AUF EI­NEN BLICK

Die Presse am Sonntag - - Eco -

Mos­kau macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Der neue Kampf­an­zug „Rat­nik 3“soll den rus­si­schen Sol­da­ten na­he­zu über­na­tür­li­che Kräf­te ver­lei­hen. Das Exo­s­ke­lett, im Grun­de ein Ro­bo­ter zum Über­strei­fen, soll ih­nen hel­fen, schnel­ler zu lau­fen, wei­ter zu sprin­gen und grö­ße­re Las­ten zu tra­gen. Ein in­te­grier­tes Dis­play ver­sorgt die Sol­da­ten per­ma­nent mit In­for­ma­tio­nen über die Um­ge­bung – und die Arm­band­uhr soll auch nach ei­nem Nu­kle­arschlag noch funk­tio­nie­ren. Hol­ly­wood lässt grü­ßen.

Wenn es um Exo­s­ke­let­te geht, hat die ka­li­for­ni­sche Traum­fa­brik die Lat­te hoch­ge­legt. In Fil­men wie „Ali­en“oder „Iron Man“ver­wan­deln die in­tel­li­gen­ten Rüs­tun­gen ih­re Trä­ger stets in schier un­be­zwing­ba­re Su­per­hel­den. Doch die Lein­wand ist der Rea­li­tät ein Stück weit vor­aus. Auch nach fast vier­zig Jah­ren For­schung gibt es zwar Exo­s­ke­let­te, die et­wa Qu­er­schnitts­ge­lähm­ten das Ge­hen er­mög­li­chen. Doch sie sind im­mer noch klo­big, schwer – und viel zu teu­er. Vie­le Pro­to­ty­pen wer­den laut an­ge­prie­sen, flop­pen dann aber lei­se. Das könn­te sich nun än­dern. Seit ei­ni­ger Zeit drän­gen zu­se­hends mehr Ro­bo­ter­an­zü­ge aus den La­bors auf den Mas­sen­markt. Mit den über­mäch­ti­gen Vor­bil­dern aus Film und Fern­se­hen ha­ben sie we­nig ge­mein. Sie sind klein, un­auf­fäl­lig und wol­len nur ih­ren Platz im All­tag der Men­schen. Die Ho­se steigt Stie­gen. Auf den ers­ten Blick sieht es aus wie ei­ne ganz nor­ma­le Je­ans­ho­se, auf­ge­rüs­tet mit drei Sei­len an je­dem Bein und ei­ner klei­nen Bat­te­rie an der Hüf­te. Was der Ro­bo­ter­spe­zia­list Jai­me E. Duar­te hier vor­führt, ist wohl ei­nes der un­auf­fäl­ligs­ten Exo­s­ke­let­te, das es im Mo­ment gibt. Erst vor we­ni­gen Wo­chen hat der For­scher am In­sti­tut für Ro­bo­tik an der Schwei­zer ETH Zü­rich sein Un­ter­neh­men MyoS­wiss als Spin-Off ge­grün­det. In sei­nen For­schun­gen merk­te Duar­te bald, dass ein me­di­zi­ni­sches Exo­s­ke­lett für Qu­er­schnitts­ge­lähm­te viel zu kost­spie­lig ist, um am Markt da­mit zu re­üs­sie­ren. War­um soll­te man es al­so nicht ei­ne Num­mer klei­ner ge­ben und mit dem ar­bei­ten, was tech­nisch be­reits mög­lich ist?

Ziel­grup­pe von MyoS­wiss sind we­der das Mi­li­tär noch In­va­li­de, son­dern äl­te­re Men­schen, die zwar noch Mus­kel­kraft ha­ben, aber eben nicht ge­nug. Die MyoS­wiss-Ho­se er­kennt au­to­ma­tisch, wenn das Knie des Trä­gers beim Stie­gen­stei­gen nach­gibt oder wenn die Kraft nicht mehr reicht, um aus dem Fern­seh­ses­sel auf­zu­ste­hen – und hilft ge­zielt nach. „Mit un­se­rem Sys­tem kön­nen äl­te­re Men­schen noch jah­re­lang selbst­stän­dig zu Hau­se blei­ben, statt gleich in ein teu­res Pfle­ge­heim um­zie­hen zu müs­sen“, sagt der Fir­men­grün­der zur „Presse am Sonn­tag“. Die Chan­cen, da­mit auch die Kos­ten für die All­ge­mein­heit zu sen­ken, sei­en groß (sie­he ne­ben­ste­hen­den Be­richt).

