Ein Kom­mis­sar wie aus ei­nem Alb­traum

AmŻzon Pri­me zeigt ©ie BBC-Se­rie »Rel­lik«, ei­nen Thril­ler mit RichŻr© Dor­mer Żls zor­ni­gem un© un­ãe­herrsch­tem Er­mitt­ler. Erz´hlt wir© im Rückw´rts­gŻng. DŻs for©ert vol­le Auf­merksŻm­keit vom Zu­schŻu­er un© geht Żuf Kos­ten ©er SpŻn­nung.

Die Presse am Sonntag - - Medien - VON ISA­BEL­LA WALLNÖFER

Po­chend dröhnt das Lauf­band im Takt der kräf­ti­gen Schrit­te. Der Mann, der sich hier fit hält, be­ach­tet die Fern­seh­nach­rich­ten kaum, die ihm wäh­rend des Trai­nings die Zeit ver­trei­ben sol­len: Ein Ver­däch­ti­ger sei von der Po­li­zei er­schos­sen wor­den. Chef­in­spek­tor Ga­b­ri­el Mark­ham wischt sich den Schweiß von der Stirn. Er muss sich das nicht an­schau­en – er weiß so­wie­so, was da pas­siert ist. Er war da­bei – und seit­her dreht sich in sei­nem Kopf al­les um die im­mer glei­che quä­len­de Fra­ge: War das wirk­lich der Se­ri­en­mör­der, den sie ge­sucht hat­ten? Hat die­ser Mann sie­ben Men­schen mit Säu­re über­schüt­tet und ge­tö­tet? Oder ist er Op­fer – ein, wenn auch psy­chisch auf­fäl­li­ger, Fa­mi­li­en­va­ter, dem je­mand al­les in die Schu­he schie­ben konn­te? Von Brand­wun­den ent­stellt. Am An­fang von „Rel­lik“steht al­so das En­de – und die Rat­lo­sig­keit. Wie, so fragt man sich, will die­se sechs­tei­li­ge BBC-Mi­ni­se­rie mit ih­rer un­ge­wöhn­li­chen Er­zähl­wei­se ei­ne Ant­wort auf die Schuld­fra­ge ge­ben? Denn er­zählt wird hier im Rück­wärts­gang – der Na­me ver­rät’s: Rel­lik rück­wärts ge­le­sen er­gibt das Wort Kil­ler. Im­mer wie­der springt der Plot ein paar St­un­den oder Ta­ge zu­rück, dringt im­mer tie­fer in das vor­he­ri­ge Ge­sche­hen ein – und lie­fert mit je­dem Zeit­sprung ein neu­es Puz­zle­stück mit mehr De­tails. So wird man ir­gend­wann auch er­fah­ren, wie Mark­ham zu sei­ner Ver­let­zung ge­kom­men ist: Sein Ge­sicht ist von Brand­wun­den so ent­stellt, dass al­lein sein An­blick Men­schen zum Schwei­gen brin­gen kann.

„Das Schlimms­te ist, mich selbst im Spie­gel zu se­hen“, sagt er in ei­nem der we­ni­gen Mo­men­te, in de­nen er Zei­chen der Emp­find­sam­keit zei­gen kann. Gleich dar­auf ist Mark­ham wie­der der Kämp­fer auf sei­nem Feld­zug. Sehr un­ter­kühlt und et­was zu auf­ge­dreht ist Richard Dor­mer in die­ser zen­tra­len Rol­le des Er­mitt­lers. In „Ga­me of Thro­nes“gab er ab Staf­fel drei den grim­mi­gen „Blitz­lord“Be­ric Don­d­ar­ri­on. Auch in „Rel­lik“spielt der Ire ei­ne Fi­gur mit düs­te­rem Cha­rak­ter: Mark­ham ist ein ver­bit­ter­ter Typ, der glaubt, sei­ne Te­enager­toch­ter mit sechs Wo­chen Haus­ar­rest zur Rai­son zu brin­gen, der sei­ne Frau mit ei­ner Ar­beits­kol­le­gin (un­durch­schau­bar: Jo­di Bal­four) be­trügt, oh­ne dar­aus tie­fer ge­hen­des Glück zu schöp­fen, und der ei­ne Ver­däch­ti­ge zum Re­den brin­gen will, in­dem er mit ihr in ei­ner irr­wit­zi­gen Geis­ter­fahrt über den High­way rast. Die­ser Mann hat nicht nur Alb­träu­me – er ist selbst ein Alb­traum.

Sei­ne fah­ri­gen, un­ver­söhn­li­chen Ak­tio­nen ma­chen Mark­ham auch zum Sym­bol für die Qua­len der Rück­wärts- ge­wandt­heit, für die Un­sin­nig­keit der Fra­ge „Was wä­re ge­we­sen, wenn?“Da trifft die Ver­däch­ti­ge, die auch mit Ver­bren­nun­gen im Ge­sicht le­ben muss, den wun­des­ten Punkt, wenn sie fest­stellt: „Kar­ma ist wirk­lich ein fie­ses Mist­stück.“Be­zahlt Mark­ham al­so für frü­he­re Feh­ler?

Ihm fließt je­den­falls der un­kon­trol­lier­te Zorn aus je­der Po­re – das wä­re al­ler­dings auch klar, wenn die auf­dring­li­che Ka­me­ra an sein ver­narb­tes Ge­sicht et­was we­ni­ger oft her­an­zoo­men wür­de. At­mo­sphä­risch ist „Rel­lik“als düs­te­rer Thril­ler aber ge­lun­gen. Man­che Bil­der wir­ken wie aus ei­nem Hor­ror­film. Vor al­lem die Se­quen­zen, in de­nen ein Teil des Ge­sche­hens im Rück­wärts­gang ab­läuft, in de­nen Trä­nen zu­rück ins Au­ge rin­nen, Zi­ga­ret­ten wie­der zur vol­len Län­ge er­glü­hen, ha­ben et­was Hyp­no­ti­sches. Letzt­lich aber ge­hen ge­ra­de durch die­se ver­kehr­te Er­zähl­wei­se Dich­te und Span­nung ver­lo­ren. Denk­sport für Kri­mi­freun­de. Als Zu­schau­er muss man gut auf­pas­sen, da­mit man in der von Har­ry und Jack Wil­li­ams er­dach­ten Sto­ry nicht den Fa­den ver­liert. Wie bei ei­ner Schnit­zel­jagd sind im­mer wie­der wich­ti­ge Hin­wei­se ver­steckt, de­ren Be­deu­tung erst spä­ter klar wird. Wirk­lich neu ist die­se Form des Denk­sports für Kri­mi­freun­de aber nicht: Auch Chris­to­pher No­lan er­zähl­te in „Me­men­to“(2000) ei­ne Mör­der­su­che im Rück­wärts­gang. Der ganz zu Be­ginn ge­sä­te Zwei­fel macht „Rel­lik“aber bis zum Schluss in­ter­es­sant. Es ist, wie wenn man ein Buch von hin­ten liest: Man will ja dann doch wis­sen, wie es zu all­dem kam.

Con­cor©e Film­ver­leih

RichŻr© Dor­mer sucht Żls Chief In­spec­tor MŻrk­hŻm ei­nen Se­ri­en­mör©er.

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