SER­GEJ KA­RA­GA­NOW

Die Presse am Sonntag - - Ausland -

Un­se­re Grund­wer­te sind Sou­ve­rä­ni­tät und Si­cher­heit. Und al­les an­de­re ist Un­sinn? Nein, aber se­kun­där. Men­schen­rech­te – ja, ein we­nig da­von hät­ten wir gern. Dann Ehe und Fa­mi­lie – hier sind wir tra­di­tio­nel­ler und christ­li­cher, weil uns die­se christ­li­chen Prä­gun­gen im Kom­mu­nis­mus ver­wehrt wa­ren. De­mo­kra­ti­sche Wer­te sind al­so se­kun­där? Ab­so­lut. De­mo­kra­tie ist ei­ne von meh­re­ren Herr­schafts­for­men. Sie kommt und geht. In der jet­zi­gen Etap­pe hat ei­ne Form der De­mo­kra­tie ge­siegt. Das war gut und an­ge­nehm für die Leu­te, die in die­sen Län­dern leb­ten. Sie wur­de un­ter an­de­rem auf der mi­li­tä­ri­schen Vor­herr­schaft des Wes­tens ge­baut, auf der Fä­hig­keit, völ­lig ge­schützt zu sein, und auf ei­ner sehr vor­teil­haf­ten wirt­schaft­li­chen Ba­sis. Und jetzt bin ich nicht si­cher, ob ihr in der of­fe­nen Kon­kur­renz die mo­der­ne De­mo­kra­tie be­wah­ren könnt. Ich den­ke nein, ob­wohl ich nicht glau­be, dass ihr zu ei­nem au­to­ri­tä­ren oder halb­fa­schis­ti­schen Re­gime über­geht. Nur, die Ten­denz ist da. Wir ver­ste­hen nicht al­les an Russ­lands Au­ßen­po­li­tik. Was ver­steht denn Russ­land am Wes­ten nicht? Wir ver­ste­hen al­les. Uns tun un­se­re eu­ro­päi­schen Brü­der leid. Sie hat­ten es gut, und jetzt wer­den sie es nicht so gut ha­ben: in­ne­re Span­nun­gen in Eu­ro­pa, die Nie­der­la­ge der USA, ver­stärk­te Kon­kur­renz, der Auf­stieg Chi­nas, Fi­nanz­kri­se und ih­re Fol­gen. So be­kommt das EU-Pro­jekt, das Bes­te, was die Mensch­heit ge­schaf­fen hat, Ris­se. Und da braucht es ei­nen äu­ße­ren Feind, den jetzt eben Russ­land ab­gibt. In wel­chen Punk­ten und auf wel­chen Ebe­nen könn­te man sich tref­fen? Man muss ru­hig mit­ein­an­der zu re­den be­gin­nen und mit bö­sen Be­schimp­fun­gen auf­hö­ren. Die Me­di­en, die Po­li­ti­ker – und zwar bei­der­seits. Wir Rus- sen sind kei­ne En­gel. Und wenn man un­ser Fern­se­hen be­trach­tet, ist es tat­säch­lich oft lä­cher­lich und dumm. Wenn man eu­res an­sieht, al­ler­dings auch. Zwei­tens muss man ei­ne neue Far­ce der mi­li­tä­ri­schen Kon­fron­ta­ti­on ver­mei­den, die von den Po­len und Bal­ten pro­pa­giert wird – und von den USA, die kein fried­li­ches, ein­heit­li­ches Eu­ro­pa brau­chen kön­nen. Das war’s? Nein, kul­tu­rel­le, mensch­li­che Kon­tak­te – und öko­no­mi­sche. Ja, und all­mäh­lich über ei­ne ge­mein­sa­me Stra­te­gie nach­den­ken. Es wird auf ir­gend­ei­ne Wei­se um die Schaf­fung ei­nes ge­mein­sa­men Rau­mes der Ko­ope­ra­ti­on, Ent­wick­lung und Si­cher­heit im gro­ßen Eu­ra­si­en ge­hen – ge­mein­sam mit Chi­na. Was könn­te Russ­land an­bie­ten? Im Scherz wür­de ich sa­gen, wir sind ge­schei­ter und stär­ker. Russ­land wird auf Jahr­zehn­te si­cher zum Haupt­lie­fe­ran­ten von Si­cher­heit in