Ers­te Ge­sprä­che mit So­zi­al­ver­si­che­run­gen hat Duar­te be­reits ge­führt. Bis die­se die Ro­bo­ter­ho­se fi­nan­zie­ren, wird al­ler­dings noch viel Zeit ver­ge­hen. Im­mer­hin 20.000 bis 25.000 Fran­ken (17.300 bis 21.600 Eu­ro) wird je­des ein­zel­ne Stück in der An­fangs­zeit kos­ten. „Da­für gibt es ei­nen Markt, ge­ra­de hier in der Schweiz“, ver­si­chert der Wis­sen­schaft­ler. Und bil­li­ger wer­den kön­ne man spä­ter im­mer noch. Ers­tes Ziel sei es, die Ho­se so all­tags­taug­lich zu ge­stal­ten, „dass die Men­schen gar nicht mehr dar­über nach­den­ken, dass sie ge­ra­de ein Exo­s­ke­lett an­zie­hen“.

Die Aus­sicht dar­auf, im ho­hen Al­ter wie­der al­lein und si­cher Stu­fen­stei­gen zu kön­nen, ist viel­leicht nicht ganz so ver­lo­ckend wie der Traum von ei­ner Ro­bo­ter­rüs­tung, die den Men­schen Su­per­kräf­te ver­spricht. Prak­tisch ist es in je­dem Fall. Und vor al­lem: Es ist schon zu ha­ben. Bau­ar­bei­ter statt Su­per­held. MyoS­wiss ist nur ein Bei­spiel für ei­nen Trend, der sich seit ei­ni­gen Mo­na­ten am wach­sen­den Markt für Exo­s­ke­let­te be­merk­bar macht. Die längs­te Zeit war die Bran­che von zwei gro­ßen Ab­neh­mern ab­hän­gig: den Streit­kräf­ten und der Me­di­zin­tech­nik. Nicht, dass es hier kei­ne Er­fol­ge ge­ge­ben hät­te: Schon vor Jah­ren konn­te der ers­te Qu­er­schnitts­ge­lähm­te dank ei­nes Exo­s­ke­letts wie­der ein paar Schrit­te ge­hen. Mitt­ler­wei­le gibt es mit dem Cy­b­ath­lon der ETH Zü­rich so­gar ei­nen ei­ge­nen Wett­kampf, in dem For­schungs­teams aus al­ler Welt be­hin­der­te Ath­le­ten mit Ro­bo­ter­rüs­tun­gen beim Klup­pen­auf­hän­gen oder im Hin­der­nis­lauf ge­gen­ein­an­der an­tre­ten las­sen.

Doch so­lan­ge die tech­ni­schen Wun­der­wer­ke noch an die hun­dert­tau­send Eu­ro kos­ten, wer­den sie den Roll­stuhl nicht ernst­haft er­set­zen kön­nen. Da­zu kommt, dass die Zu­las­sungs­ver­fah­ren im me­di­zi­ni­schen Be­reich oft so lang­wie­rig sind, dass auch der Markt­ein­tritt tech­nisch aus­ge­reif­ter Pro­duk­te in wei­te Fer­ne rückt. Auch des­halb ha­ben sich vie­le Un­ter­neh­men aus der Bran­che in den ver­gan­ge­nen Jah­ren um­ori­en­tiert und neue, viel­ver­spre­chen­de­re Ni­schen ge­sucht.

