ver­tre­ter der Lis­te Pilz ei­gent­lich der An­ge­klag­te, dreh­te er den Spieß um und dräng­te sei­ner­seits Al­bert St­ein­hau­ser von den Grü­nen ins Eck, so dass sich die­ser nicht mehr an­ders zu hel­fen wuss­te, als em­pört die Laut­stär­ke auf­zu­dre­hen. Noll do­mi­nier­te die De­bat­te, freund­lich im Ton, an­grif­fig in der Sa­che. Nur die paar Kraft­aus­drü­cke, die er ein­streu­te, pass­ten nicht so ganz zum Bild des Trä­gers des Staats­prei­ses für Kul­tur­pu­bli­zis­tik.

Der Sohn ei­ner Al­lein­er­zie­he­rin, aus be­schei­de­nen Ver­hält­nis­sen stam­mend, ist nicht nur be­rühmt, son­dern auch reich ge­wor­den. Der ge­bür­ti­ge Salz­bur­ger war ei­ner der ers­ten An­wäl­te, der sich für die Re­sti­tu­ti­on von Gü­tern – vor al­lem Kunst­wer­ken – von vom NS-Re­gime Ver­trie­be­nen und Ent­eig­ne­ten ein­setz­te. Das brach­te ihm nicht nur ein Ver­mö­gen und An­er­ken­nung ein, son­dern auch Vor­wür­fe. Die Is­rae­li­ti­sche Kul­tus­ge­mein­de rich­te­te ei­ne Dis­zi­pli­nar­an­zei­ge an die Rechts­an­walts­kam­mer, wor­über „Der Stan­dard“im Sep­tem­ber be­rich­te­te: Noll wird da­rin ei­ne ver­bo­te­ne Dop­pel­ver­tre­tung vor­ge­wor­fen – er ha­be die IKG ver­tre­ten und ei­ne Er­bin, die von der IKG ge­klagt wor­den war. Und Noll ha­be von zu­min­dest ei­ner Kli­en­tin ein pro­zen­tua­les Er­folgs­ho­no­rar („quo­ta li­tis“) ver­langt. Das ist zwar in den USA er­laubt, bei uns aber ver­bo­ten. Noll woll­te sich da­zu nicht kon­kret äu­ßern, nur so viel: Das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren der Rechts­an­walts­kam­mer sei ein­ge­stellt.

Und wie geht es nun mit ihm und der Lis­te Pilz wei­ter? Er be­fin­de sich ge­ra­de „im Zu­stand ver­dich­te­ter Am­bi­va­lenz“, sagt Noll, ganz In­tel­lek­tu­el­ler. Soll in et­wa hei­ßen: Nix ist fix. Mit Pe­ter Pilz ver­lie­re man den An­füh­rer, ei­nen, der auf­grund sei­ner Er­fah­rung als Par­la­men­ta­ri­er nicht zu er­set­zen sei. Al­so müs­se man sich nun neu auf­stel­len, ge­wis­ser­ma­ßen neu er­fin­den. Alt und neu. Es ist da­von aus­zu­ge­hen, dass Al­f­red Noll der­je­ni­ge sein wird, der das fe­der­füh­rend vor­an­trei­ben wird. Er selbst meint, für die Lis­te Pilz gel­te Ähn­li­ches wie für das po­li­ti­sche Sys­tem in Ös­ter­reich ins­ge­samt – näm­lich das, was auch im Zeit­al­ter des Ba­ron de Mon­tes­quieu ge­gol­ten hat: „Das Al­te ist noch nicht weg, das Neue ist noch nicht da.“

Sei­ne Tä­tig­keit als An­walt für Re­sti­tu­ti­on brach­te ihm auch Vor­wür­fe ein.

Mich`ele Pau­ty

Am ers­ten Tag schon wie der Fisch im Was­ser: jo­via­ler Small Talk von Kern bis Stra­che. Al­f­red Noll wur­de am Don­ners­tag als Ab­ge­ord­ne­ter der Lis­te Pilz im Na­tio­nal­rat an­ge­lobt.

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