Die Mo­de­stra­ße aus dem Ort oh­ne Stra­ße

Wäh­rend ei­ne Ket­te nach der an­de­ren schließt und On­li­ner den Druck er­hö­hen, ex­pan­diert der ehe­ma­li­ge Greiß­ler Fussl nach Bay­ern. Wie geht das? Auf Ant­wort­su­che im Inn­vier­tel.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON AN­TO­NIA LÖFF­LER

Grau hängt der No­vem­ber­him­mel über den fünf Buch­sta­ben, die die Dä­cher der 1256-See­len-Ge­mein­de über­ra­gen: Fussl. Wir sind in Ort. In Ort im Inn­kreis. Stra­ßen­na­men gibt es hier kei­ne. Der Weg zum Stamm­haus der Mo­de­ket­te fin­det sich auch so.

Post von den gro­ßen Tex­til­mes­sen be­kommt die Fa­mi­lie Mayr den­noch manch­mal an die Fussl­stra­ße 32 ge­sandt. Se­ni­or­che­fin Ber­ti Mayr hat­te ele­gant ei­ne per­so­na­li­sier­te An­schrift er­fun­den, als man ihr nicht glau­ben woll­te, dass ihr Ge­schäft in ei­nem Dorf steht, das so klein ist, dass Haus­num­mern zur Ori­en­tie­rung rei­chen.

Wie kam der Ge­mischt­wa­ren­la­den im nord­west­li­chen Eck Ober­ös­ter­reichs zu 160 Mo­de­fi­lia­len, 1200 Mit­ar­bei­tern und ei­nem Jah­res­um­satz von rund 150 Mio. Eu­ro? „Wahr­schein­lich ar­bei­te­ten wir mehr, wa­ren flei­ßi­ger und mu­ti­ger als an­de­re“, wird Karl Mayr selbst­be­wusst in dem Buch zi­tiert, das ge­ra­de über den 81-jäh­ri­gen Grün­der der „Fussl Mo­de­stra­ße“er­schie­nen ist. An­ek­do­ten wie die vom fast er­ses­se­nen Stra­ßen­na­men wer­den er­zählt, als die Fa­mi­lie an die­sem No­vem­ber­vor­mit­tag in ih­rer Zen­tra­le zu­sam­men­sitzt. Man re­det durch­ein­an­der, er­gänzt und kor­ri­giert die Ge­schich­ten der an­de­ren.

Den meis­ten ist die „Fussl Mo­de­stra­ße“seit rund ei­nem Jahr­zehnt aus Fern­seh­spots im Haupt­abend­pro­gramm ein Be­griff. „Gönn dir was Schö­nes.“Oder aus den Orts­ker­nen der ös­ter­rei­chi­schen Be­zirks­haupt­städ­te mit ein paar tau­send Ein­woh­nern. 1954 ist dem 18-jäh­ri­gen Karl ei­gent­lich ein La­den mit sechs Mit­ar­bei­ter vor­ge­schwebt. „Viel schnel­ler und mit mehr Mut hät­ten wir am An­fang ex­pan­die­ren müs­sen“, sagt er rück­bli­ckend. Sei­ne Frau holt ihn zu­rück. „Es braucht ja auch Geld für die Ex­pan­si­on, das ha­ben wir da­mals nicht ge­habt.“Das sah bei der Über­ga­be an die Söh­ne Karl und Ernst zur Jahr­tau­send­wen­de an­ders aus. Sie konn­ten die da­mals 16 Fi­lia­len mitt­ler­wei­le ver­zehn­fa­chen. Seit heu­er läuft die Ex­pan­si­on nach Bay­ern, aus der­zeit acht Fi­lia­len sol­len im kom­men­den Jahr 18 wer­den. Dort sei „der Men­schen­schlag der glei­che“. Et­was glei­cher als in Wi­en. Und statt acht sind es zwölf Mil­lio­nen po­ten­zi­el­le Kun­den. Wo war mein Kon­zept? Mit Um­satz­mar­gen deut­lich über den ein bis zwei Pro­zent, die Mo­de­ket­ten im Schnitt ma­chen, läuft das Ge­schäft aus­ge­zeich­net. Es klingt pa­ra­dox. Der Auf­stieg der Inn­viert­ler, be­glei­tet von ei­ner im­mer po­ten­te­ren Wer­be­ku­lis­se, fiel mit der Kri­se der Bran­che zu­sam­men: dem Auf­stieg von On­line­händ­lern wie Ama­zon, die den Bou­ti­quen 25 Pro­zent vom Ge­schäft neh­men. Und den Auf­trit­ten von in­ter­na­tio­na­len Fi­lia­lis­ten wie Za­ra, die ih­re Kol­lek­tio­nen per­ma­nent tau­schen.

„Oh­ne gro­ßes stra­te­gi­sches Kon­zept im Hin­ter­grund“ha­be man über­lebt, wäh­rend sich ein Be­zirks­haupt­stadt­kai­ser nach dem an­de­ren ver­ab­schie­de­te. „Es gibt au­ßer uns kei­nen Ös­ter­rei­cher mehr, der im Wett­kampf mit­spielt. Der Grund für un­ser Über­le­ben ist, dass die Leu­te für un­ser Pro­dukt zu uns kom­men müs­sen“, sagt Ge­schäfts­füh­rer Karl Mayr. „Es muss so sein“, schließt er an. Er wirkt selbst ver­blüfft. Ei­nen On­li­ne­shop hat das Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men nicht. Auch wenn es des­we­gen schon 1999 tot­ge­sagt wur­de.

