Au­to­drom, Sli­mey und Punsch

Kom­men­de Wo­che öff­nen wie­der die Ad­vent­märk­te, man­che mit Pro­gramm­punk­ten, die nicht sehr weih­nacht­lich schei­nen. Da­bei wol­len die Be­su­cher vor al­lem ei­nes: Punsch.

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON MIR­JAM MARITS

Das Flair soll­te ein be­son­de­res sein, die Ku­lis­se ei­ne hüb­sche, die Mu­sik weih­nacht­lich (aber bit­te nicht Last Christ­mas!). Und na­tür­lich muss es Punsch ge­ben, den man in der Käl­te trinkt und da­bei auf die Stän­de mit den Schaf­milch-Sei­fen und Bie­nen­wachsKer­zen schau­en kann.

Die­se Gr­und­aus­stat­tung ei­nes je­den Weih­nachts­markts ist aber längst nicht mehr al­les. Bei Wei­tem nicht. Land­auf, land­ab ha­ben vie­le Weih­nachts­märk­te auf­ge­rüs­tet und bie­ten mitt­ler­wei­le un­über­schau­bar viel Rund­her­um-Be­gleit­pro­gramm.

Ne­ben vie­len net­ten Ide­en ist da­bei ei­ne Ent­wick­lung zu be­ob­ach­ten, die durch­aus nach­denk­lich stim­men darf: Denn vie­le Pro­gramm­punk­te ha­ben mit Weih­nach­ten we­nig bis gar nichts mehr zu tun. Au­to­drom-Fah­ren hier, Fecht­vor­füh­run­gen dort. Beim Christ­kindl­markt auf dem Rat­haus­platz, dem größ­ten und bun­tes­ten der Stadt, kön­nen Kin­der ne­ben ein­schlä­gig-weih­nacht­li­chen Din­gen heu­er an ei­ner For­schungs­sta­ti­on un­ter an­de­rem glit­schi­gen Schleim her­stel­len, der hier als „Weih­nachts-Sli­mey“da­her­kommt. Macht si­cher Spaß, be­sinn­lich aber eher nicht. Auch das heu­er neue Han­dy­spiel, bei dem man vir­tu­el­le Ge­schenk­pa­ckerl auf dem Markt su­chen muss, wird Weih­nachts­markt-Pu­ris­ten nicht ganz ins Kon­zept pas­sen. Da man die vir­tu­ell ge­sam­mel­ten Pa­ckerl aber ge­gen rea­le Ge­schen­ke für be­dürf­ti­ge Kin­der ein­tau­schen kann, wird das Spiel im­mer­hin dem gu­ten Zweck ge­recht. (Für sel­bi­gen trinkt man ja gern auch den ei­nen oder an­de­ren Punsch an ei­nem der ka­ri­ta­ti­ven Stän­de.)

Auf dem Markt am Karls­platz, ei­nem der stim­migs­ten der Stadt, gibt es heu­er Work­shops für Kin­der zum The­ma Kli­ma­wan­del. Ei­ne löb­li­che In- itia­ti­ve, zwei­fel­los, aber wie viel hat das mit Weih­nach­ten zu tun?

Ro­bert Murau­er, Ge­schäfts­füh­rer bei Ci­ma Be­ra­tung und Ma­nage­ment, nennt die Ent­wick­lung kri­tisch „Auf­mu­ni­tio­nie­ren. Die­ser Er­leb­nis-Over­kill auf vie­len Weih­nachts­märk­ten ent­fernt sich vom ei­gent­li­chen Weih­nachts­ge­dan­ken im­mer wei­ter“, sagt er. „An vie­len Stand­or­ten geht das schon in Rich­tung Jahr­markt­t­ru­bel.“Auch Alex­an­der Hengl, Spre­cher des Wie­ner Markt­amts, das die Weih­nachts­märk­te be­wil­ligt und kon­trol­liert, be­ob­ach­tet das im­mer brei­ter wer­den­de An­ge­bot. „Da wer­den Un­sum­men in­ves­tiert“, sagt er. Vor vie­len Jah­ren hat das Markt­amt selbst den Christ­kindl­markt vor dem Rat­haus or­ga­ni­siert. „So wie das heu­te auf­ge­zo­gen ist, wür­den wir das gar nicht mehr schaf­fen.“

