Die Zahl der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen steigt stark

Die Aus­ga­ben für die Pfle­ge wer­den in den nächs­ten Jah­ren ex­plo­die­ren. Be­mer­kens­wert ist, dass in Ös­ter­reich bei den Pfle­ge­kos­ten er­heb­li­che Un­ter­schie­de zwi­schen den Bun­des­län­dern fest­stell­bar sind.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON CHRIS­TI­AN HÖLLER

Die Zahl der al­ten Men­schen, die nicht mehr al­lein le­ben kön­nen, nimmt in Ös­ter­reich ste­tig zu. Tech­ni­sche Lö­sun­gen wie Exo­s­ke­let­te könn­ten hier deut­li­che Er­leich­te­rung brin­gen – für die Be­trof­fe­nen, aber auch für das So­zi­al­bud­get des Staa­tes. Denn die Kos­ten für die Pfle­ge wer­den in den kom­men­den Jahr­zehn­ten ein wich­ti­ges The­ma für die Po­li­tik wer­den.

Im Jahr 2015 la­gen die So­zi­al­aus­ga­ben (für 2016 ste­hen erst vor­läu­fi­ge Wer­te zur Ver­fü­gung) bei 99,94 Mil­li­ar­den Eu­ro. Das ent­sprach da­mals 29,4 Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts. Von den 99,94 Mil­li­ar­den ent­fie­len 5,6 Mil­li­ar­den Eu­ro auf den Pfle­ge­be­reich. Die­se 5,6 Mil­li­ar­den Eu­ro set­zen sich aus fol­gen­den Kom­po­nen­ten zu­sam­men: 3,4 Mil­li­ar­den Eu­ro ga­ben die Län­der und Ge­mein­den für sta­tio­nä­re und mo­bi­le Pfle­ge­diens­te aus. Das Bun­des­pfle­ge­geld lag bei zwei Mil­li­ar­den Eu­ro. Hin­zu ka­men noch Pfle­ge­ka­renz­geld, För­der­mit­tel für die 24-St­un­den–Be­treu­ung und an­de­re Aus­ga­ben.

Tat­säch­lich dürf­ten die Ge­samt­kos­ten aber viel hö­her sein als die ge­nann­ten 5,6 Mil­li­ar­den Eu­ro. Ex­per­ten kri­ti­sie­ren seit Jah­ren, dass in Ös­ter­reich kei­ne de­tail­lier­te Er­he­bung über sämt­li­che Kos­ten­fak­to­ren im Pfle­ge­we­sen ge­macht wird.

Der­zeit wer­den vie­le Gel­der aus dem Pfle­ge­be­reich der Ge­sund­heits­spar­te zu­ge­rech­net. Laut Sta­tis­tik Aus­tria la­gen 2015 die Aus­ga­ben für die Ge­sund­heit (wie für Kran­ken­häu­ser, Me­di­ka­men­te, Ärz­te, Heil­be­hel­fe) bei 25,42 Mil­li­ar­den Eu­ro.

Wie kom­plex die Si­tua­ti­on im Pfle­ge­we­sen ist, zeigt sich bei den 900 Pfle­ge- und Al­ten­hei­men, die ös­ter­reich­weit rund 78.000 Be­treu­ungs­plät­ze an­bie­ten. 500 Hei­me stam­men von pri­va­ten Trä­gern wie Ca­ri­tas, Hilfs­werk, Volks­hil­fe und Sa­ma­ri­ter­bund. 400 ha­ben ei­nen staat­li­chen Trä­ger. Die Si­tua­ti­on sieht in je­dem Bun­des­land an­ders aus. In Nie­der­ös­ter­reich be­treibt das Land die Hälf­te al­ler Al­ters­hei­me selbst. In Ober­ös­ter­reich wird der Be­darf vor al­lem von den So­zi­al­hil­fe­ver­bän­den der Ge­mein­den und Städ­te ab­ge­deckt. Im Bur­gen­land und in der Stei­er­mark wer­den äl­te­re und pfle­ge­be­dürf­ti­ge Men­schen meist in pri­va­ten Hei­men be­treut. War­nung des Fis­kal­rats. Der­zeit be­zie­hen rund 450.000 Per­so­nen Pfle­ge­geld. Laut Schät­zung des Wirt­schafts­for­schungs­in­sti­tuts (Wi­fo) wird die Zahl bis 2050 auf bis zu 750.000 Per­so­nen stei­gen. Da­mit wer­den sich die jähr­li­chen Kos­ten für das Pfle­ge­geld von der­zeit zwei Mil­li­ar­den Eu­ro auf 4,2 Mil­li­ar­den er­hö­hen. Auch der bei der Na­tio­nal­bank an­ge­sie­del­te Fis­kal­rat, der sich un­ter an­de­rem mit der Ent­wick­lung der Staats­schul­den be­schäf­tigt, warnt vor ei­nem dra­ma­ti­schen An­stieg der Pfle­ge­kos­ten.

