Ei­ne Welt oh­ne Er­in­ne­run­gen

Au­to­rin Fe­li­cia Yap er­schafft in dem Thril­ler »Me­mo­ry Ga­me« ei­ne Al­ter­na­tiv­welt: Men­schen kön­nen sich ma­xi­mal zwei Ta­ge zu­rück­er­in­nern. Wie löst man da ei­nen Mord?

Die Presse am Sonntag - - Lesenhören - VON PE­TER HU­BER

Au­to­rin Fe­li­cia Yap hat ei­ne un­ge­wöhn­li­che Welt er­schaf­fen, die sich in Mo­nos und Du­os un­ter­teilt. Mo­nos kön­nen sich nur an die Er­eig­nis­se des vor­an­ge­gan­ge­nen Ta­ges er­in­nern, das Ge­dächt­nis von Du­os reicht zwei Ta­ge zu­rück. Das mag auf den ers­ten Blick kaum ei­nen Un­ter­schied ma­chen, ent­schei­det in „Me­mo­ry Ga­me“aber über die ge­sell­schaft­li­che Stel­lung. Nur Du­os er­hal­ten gu­te Jobs und le­ben in gu­ten Vier­teln. Mo­nos hin­ge­gen wer­den al­ler­orts dis­kri­mi­niert.

Ob man Mo­no oder Duo ist, stellt sich erst mit Er­rei­chen des Er­wach­se­nen­al­ters her­aus. Ers­te­re ver­ges­sen ab dem Al­ter von 18 Jah­ren, Zwei­te­re ab 23. Ein span­nen­der Aspekt: Durch Aus­wen­dig­ler­nen kann man wich­ti­ge Er­in­ne­run­gen, die man in ei­nem Ta­ge­buch fest­hält, ins Lang­zeit­ge­dächt­nis trans­por­tie­ren.

Aus­ge­rech­net Duo-Schrift­stel­ler Mark Hen­ry Evans, ver­hei­ra­tet mit der Mo­no Clai­re und Aus­hän­ge­schild ei­ner Be­we­gung für die Gleich­stel­lung der bei­den Ar­ten von Men­schen, wird in „Me­mo­ry Ga­me“des Mor­des ver­däch­tigt. Und die To­te ist kei­ne ge­wöhn­li­che Frau: So­phia ist ein Feh­ler im Sys­tem, sie kann sich an al­les er­in­nern. Da­her konn­te in ihr auch der Plan rei­fen, Ra­che zu neh­men, und zwar an Mark. War­um ist un­klar, klar ist al­ler­dings: Nur wer ein Ge­dächt­nis hat, kann nach­tra­gend sein. Mo­no-Duo–Ras­sis­mus. Misch­ehen wie die zwi­schen Mark und Clai­re sind ei­ne Sel­ten­heit, die oft für of­fe­ne Ab­leh­nung sor­gen. Ei­ne Nach­ba­rin der Evans be­schwert sich et­wa beim er­mit­teln­den Po­li­zis­ten Hans: „Auch wenn ein Teil ei­nes Paa­res reich und be­rühmt ist, soll­te man sol­che ex­klu­si­ven Ge­gen­den wie die­se nicht ver­un­rei­ni­gen mit . . . Leu­ten ei­ner ge­wis­sen Klas­se, wenn Sie ver­ste­hen.“Hans ver­steht nur zu gut. Er selbst ist Mo­no, muss sich aber als Duo tar­nen, um sei­nen lei­ten­den Pos­ten bei der Po­li­zei zu be­hal­ten.

Des­halb hat Hans auch Sym­pa­thi­en für Clai­res Di­lem­ma. Die Frau weiß, dass in ih­rer Ehe et­was nicht stimmt und dass es mit der to­ten Frau zu tun hat. Doch wel­che Rol­le spielt ihr Mann da­bei? Oder gar sie selbst? Er­in­nern kann sich Clai­re je­den­falls nicht. Und die ent­schei­den­den Ta­ge­buch­ein­trä­ge sind auch nicht auf­zu­fin­den.

Es ist ein fas­zi­nie­ren­des Ge­dan­ken­spiel, an dem die 37-jäh­ri­ge Bri­tin Fe­li­cia Yap ih­re Le­ser teil­ha­ben lässt. Für das un­kon­ven­tio­nel­le Set­ting ist das Buch al­ler­dings dann doch recht kon­ven­tio­nell ge­ra­ten, et­was glatt, et­was ste­ril. „Me­mo­ry Ga­me“ist ein per­fekt durch­kon­zi­pier­ter Thril­ler in der Tra­di­ti­on von Gil­li­an Flynns „Go­ne Girl“und Pau­la Haw­kins „Girl on the Train“(bei­de Thril­ler wur­den ver­filmt). Ein Pro­blem sind die wech­seln­den Stim­men. Egal, wer er­zählt, ob Clai­re, Mark oder Hans, es wirkt, als sprä­chen sie al­le mit ei­ner Stim­me. Le­dig­lich die nie­der­träch­ti­ge So­phie weicht ab.

Le­bens­wich­ti­ges Uten­sil in der Ge­schich­te ist das „iDia­ry“, ein di­gi­ta­les Ta­ge­buch. Wie soll­te man sein Le­ben auch sonst or­ga­ni­sie­ren? Was nicht auf­ge­schrie­ben wird, ist un­wie­der­bring­bar ver­ges­sen. Gleich zu Be­ginn von „Me­mo­ry Ga­me“mu­tet die­ses Tech-Gad­get eher wie ein plum­pes Pro­duct-Pla­ce­ment an. Der da­zu­pas­sen­de Hol­ly­wood­film wird aber wohl nicht lang auf sich war­ten las­sen.

Tim Stee­le

Fe­li­cia Yap war Bio­lo­gin, His­to­ri­ke­rin, Mo­del. „Me­mo­ry Ga­me“ist ihr ers­ter Ro­man.

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