Gau­gu­ins Pa­ra­dies: »Haus des Or­gas­mus«

Er war Ego­ma­ne, Pä­do­phi­ler (aus heu­ti­ger Sicht) und Ge­samt­künst­ler: Die Paul-Gau­gu­in-Schau im Pa­ri­ser Grand Pa­lais zeigt ein dunk­les Reich.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON AL­MUTH SPIEGLER

Es ist schumm­rig hier im Grand Pa­lais, fast dun­kel. Nicht ein­mal die sat­ten Far­ben von Paul Gau­gu­ins bes­tens be­kann­ten Ge­mäl­den schaf­fen es im­mer, aus die­sem Zwie­licht her­aus­zu­strah­len. Dies­mal sind sie fast Bei­werk, fast Ku­lis­se für die we­ni­ger be­kann­ten Ob­jek­te, mit de­nen die­ser 1848 in Pa­ris ge­bo­re­ne kon­tro­ver­ses­te Son­der­ling der Früh­mo­der­ne sich sei­ne erst gro­tes­ke, dann exo­tis­ti­sche Fan­ta­sie­welt in 3-D aus­druck­te so­zu­sa­gen: Al­so auf Ke­ra­mi­ken, Mö­bel, in Bü­cher und zu­letzt auf gan­ze Häu­ser pro­ji­zier­te.

Das „Haus des Or­gas­mus“(Mai­son du Jouir) stand am En­de sei­nes Le­bens, das er 1903 auf der Süd­see­insel Hi­va Oa, ei­ner fran­zö­si­schen Ko­lo­nie, aus­rö­chel­te, muss man wohl sa­gen. Es war die letz­te Sta­ti­on des von den Rei­se­und Sex­stra­pa­zen dau­er­kran­ken Aben­teu­rers. Er ließ das stroh­ge­deck­te Haus nach sei­nen Ent­wür­fen bau­en, ein of­fe­ner Spei­se­saal, ein Ate­lier, das Schlaf­ge­mach über ei­ne Lei­ter zu er­rei­chen, die von zwei sa­ti­ri­schen Holz-Skulp­tu­ren flan­kiert wur­den: Die ge­hörn­te stellt den ka­tho­li­schen Bi­schof der mis­sio­nier­ten In­sel dar, die an­de­re des­sen Die­ne­rin The­re­se, mit der er ein Ver­hält­nis hat­te. „Sei­en Sie ver­liebt und wer­den Sie glück­lich“und „Sei­en Sie mys­te­ri­ös“steht da­zu als In­schrift in der opu­len­ten ge­schnitz­ten Tür-Ein­fas­sung mit pa­ra­die­si­schen Sze­nen.

Ein sa­ti­ri­scher Tem­pel der Lüs­te bzw. ein Mau­so­le­um der Lüs­te: Nur zwei Jah­re leb­te Gau­gu­in hier, dann starb er ver­mut­lich an ei­ner Über­do­sis Mor­phi­um, er hat­te ein schwa­ches Herz und Sy­phi­lis. Mit der er all sei­ne ein­hei­mi­schen ju­gend­li­chen Ge­spie­lin­nen an­ge­steckt ha­ben muss, die ihm den Haus­halt führ­ten. Die letz­te war 14 Jah­re alt, die ers­te, mit der er bei sei­nem Ta­hi­ti-Auf­ent­halt 1891 zu­sam­men­leb­te, war 13. Um sie dreht sich der neu­es­te Film über Gau­gu­in (sie­he un­ten). In Eu­ro­pa ließ er fünf ehe­li­che und ein un­ehe­li­ches Kind zu­rück. Sei­ne Kunst ist von Sex, vom männ­li­chen Blick auf die nack­te Frau durch­drun­gen, nicht um­sonst si­gnier­te er manch­mal mit „PGo“, was pho­ne­tisch für ei­nen Slang-Aus­druck von Pe­nis steht.

Für Fe­mi­nis­tin­nen ist Gau­gu­in ein har­ter Bro­cken. Wie die Aus­stel­lung in Pa­ris klar­macht, war er aber in vie­lem for­mal (Ex­pres­sio­nis­mus), vor al­lem aber auch in­halt­lich vor­aus in der Kunst: Man könn­te so­gar so­weit ge­hen und in ihm ei­nen Vor­läu­fer von pa­tri­ar­cha­len, spi­ri­tis­ti­schen bzw. sek­tie­re­ri­schen Re­form­kunst­be­we­gun­gen se­hen, bis zum er­schre­cken­den Ex­trem, der Kom­mu­ne von Ot­to Mu­ehl. Auch in Gau­gu­ins Kon­strukt ei­nes un­be­rühr­ten, exo­ti­schen Pa­ra­die­ses hat­te man na­tür­lich nackt zu sein. Auch wenn das groß­teils nicht mehr stimm­te, die Chris­tia­ni­sie­rung und Ko­lo­nia­li­sie­rung war schon zu weit fort­ge­schrit­ten, als Gau­gu­in um 1900 nach Fran­zö­si­schP­o­ly­ne­si­en reis­te. Ge­gen die Kir­che. Sei­ne Bil­der, sei­ne Holz­schnit­te, sei­ne Schnit­ze­rei­en, sein Le­bens­ent­wurf weh­ren sich ge­gen die­sen Ein­fluss, ob­wohl er selbst Teil da­von war. Durch sei­ne So­li­da­ri­sie­rung mit den Ein­hei­mi­schen, mit sei­ner Kri­tik am Ko­lo­nia­lis­mus und der Chris­tia­ni­sie­rung (inkl. heuch­le­ri­scher Kle­ri­ka­ler) ist er auch ein Vor­läu­fer vie­ler heu­ti­ger ak­ti­vis­ti­scher Künst­ler, die in ih­rer Kunst wie Gau­gu­in teil­wei­se eben­falls ihr ei­ge­nes Bild der Rea­li­tät lie­fern. Kunst wird so zu bei­dem, zu Wahr­heits­su­che – aber die gibt es nur sub­jek­tiv. Al­so im­mer auch zu Pro­pa­gan­da. Aber auf die­sem Ge­biet hat Kunst schließ­lich un­schlag­ba­re Er­fah­rung.

Die Aus­stel­lung im Grand Pa­lais, die 230 Wer­ke, dar­un­ter nur 54 Ge­mäl­de um­fasst und be­reits im Art In­sti­tu­te in Chi­ca­go zu se­hen war, en­det mit der Re­kon­struk­ti­on des be­reits be­schrie­be­nen „Hau­ses des Or­gas­mus“. Sie ist als

Gau­gu­in ist für Fe­mi­nis­tin­nen ein har­ter Bro­cken. Aber er war Vor­läu­fer für vie­les.

Reu­ters

Das Ta­hi­tia­ni­sche Pa­ra­dies, das Gau­gu­in in sei­ner Kunst be­schrieb, exis­tier­te nur in sei­ner Fan­ta­sie. Die fran­zö­si­sche Ko­lo­nie war längst eu­ro­päi­siert.

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