Stra­te­gie war na­tür­lich im Spiel, wenn auch fast un­be­merkt von der Fa­mi­lie Mayr, die ih­ren Be­trieb im­mer so ge­führt hat­te. „Fussl“fühlt sich in Städ­ten am wohls­ten, die die in­ter­na­tio­na­len Kon­zer­ne über­ge­hen. „Ein Za­ra wür­de nie in Ried, Mat­tig­ho­fen oder Schär­ding er­öff­nen, der hat ei­ne an­de­re Kli­en­tel“, sagt Karl Mayr. Dort, in den Be­zirks­haupt­städ­ten mit 10.000 Ein­woh­nern und 30.000 Kun­den aus dem Um­land, le­be der „ty­pi­sche Ös­ter­rei­cher“. Oder eher die ty­pi­sche Ös­ter­rei­che­rin. 60 Pro­zent vom Um­satz wer­den mit Da­men­mo­de ge­macht. Ih­re Kun­den woll­ten kei­nen bil­li­gen Fet­zen, son­dern so­li­de Pro­duk­te. Es sei­en die­sel­ben, die ei­nen VW Golf ei­ner Schüs­sel für 8000 Eu­ro vor­zie­hen und sich et­was mehr Wohn­raum leis­ten. Mit die­sem Kon­zept für den Durch­schnitts­ös­ter­rei­cher ste­he man in Wi­en mit den ho­hen Mie­ten aber auf ver­lo­re­nem Pos­ten. In der Haupt­stadt ist die „Mo­de­stra­ße“deut­lich un­ter­re­prä­sen­tiert. Auch jetzt, wo das Ge­schäft läuft, will man die Ma­ria­hil­fer Stra­ße mei­den? „Das ist ein­fach un­rea­lis­tisch für uns“, sagt Karl Mayr. Sie sei ein „Denk­mal des to­ta­len Über­flus­ses“, wo sich „sehr vie­le ei­ne blu­ti­ge Na­se ho­len“.

Ei­ne ty­pi­sche Ös­ter­rei­che­rin ar­bei­tet in Ort und heißt Ani­ta Ki­en­bau­mer. „Die Da­me ist Grö­ße 38 und das Maß al­ler Din­ge“, sagt Ma­ria Mayr, die mit ih­rem Mann Karl den Ein­kauf über­wacht und mit ei­ner Hand­voll Mit­ar­bei­tern die ge­sam­ten Da­men­mo­de­kol­lek­tio­nen ent­wirft. Zu stark zu- oder ab­neh­men soll­te das „Maß al­ler Din­ge“aber nicht. „Wir ste­hen zur ös­ter­rei­chi­schen Hüf­te“, sagt Ma­ria Mayr. Und durch die Schnit­te und Stof­fe, die auf den klei­nen Markt ab­ge­stimmt sind, kön­ne man sich von Ket­ten ab­he­ben, die ih­re Tex­ti­li­en welt­weit ver­trei­ben. Pro­du­ziert wer­den die Tei­le je­doch eben­falls in Län­dern wie der Tür­kei, Chi­na, In­di­en oder Li­tau­en. An­ders wä­ren Klei­der für 50 Eu­ro und T-Shirts für 20 Eu­ro nicht mög­lich. „Kein Mensch kommt hier­her“. Ent­wor­fen wird je­des Kleid aber in Ort. Ort im Inn­kreis. Die Stel­le der De­si­gne­rin war lan­ge va­kant. „Kein Mensch kommt hier­her“, sagt Karl Mayr. Da kann der eins­ti­ge Land­kra­mer noch so er­trags­stark sein. Ein Ar­beits­platz im äu­ßers­ten Inn­vier­tel ist für die meis­ten in der Krea­tiv­sze­ne kei­ne Op­ti­on. Die Grenz­nä­he mach­te aber auch er­fin­de­risch. Und brach­te dem Se­ni­or­chef bald den Ruf des Re­bel­len ein. Er woll­te den Ab­fluss von 60 Mio. Eu­ro am 8. De­zem­ber in die ge­öff­ne­ten bay­ri­schen Lä­den nicht ta­ten­los hin­neh­men. Ab 1978 wur­de mit Ver­wand­ten und Freun­den, un­ter Bei­sein des ORF und des Ar­beits­in­spek­tors, jähr­lich auf­ge­sperrt. Der „Fussl“mach­te das Ge­schäft des Jah­res.

Auch in Ös­ter­reich ha­ben die Ge­schäf­te am 8. De­zem­ber heu­te längst ge­öff­net. Der Um­satz ist lan­ge nicht mehr so her­aus­ra­gend wie 1978. Die Grenz­la­ge wirkt den­noch nach. Ein­kau­fen in Deutsch­land war das gan­ze Jahr über güns­ti­ger. Die Mayrs muss­ten mit­hal­ten. In dem Punkt sind sich ein­mal al­le Fa­mi­li­en­mit­glie­der ei­nig. „Wir ha­ben mit dem FC Bay­ern trai­niert.“

»Fussl« fühlt sich in Städ­ten am wohls­ten, die in­ter­na­tio­na­le Kon­zer­ne über­ge­hen.

Cle­mens Fa­b­ry

Links: Grün­der Karl und Ber­ti Mayr. Rechts: Nach­fol­ger Ernst und Karl Mayr. Und im Hin­ter­grund die Ver­gan­gen­heit.

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