Das wohl pro­mi­nen­tes­te Bei­spiel ist das ame­ri­ka­ni­sche Un­ter­neh­men Ek­so Bio­nics. In sei­nen An­fän­gen hat auch die­ser An­bie­ter vor­ran­gig für das US-Mi­li­tär ge­ar­bei­tet. Ur­sprüng­lich fi­nan­ziert von der Dar­pa, dem For­schungs-Arm der Streit­kräf­te, hat Ek­so Bio­nics et­wa ge­mein­sam mit Lock­heed den „Hulk“-Kampf­an­zug ent­wi­ckelt, mit dem Sol­da­ten bis zu hun­dert Ki­lo­gramm an Equip­ment auch durch un­weg­sa­mes Ge­län­de trans­por­tie­ren kön­nen. Be­kannt wur­de das Un­ter­neh­men im Jahr 2012, als es ers­te Exo­s­ke­let­te für Qu­er­schnitts­ge­lähm­te auf den Markt brach­te. Vor ein­ein­halb Jah­ren aber kam der gro­ße Um­schwung: Ek­so Bio­nics ent­deck­te die Bau­bran­che als po­ten­zi­el­len Ab­neh­mer sei­ner Pro­duk­te. Seit­her ent­wi­ckelt der Her­stel­ler vor al­lem Exo­s­ke­let­te für Bau- und La­ger­ar­bei­ter. Die Ge­rä­te sind güns­ti­ger und we­ni­ger kom­plex und funk­tio­nie­ren in vie­len Fäl­len so­gar oh­ne Mo­tor. Statt­des­sen sorgt ein Sys­tem aus Seil­zü­gen und Ge­gen­ge­wich­ten da­für, dass der Ar­bei­ter grö­ße­re Las­ten he­ben oder Pa­let­ten ver­schie­ben kann, oh­ne sei­nen Kör­per zu rui­nie­ren. Es geht nicht dar­um, den Men­schen über­na­tür­li­che Kräf­te zu ver­lei­hen, son­dern dar­um, die Schmer­zen aus dem All­tag ver­schwin­den zu las­sen, er­klärt das Un­ter­neh­men. Oft sind es nur klei­ne Un­ter­stüt­zun­gen, die ei­nen gro­ßen Un­ter­schied ma­chen. So nimmt die Eks­oVest ih­rem Trä­ger et­wa ganz oh­ne elek­tro­ni­sche Hilfs­mit­tel pro Arm bis zu 7,5 Ki­lo­gramm der Last. Das gin­ge frei­lich auch oh­ne Ro­bo­ter­rüs­tung. Die Fra­ge ist nur: Wie oft am Tag? Und wie lang?

Das Po­ten­zi­al für die­se eher un­spek­ta­ku­lä­ren Ro­bo­ter­ske­let­te ist ge­wal­tig. „Der gro­ße Trend geht weg von der Me­di­zin­tech­nik und dem Mi­li­tär und hin zu Exo­s­ke­let­ten, die In­dus­trie­un­ter­neh­men da­bei hel­fen, die Pro­duk­ti­vi­tät ih­rer Mit­ar­bei­ter zu er­hö­hen“, sagt Dan Ka­ra, For­schungs­chef von ABI Re­se­arch, dem füh­ren­den Markt­for­scher in der Bran­che. 100.000 Exo­s­ke­let­te. In Zu­kunft wür­den Exo­s­ke­let­te über­all da zum Ein­satz kom­men, wo mensch­li­che Ar­beit nicht zur Gän­ze durch Au­to­ma­ti­sie­rung er­setzt wer­den kann. Mög­li­che Kun­den gibt es, wo im­mer Men­schen schwer he­ben müs­sen: Von Ar­bei­tern auf Öl­platt­for­men über Ka­me­ra­män­ner bis hin zu Sher­pas im Hi­ma­la­ya. „Exo­s­ke­let­te, die nur die Ef­fi­zi­enz ei­nes Un­ter­neh­mens stei­gern und das Ver­let­zungs­ri­si­ko bei der Ar­beit mi­ni­mie­ren sol­len, ha­ben ge­rin­ge­re re­gu­la­to­ri­sche

Exo­s­ke­let­te

sind ro­bo­te­ri­sier­te Rüs­tun­gen, die da­für ent­wi­ckelt sind, die Be­we­gun­gen des Trä­gers zu er­mög­li­chen oder zu ver­stär­ken.