Hin­zu kommt, dass es ne­ben den gro­ßen Märk­te ei­ne Viel­zahl an Ver­an­stal­tun­gen gibt, die sich zwar „Weih­nachts­markt“nen­nen, die­ser Idee aber nicht im­mer sehr na­he­kom­men. Da gibt es Ver­kaufs-Events für Kin­der­bet­ten oder auch ei­nen Hun­de­weih­nachts­markt, bei dem es un­ter an­de­rem Vor­füh­run­gen im Hun­de­tur­nen (!) gibt. Aber auch, das sei er­wähnt, Neu­zu­gän­ge, de­ren Kon­zept durch­aus

Eu­ro

gibt je­der Ös­ter­rei­cher laut Ci­ma-Um­fra­ge pro Be­such am Weih­nachts­markt aus.

Pro­zent

der Aus­ga­ben wer­den für den So­fort­kon­sum – al­so Punsch, Glüh­wein und Spei­sen – aus­ge­ge­ben. stim­mig wirkt: Wie das neue Ad­vent­fest der Klei­nen Stadt Farm in der Lo­bau, das mit Leb­ku­chen­ba­cken, Po­ny­rei­ten und Christ­baum-Ver­kauf sehr be­sinn­lich klingt. (Das ge­plan­te Eis­schwim­men für mu­ti­ge Be­su­cher viel­leicht we­ni­ger.)

Ziem­lich viel An­ge­bot, of­fen­bar wird im­mer mehr En­ter­tain­ment von den Be­su­chern ver­langt – und das auch im­mer län­ger, ei­ni­ge Märk­ten hal­ten auch noch nach Weih­nach­ten of­fen. Ei­ner­seits. An­de­rer­seits liegt den meis­ten Ad­vent­markt-Be­su­chern vor al­lem ei­nes am Her­zen: Das Ku­li­na­ri­sche, be­vor­zugt Al­ko­ho­li­sche. Bei ei­ner Um­fra­ge der Wie­ner Wirt­schafts­kam­mer aus 2014 nann­ten 85 Pro­zent „Glüh­wein und Punsch trin­ken“als „sehr wich­ti­gen Grund“für den Be­such ei­nes Ad­vent­markts, ge­folgt von „Spe­zia­li­tä­ten es­sen“. Auch Ci­ma kam in ei­ner Um­fra­ge zu ähn­li­chen Re­sul­ta­ten. „Fragt man Be­su­cher, was ih­nen auf dem Markt wich­tig ist, sa­gen sie zu­erst Kunst­hand­werk“, sagt Murau­er. Fragt man aber, wo­für sie Geld aus­ge­ben, zeigt sich, dass 67 Pro­zent der Aus­ga­ben in den So­fort­kon­sum flie­ßen. Punsch, Glüh­wein, Ofen­kar­tof­feln al­so.

Vie­le Pro­gramm­punk­te ha­ben mit Weih­nach­ten we­nig bis gar nichts mehr zu tun.

Trink-Ge­la­ge. Kunst­hand­werk schät­zen die ös­ter­rei­chi­schen Be­su­cher näm­lich vor al­lem als hüb­sche Ku­lis­se, ge­kauft wird we­nig. (Dass die­se Stän­de trotz­dem gut lau­fen, liegt laut Murau­er vor al­lem an den Tou­ris­ten). Ein paar Stän­de mit hoch­wer­ti­gem Kunst­hand­werk ge­hö­ren für ei­nen gu­ten Weih­nachts­markt heu­te so­wie­so zum gu­ten Ton, nicht zu­letzt, um vom Image des rei­nen Trink-Ge­la­ges in der Käl­te weg­zu­kom­men. Auf den gro­ßen Wie­ner Märk­ten darf des­we­gen auch nur ein Drit­tel der Stän­de gas­tro­no­mi­scher Art sein.

All die­se neu­en An­ge­bo­te muss, wer ei­nen Weih­nachts­markt be­sucht – im Schnitt tut dies je­der Ös­ter­rei­cher 2,5 Mal pro Sai­son – na­tür­lich nicht in An­spruch neh­men. Statt ins Au­to­drom zu set­zen, kann man sich auch ein­fach beim Glüh­wein­stand an­stel­len. Und ir­gend­wann kommt ga­ran­tiert Last Christ­mas. So wie im­mer schon.

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