STEU­ERN

Die Em­pö­rung über die Pa­ra­di­se Pa­pers ist in Eu­ro­pa groß. Da­bei pro­fi­tie­ren fast al­le In­dus­trie­län­der von die­sem Steu­er­sys­tem, das sie einst als Ko­lo­ni­al­her­ren selbst er­fun­den ha­ben.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON GER­HARD HO­FER

Bill Ga­tes soll ein­mal ge­sagt ha­ben, Li­zen­zen zu ver­kau­fen sei wie Geld dru­cken. Und mit die­sem Kon­zept hat­te er be­kannt­lich gro­ßen Er­folg. Sein auf 90 Mil­li­ar­den Dol­lar ge­schätz­tes Ver­mö­gen ver­dankt der Mi­cro­soft-Grün­der in ers­ter Li­nie sei­nen Li­zenz­ein­nah­men et­wa für das Be­triebs­sys­tem-Win­dows.

Wenn jetzt im Zu­ge der „Pa­ra­di­se Pa­pers“wie­der von Steu­er­oa­sen die Re­de ist und im­mer mehr Pro­mi­nen­te von Queen Eliz­a­beth ab­wärts als Steu­er­flücht­lin­ge ge­ou­tet wer­den, dann geht es da­bei auch um sol­che Li­zen­zen, Zin­sen und Di­vi­den­den. Auch bei den Steu­er­kon­struk­tio­nen des Sport­ar­ti­kel­kon­zerns Ni­ke ist das der Fall. Der hält sich ei­ne Ge­sell­schaft auf den Ber­mu­das, die die Li­zenz für das Ni­ke–Lo­go – den so­ge­nann­ten Swoosh – hält. Sämt­li­che Ni­ke-Nie­der­las­sun­gen ha­ben an­stän­dig Li­zenz­ge­büh­ren auf die Ber­mu­das über­wie­sen und so ih­ren Ge­winn und ih­re Steu­er­last ge­schmä­lert. Die Em­pö­rung ist groß. Vor al­lem in Deutsch­land ist der Ruf wie­der laut, man sol­le die­se gars­ti­gen Steu­er­oa­sen end­lich aus­trock­nen. Doch der Em­pö­rung fol­gen kei­ne Ta­ten.

Da­bei wä­re die Lö­sung ein­fach: Die Staa­ten müss­ten nur all die Li­zen­zen, Zin­sen und Di­vi­den­den dort be­steu­ern, wo sie er­wirt­schaf­tet wer­den. Aber das tut nie­mand. War­um nur?

Weil dann all die rei­chen In­dus­trie­län­der durch die Fin­ger schau­en wür­den. Al­len vor­an die USA und Deutsch­land. „Deutsch­land schreit zwar am lau­tes­ten, ist aber gleich­zei­tig ei­ner der größ­ten Pro­fi­teu­re des Sys­tems“, er­klärt der be­kann­te Steu­er­be­ra­ter Gott­fried Schell­mann. Ein Blick in die OECD-Sta­tis­tik zeigt, dass deut­sche Un­ter­neh­men im Jahr 2015 knapp 79 Mil­li­ar­den Dol­lar ein­ge­nom­men ha­ben, weil sie zu­vor Di­rekt­in­ves­ti­tio­nen im Aus­land ge­tä­tigt ha­ben. An­de­rer- seits sind nur 33 Mil­li­ar­den Dol­lar an Zin­sen, Li­zen­zen und Di­vi­den­den aus Deutsch­land ab­ge­flos­sen. Das heißt: Der deut­sche Staat ver­dient Mil­li­ar­den, weil deut­sche Kon­zer­ne wie Sie­mens, Volks­wa­gen oder Daim­ler zwar über­all auf der Welt Ge­schäf­te ma­chen, die Ge­win­ne aber in ih­rem Land aus­schüt­ten – und so­mit auch ver­steu­ern.

Den­noch ist die Em­pö­rung bei deut­schen Po­li­ti­kern groß. Die SPD be­an­trag­te in meh­re­ren Land­ta­gen ei­ne ak­tu­el­le St­un­de und for­dert von der sich an­bah­nen­den Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on von CDU/CSU, Grü­ne und FDP end­lich Ge­set­ze ge­gen die glo­ba­le Steu­er­ver­mei­dung. „Zu den Ge­win­nern die­ser Trick­se­rei­en zählt ei­ne klei­ne Eli­te, die ih­re in Deutsch­land er­wirt­schaf­te­ten Ge­win­ne in Steu­er­oa­sen par­ken“, dröhnt es. Und zu den Ver­lie­rern zäh­len na­tür­lich der „klei­ne Mann und die klei­ne Frau auf der Stra­ße“.

Es mag schon sein, dass so man­cher pro­mi­nen­te Sport­ler, Künst­ler oder Un­ter­neh­mer – meist le­gal, wenn auch un­mo­ra­lisch – Steu­er­ver­mei­dung be­trie­ben hat. Er­fun­den wur­de das Sys­tem aber nicht in der Ka­ri­bik, son­dern in je­nen Län­dern, de­nen es heu­te an­geb­lich auf den Kopf zu fal­len droht. Di­vi­den­den aus Ost­eu­ro­pa. Ös­ter­reich hat beim Ab­zo­cken an­de­rer Län­der üb­ri­gens auch ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on. Das Habs­bur­ger Reich ba­sier­te de fac­to auf die­sem Ge­schäfts­mo­dell. Und als es in der jun­gen Dop­pel­mon­ar­chie 1871 zum so­ge­nann­ten Ös­ter­rei­chisch-Un­ga­ri­schen Aus­gleich kam, wur­de na­tür­lich pe­ni­bel fest­ge­hal­ten, wo der Fis­kus die Hand auf­hält – näm­lich in Wi­en.