Eu­ra­si­en und Eu­ro­pa wer­den. Mit dem Ab­zug Ame­ri­kas auch in Nah­ost. Wir hof­fen, ge­mein­sam mit Eu­ro­pa, und si­cher in ge­wis­sem Aus­maß mit Chi­na und In­di­en. Noch vor Jah­res­be­ginn war Russ­land eu­pho­risch we­gen Do­nald Trump . . . . . . In Eu­pho­rie wa­ren Lai­en, die kei­ne Ah­nung ha­ben. Pu­tin hat sich po­si­tiv über ihn ge­äu­ßert. Zu Recht. Er hat ge­sagt, Trump ist ei­ne schil­lern­de Per­son. Mehr nicht. Wir hat­ten ei­ne ge­wis­se Hoff­nung, dass er ver­nünf­ti­ger ist, da Hil­la­ry Cl­in­ton ka­ta­stro­phal für die Welt ge­we­sen wä­re. Un­se­re Hoff­nung hat sich nicht er­füllt. Was sind die Über­schnei­dungs­punk­te mit Ame­ri­ka, auf de­nen man auf­bau­en könn­te? Ich se­he sie bis­lang nicht. Die Mi­li­tärs müss­ten mit­ein­an­der re­den, um ganz ein­fach Zu­sam­men­stö­ße zu ver­mei­den. Es gibt neue Ar­ten von Waf­fen, die wir nicht ken­nen und nicht kon­trol­lie­ren kön­nen. Nie­mand weiß so recht, was vor sich geht, weil sich al­les auf al­len Ebe­nen so schnell än­dert. „Übel“nann­ten Sie das Ver­hält­nis zwi­schen Russ­land und dem Wes­ten. Mit wel­cher Zeit ist es noch am ehes­ten ver­gleich­bar? Ich bin gar nicht si­cher, ob es zur Früh­zeit des Kal­ten Krie­ges so schlimm war. Be­steht Kriegs­ge­fahr? Die Atom­waf­fen ret­ten uns bis­lang da­vor, dass wir in ei­nen gro­ßen Krieg oder ei­ne Se­rie von Krie­gen ab­glei­ten. Aber auch die Si­tua­ti­on mit den Atom­waf­fen ist weit­aus schlim­mer als vor 20 bis 40 Jah­ren. Wie dann Schlim­me­res ab­wen­den? Die Ge­sprächs­ka­nä­le funk­tio­nie­ren nicht. Statt­des­sen fin­den ge­gen­sei­tig dum­me Ver­ur­tei­lun­gen statt. Wir brau­chen mit der Na­to nicht po­li­ti­sche Ge­sprä­che, son­dern Mi­li­tärs und Tech­ni­ker müs­sen sich ver­stän­di­gen. Spä­ter kön­nen mei­net­we­gen Be­din­gun­gen für ei­ne po­li­ti­sche Ar­beit rei­fen. Kurz zum post­so­wje­ti­schen Raum: Vie­le Rei­bun­gen fin­den statt, weil die ein­zel­nen Län­der eben auch ei­ge­ne We­ge ge­hen wol­len. War­um ist es für Russ­land so schwer, sie in ih­re Frei­heit zu ent­las­sen? Es gibt ei­ne ge­wis­se Nost­al­gie, aber sie ist schon sehr schwach. Die wirt­schaft­li­chen, po­li­ti­schen und so­gar Si­cher­heits­in­ter­es­sen ste­hen mit­ein­an­der im Wett­be­werb. Es ist lä­cher­lich und dumm zu glau­ben, dass je­mand von uns die zen­tral­asia­ti­schen Län­der zu­rück­ho­len will, für die das Rus­si­sche Reich gi­gan­ti­sche Sum­men ge­zahlt hat. Aber wir wer­den sie ver­tei­di­gen, wenn der Ra­di­ka­lis­mus der ara­bi­schen Welt auf sie über­schwappt und uns be­droht. Heißt, wenn die­se Län­der um Hil­fe ru­fen? Wo sol­len sie denn im Fal­le des Fal­les sonst hin? Und mit der Ukrai­ne ist es schwie­ri­ger? Ei­ne völ­lig an­de­re Si­tua­ti­on. Un­ser Eh­ren­vor­sit­zen­der des Ra­tes für Au­ßen­po­li­tik

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