Im Vor­jahr

wur­den Exo­s­ke­let­te im Wert von knapp hun­dert Mil­lio­nen US-Dol­lar (86,20 Mil­lio­nen Eu­ro) ver­kauft. Bis 2025 soll die­ser Wert um das Zwan­zig­fa­che stei­gen. Hür­den zu über­win­den“, be­tont auch Ka­ra ei­nen der gro­ßen Vor­tei­le die­ses Mark­tes.

Im Vor­jahr wur­den welt­weit Exo­s­ke­let­te im Wert von knapp hun­dert Mil­lio­nen US-Dol­lar (86,20 Mil­lio­nen Eu­ro) ver­kauft. ABI Re­se­arch er­war­tet, dass sich die­ser Wert bis ins Jahr 2025 auf fast zwei Mil­li­ar­den US-Dol­lar ver­viel­fa­chen wird. Und ob­wohl heu­te die Me­di­zin­tech­nik noch knapp die Na­se vorn hat, wer­de der über­wie­gen­de Teil des Wachs­tums aus der In­dus­trie kom­men. Un­ter­neh­men aus dem Bau­we­sen, Lo­gis­tik­fir­men und Pro­duk­ti­ons­be­trie­be wer­den schon bald mehr als die Hälf­te des welt­wei­ten Um­sat­zes aus­ma­chen. Mit­tel­fris­tig wer­de sich die­ses stär­ke­re Wachs­tum auch po­si­tiv auf die Me­di­zin­tech­nik aus­wir­ken, er­war­tet Ka­ra. Je klei­ner und güns­ti­ger die Bat­te­ri­en im Zu­ge des neu­en Exo­s­ke­lett-Booms wür­den und je leich­ter das Ma­te­ri­al, des­to eher könn­ten sich auch ro­bo­ti­sche Geh­hil­fen für Ge­lähm­te rech­nen. Von den 100.000 Exo­s­ke­let­ten, die im Jahr 2025 ver­kauft wer­den, soll je­des vier­te für Men­schen mit Be­hin­de­run­gen sein.

Ziel­grup­pe sind äl­te­re Men­schen, die noch Kraft ha­ben, aber nicht ge­nug. Mög­li­che Kun­den rei­chen von Ar­bei­tern auf Öl­platt­for­men bis zu Sher­pas im Hi­ma­la­ya.

Schnel­ler, stär­ker, ge­sün­der. Der­zeit ist die Bran­che je­doch da­mit be­schäf­tigt, sich auf den leich­ter zu­gäng­li­chen Markt der In­dus­trie­ar­bei­ter zu spe­zia­li­sie­ren. Die Pa­let­te reicht von klei­nen Spin-Offs von Uni­ver­si­tä­ten über Mit­tel­ständ­ler wie den deut­schen Ro­bo­ti­kSpe­zia­lis­ten Ger­man Bio­nic Sys­tems, bis zum süd­ko­rea­ni­schen Gi­gan­ten Dae­woo, der Exo­s­ke­let­te für Ar­bei­ter auf sei­nen gro­ßen Schiffs­werf­ten ent­wi­ckeln lässt.

Die Her­stel­ler ver­spre­chen ih­ren Kun­den nicht nur schnel­le­re und stär­ke­re Ar­bei­ter, son­dern vor al­lem we­ni­ger Kran­ken­stän­de und ge­rin­ge­re Pro­duk­ti­ons­aus­fäl­le. Die Staa­ten lo­cken sie mit der Ver­hei­ßung, die öf­fent­li­chen Ge­sund­heits­sys­te­me zu ent­las­ten. Die fi­nan­zi­el­len Fol­gen schwe­rer kör­per­li­cher Ar­beit für die Ge­sell­schaft sind groß – Stichwort Hack­ler­re­ge­lung und Pfle­ge­kos­ten. Die Bau-

Ek­so Bio­nics.

Mit die­sem Exo­s­ke­lett von Ek­so Bio­nics sol­len Ge­lähm­te wie­der ge­hen kön­nen.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.