Nach dem Fall des Ei­ser­nen Vor­hangs knüpf­te Ös­ter­reich naht­los an die­se gu­te al­te Tra­di­ti­on an. Der Fis­kus pro­fi­tiert vor al­lem vom Ost­eu­ro­pa­ge­schäft un­se­rer Top­un­ter­neh­men. Ers­te Bank, VIG oder OMV er­zie­len ei­nen gro­ßen Teil ih­rer Er­lö­se durch ih­re Töch­ter in Tsche­chi­en, Ru­mä­ni­en oder Un­garn. Aus­ge­schüt­tet wer­den die­se Ge­win­ne al­ler­dings in Ös­ter­reich – und hier wird auch die Steu­er fäl­lig. Ös­ter­reich ist Net­to-Ka­pi­tal-Ex­por­teur. Hei­mi­sche Un­ter­neh­men ha­ben 190 Mil-

Di­rekt­in­ves­ti­tio­nen.

Ös­ter­rei­chi­sche Un­ter­neh­men ha­ben ins­ge­samt 190 Mil­li­ar­den Eu­ro an Di­rekt­in­ves­ti­tio­nen im Aus­land ge­tä­tigt. Aus die­sen Ge­schäf­ten lu­krier­ten sie Ein­nah­men in Hö­he von 13 Mil­li­ar­den Eu­ro, die in Ös­ter­reich ver­steu­ert wer­den. Der Ös­ter­rei­chi­sche Staat pro­fi­tiert al­so da­von, dass Un­ter­neh­men den Ge­winn ih­rer Ge­schäf­te im Aus­land hier­zu­lan­de aus­schüt­ten.

Ab­flüs­se.

Um­ge­kehrt tä­ti­gen aus­län­di­sche Un­ter­neh­men in Ös­ter­reich Di­rekt­in­ves­ti­tio­nen in Hö­he von knapp 140 Mil­li­ar­den Eu­ro. Aus die­sen Ge­schäf­ten zo­gen sie et­wa 10,8 Mil­li­ar­den Eu­ro an Ein­nah­men ab. Un­term Strich pro­fi­tiert Ös­ter­reich als Net­to-Ka­pi­talEx­por­teur. li­ar­den Eu­ro an Di­rekt­in­ves­ti­tio­nen im Aus­land ge­tä­tigt, aus­län­di­sche In­ves­ti­tio­nen in Ös­ter­reich be­lau­fen sich auf 140 Mil­li­ar­den. Die Ein­nah­men un­se­rer Un­ter­neh­men aus de­ren Aus­lands­ge­schäf­ten lie­gen laut Da­ten der Oes­ter­rei­chi­schen Na­tio­nal­bank bei 13 Mil­li­ar­den Eu­ro pro Jahr. Das meis­te da­von kommt aus Tsche­chi­en (1,7 Mrd.), da­hin­ter lie­gen vor Deutsch­land die Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te mit ei­ner Mil­li­ar­de Eu­ro.

Deutsch­land ist der größ­te Pro­fi­teur des Sys­tems und »zockt« an­de­re Län­der ab. Ös­ter­reichs Un­ter­neh­men kas­sie­ren 13 Mil­li­ar­den Eu­ro aus Di­rekt­in­ves­ti­tio­nen.

Eu­ro­pa­meis­ter auf dem Ge­biet, Ka­pi­tal aus an­de­ren Län­dern ab­zu­sau­gen, sind zwei­fels­oh­ne die Nie­der­lan­de. Sie zie­hen aus al­ler Welt Fir­men­zen­tra­len an, die auf­grund vor­teil­haf­ter Steu­er­re­ge­lun­gen an die Nord­see­küs­te kom­men. Die Ein­nah­men aus Di­rekt­in­ves­ti­tio­nen la­gen in den Nie­der­lan­den 2015 laut OECD-Da­ten bei 186 Mil­li­ar­den Dol­lar – wa­ren al­so dop­pelt so hoch wie in Deutsch­land. Wür­de man al­so das ak­tu­el­le Steu­er­sys­tem än­dern, wür­den tau­sen­de Un­ter­neh­men die Nie­der­lan­de wie­der ver­las­sen.

Fa­zit: Wir wer­den in Zu­kunft wohl noch ei­ni­ge „Pa­pers“und vie­le em­pör­te Po­li­ti­ker er­le­ben. Was wir eher nicht er­le­ben wer­den, ist ei­ne Än­de­rung des Steu­er­sys­tems. Ho­he Steu­er­mo­ral. Apro­pos Em­pö­rung: Die Zahl der ös­ter­rei­chi­schen Steu­er­sün­der im Fall „Pa­ra­di­se Pa­pers“ist über­schau­bar. Sie liegt de fac­to bei Null. Wolf­gang Flöttl lebt seit Jahr­zehn­ten in den USA und Ju­li­us Meinl ist Bri­te. Die Steu­er­mo­ral in Ös­ter­reich – vor al­lem bei den so­ge­nann­ten Eli­ten – ist ver­gleichs­wei­se hoch. Auch aus Deutsch­land gibt es ver­hält­nis­mä­ßig we­nig Fäl­le. Die meis­ten Steu­er­flüch­ti­gen kom­men aus­ge­rech­net aus den USA, Groß­bri­tan­ni­en und der Schweiz. Dort ist nicht nur die Steu­er­last viel nied­ri­ger als bei uns, son­dern auch der Wil­le, mit dem Staat zu tei­len.

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