Schuld dar­an ist die de­mo­gra­fi­sche Ent­wick­lung. 2015 lag in Ös­ter­reich der An­teil der über 80-Jäh­ri­gen ge­mes­sen an der Ge­samt­be­völ­ke­rung bei fünf Pro­zent. Bis 2030 wird sich der An­teil auf 6,6 Pro­zent und bis 2060 auf elf Pro­zent er­hö­hen. Der Fis­kal­rat geht da­von aus, dass die ge­samt­staat­li­chen Pfle­ge­kos­ten für Al­ters­leis­tun-

Tau­send Men­schen

be­kom­men der­zeit in Ös­ter­reich Pfle­ge­geld.

Tau­send Men­schen

wer­den laut Wi­foSchät­zung bis 2050 Pfle­ge­geld be­zie­hen. Die Stei­ge­rung hängt in ers­ter Li­nie mit der de­mo­gra­fi­schen Ent­wick­lung zu­sam­men. gen bis 2030 je­des Jahr um 4,4 Pro­zent bis 6,2 Pro­zent stei­gen wer­den. Boom bei 24-St­un­den-Pfle­ge. Über­durch­schnitt­lich stark wird die 24-St­un­den-Be­treu­ung wach­sen. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren schoss die Zahl der Agen­tu­ren, die 24-St­un­denBe­treue­rin­nen aus Ost­eu­ro­pa an ös­ter­rei­chi­sche Pri­vat­haus­hal­te ver­mit­teln, in die Hö­he. „Es herrscht Gold­grä­ber­stim­mung“, heißt es in der Bran­che. Die Zahl der Men­schen, die die­se Form der Pfle­ge in An­spruch neh­men, dürf­te sich in den nächs­ten Jah­ren auf 50.000 ver­dop­peln.

Doch mitt­ler­wei­le wird es im­mer schwie­ri­ger, ge­eig­ne­tes Per­so­nal zu fin­den. Da­her se­hen sich die Agen­tu­ren nicht nur in der Slo­wa­kei und in Ru­mä­ni­en, son­dern auch in Mol­da­wi­en und in der Ukrai­ne um. Ein Al­ters­heim­platz kos­tet rund 3500 Eu­ro mo­nat­lich. Die 24-St­un­den-Pfle­ge ist für die Be­trof­fe­nen um die Hälf­te bil­li­ger, wenn man auch die staat­li­che För­de­rung be­rück­sich­tigt.

Der Pfle­ge­be­reich ist ein Bei­spiel für die Kom­ple­xi­tät der fö­de­ra­len Staats­ar­chi­tek­tur. Denn im Bun­des­län­der­ver­gleich wer­den bei den mo­bi­len und sta­tio­nä­ren Pfle­ge­kos­ten mas­si­ve Un­ter­schie­de deut­lich. Dies kön­ne aus dem öf­fent­lich ver­füg­ba­ren Da­ten­ma­te­ri­al nur ver­ein­zelt er­klärt wer­den, kri­ti­sie­ren die Ex­per­ten des Fis­kal­rats. Kon­kret lag 2015 die Band­brei­te des Brut­to­auf­wands pro Be­wohn­tag (un­ter Be­rück­sich­ti­gung des re­la­ti­ven Grads der Pfle­ge­be­dürf­tig­keit) zwi­schen 74 Eu­ro in Ti­rol und 238 Eu­ro in Wi­en. Der Fis­kal­rat emp­fiehlt, dass da­zu de­tail­lier­te Ver­gleichs­stu­di­en zwi­schen den Bun­des­län­dern ge­macht wer­den.

Der Pfle­ge­be­reich ist in je­dem Bun­des­land an­ders ge­re­gelt.

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